Mannheim
Compact Memory

Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-01-02 · N° 1. (2.1.1885) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 1. (2.1.1885)
Date
1885-01-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/6492408-5990839-5991062--0566-5367905
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

— 3 desselben auch Sprache Christi nnd der Apostel war nnd diese Sprache auf das neatestamentliuhe griechische Idiom, wo talmudische Ansdräoke nnd Redeweisen oft beibehalten wurden, den grössten Einfluss übte. Daher griffen die Reformatoren beim ersten Aufdämmern des Bibelstudinms auch zu den Rabbinen. Und bewundernswürdig war der Tact •jener Tribunen der geistigen Freiheit (? Kr.), als sie die alttestamentlicbe erhabene Prophetensprache für den Sieg der Wahrheit erlernten; sie waren durchdrangen von dem Bedürfnisse eines geschichtlichen;Wegweisers; die Wahrheit des alttestamentlic^en!Wortes war ihnen zn ernst nnd zu heilig, als dass 1 ihr subjectiver Wille wagen durfte, es willkürlich zu |deuten. Wenn ich jetzt Hebräisch anfinge, iso würde ich den Mosen und David K^mchi fleissig lernen, sagte naiv und so sehr würdig Luth er. Er empfiehlt in die Synagoge hinabzusteigen und die historisch-traditionelle Deutung des Wortes zu erfragen; er empfiehlt diese geschichtliche Kette des Schriftverständnisses, um nicht der Verkehrtheit und Willkür des eigenen Verstandes anheimzufallen. In diesem traditionell-geschichtlichen Sinne arbeiteten die besten Gelehrten des sechzehnten und siebzehnten , Jahrhunderts. So Joh. Buxtorf, der Vater. Er bezeugt, dass der Talmud Vieles enthalte, um eine 1 grosse Anzahl Stellen im N. T. vortrefflich zu erklären, sowohl bezüglich der Wörter, Redensarten, als auch der Geschichte: Sunt denique in eo, seil. Talm., quam plurima ad infinita Novi Test, loca quoad voces, phrases et historiam insigniter illustranda. maximum momentum habentia. (Epist. Dedic. ad Lex. Talm.) [ . Dasselbe bezeugt auch Coccejus: Traditiones vero humane na.xpo'Kap&boxai unde, nisi ex doctrinale | Jndaeorum peti possunt? Haeo autem pertinent sive | ad pleniorem legis Mosaicae, qua ritualis, qua judiciqjis tet moralis intelligentiam; sive ad exoticaram legum Justrationem; sive ad lumen historiarum de rebus judaicis; sive, quod maximum est (? Kr.), ad eonfirimationem historiae Evaugelicae, ubi plurima Judaioi Imoris, legum et traditionum mentio est. (I’raef. ad ISanhedrin et Msccot.) Dasselbe bezeugen dieEzardis, [Sebastian Münster und Sebastian Sohmid, [Wagenseil, Wolf u. A.“ So viel für diesmal über den Nutzen des Talmuds das volle Verständniss des N. T. Wie wenig be-!deutet das aber gegenüber der unerschöpflichen Fülle!hochragender ewiglichter Ideen und wissenschaftlicher I Belehrungen überhaupt, jener edeln Blüthen des Geistes- [und Gefühllebens, die uns der Talmud bietet! Wir schwören ebensowenig auf jedes Wort der I Talmudlehrer wie der Talmud selbst, der gar manchen [Lehrer recht scharf kritisirt: diesen wegen ungenü- [gender Bibelkenntniss, jenen wegen unzureichenden Verständnisses der Gesetzesentscheidungen (Halacha), leinen andern wegen unzulänglicher Auslegekunst!(Haggada) u. s. w. Ja, wir schwören ebensowenig auf jedes Wort der Talmudlehrer wie unter andern hochberühmten und strenggläubigen Rabbinen R. Samuel ben Chofni Gaon, dessen bezüglichen Ausspruch wir in No. 2 vorigen Jahrg. angeführt haben. Und dennoch möchten wir kein Wort, des Talmuds vermissen; selbst in dem von Unwissenden und Flachköpfen sogenannten ״talmudischen Aberwitz“ findet der in den Geist des Talmuds eindringende Forscher noch gar manche entzückende Geistes- und Herzensblüthen. Wir behalten uns vor, solchen ״talmudischen Aberwitz“ sogar im N. T. nachzuweisen. Wie werden da nur die Rohling, Justus, Stöcker und geistesverwandte ״Pioniere der '.Cultur“ seufzen: Ach, selbst das N. T. ist nicht blos laltbiblisoh ״verjüdet“, sondern sogar ״vertalmudet“! — Litteraturbericht. Recensionen. (ספר היסודות) Sepber HUjjessodoth, das Buch über die Elemente. Ein Beitrag zur jüdischen Röligionsphilosophie des Mittelalters von Isaak b. Salomon Israeli nach dem aus dem Arabischen in’s Hebräische übersetzten Texte von Abraham b. Samuel Halevi Ibn Chasdai aus einer Handschrift der Universitäts-Bibliothek zu Leyden mit Vergleichung einer andern der Königlichen Hof- und Staats- Bibliothek zu München u. a. m. zum ersten Male herausgegeben ins Deutsche übersetzt und mit Anmerkungen, sowie mit einer biographischen Einleitung versehen von Dr. Salomon Fried, Rabbiner in Anhalt-Bernburg. I. Einleitender Theil. Leipzig, Buchdrackerei von W. Drugelin 1884. Welche Gelehrsamkeit, welche Ausführlichkeit liegt nicht schon in diesem Titel aufgespeichert! Und auch das Buch ist ein tüchtiges Stück Gelehrsamkeit und Ausführlichkeit, fast möchte ich sagen: für einen Verfasser zu viel Gelehrsamkeit und für diesen Gegenstand zu viel Ausführlichkeit. Mit einer fast kleinliehen Minutiosität sind aus der ganzen jüdischen Litteratur des Mittelalters alle Stellen angeführt, in denen Isaak Israeli nur irgendwie erwähnt wird, und es ist zu bewundern und für den Verfasser höchst ehrenvoll, dass eine so vollständige, umfassende Belesenheit in dieser Litteratur ihm zur Disposition steht. Aber so reiche Mittel an eine , so verhältnissmässig kleine Aufgabe, wie eine Einleitung zum Sepher ha-jessodoth, verwenden, heisst doch wohl verschwenden. Es genügt nämlich dem Verfasser niemals in kurzer Notiz die Stelle anzugeben, wo Israeli citirt wird, sondern er giebt gleioh die ganze Stelle in extenso, wobei noch als besondere Eigenthümlichkeit eine Art chronologischer Manie hervortritt bei jedem oitirten Namen ohne Ausnahme Geburts- und Todesjahr anzuführen. — Und es ist ganz, ich möchte sagen, beschämend für den grössten Theil der Litteraten, die nicht ohne starke Veranlassung au die Arbeit gehen, wenn in diesem Buche um der geringfügigsten Veranlassungeu willen die weitgehendsten Exoursionen angestellt werden. So ist es nicht genug, dass 12 Seiten Citate der eben beschriebenen Art gemacht werden, nein das Werk geht auch nooh in weitern 20 Seiten den ״Spuren“ nach, welche auf eine Kenntniss Israeli’s hinweisen. Wie charakteristisch solche Spuren sein müssen, um vom Verfasser gewürdigt zu werden, kann man an einigen Beispielen ersehen. S. 58 wird eine Keuntniss I.’s daraus gefolgert, dass Donnolo in seinem ״Buche der Schöpfung“ der Ansicht ist ״dass man jede bildliche Vorstellung von Gott fern halten müsse“, ״dass Gott die Welt aus Güte und Gnade erschaffen“ (S. 59). Bachja ibn Pakuda verräth eine Kenntniss I.’s dadurch, dass ״der Schöpfer die Welt aus dem Nichts in’s Dasein rief“ (S. öl). Gabriol wird in 2 Seiten citirt in der Voraussetzung, dass I. ihm wohl nicht unbekannt geblieben sein wird, und als Uebereinstimmung gilt schon die höchst originelle (!) Ansicht Gabirols ״dass der Mensch durch Seelenreinheit das Wohlgefallen Gottes erwerbe“ (S. öö). So stringent sind fast alle aufgefundenen ״Spuren“. Freilich ist dabei nur zu verwundern, dass diese Spuren- Sammlung nicht eine noch reichere Ausbeute ergeben hat. Denn wo gäbe es wohl einen jüdisch philosophischen oder exegetischen Schriftsteller, der nicht einmal diese allen Juden gemeinsamen Ansichten geäussert hat, die oben als ״Spuren“ angeführt sind. In der alten Streitfrage, ob Israeli Verfasser eines gewissen Commentars zum Sepher Jezira ist, stellt

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.