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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1885-01-02 · N° 1. (2.1.1885) · p. Seite 2

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
14 (1885)
Issue
N° 1. (2.1.1885)
Date
1885-01-02
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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- 2 — \ ־ Vw ^0^ i-1iC 4־ Litteraten, die das Christenthum in empörender Weise angriffen, bereits wiederholt heimgewiesen. Wir haben es in solcher Hinsicht u A. immer mit Friedrich v. Schlegel gehalten, der (Sämmtliche Werke 2,240) sagt: ״Wer fühlt nicht, dass das innere religiöse Gefühl eines jeden Individuums, als eine Gewisseussache und etwas Heiliges, nur mit der tiefsten Schonung berührt werden darf und behandelt sein will? Dass diese Mässigung, die nicht aus der Halbheit, sondern aus der Gewissenhaftigkeit de* Gesinnung hervorgeht, mit der grössten Entschiedenheit derselben vereinbar ist, wird leicht einem Jeden einleuchten, ja, sie wird um so mehr vorwalten, je mehr der Glaube an die Wahrheit sich selbst klar geworden und zur höchsten Gewissheit gediehen ist.“ Wenn mancherlei in dem Elaborat — und zwar, wie wir später darthun werden, mit Recht — als ge- ־ eignet bezeichnet wird, in vielen christlichen Kreisen Aergerniss zu erregen, so verwahren wir Juden uns ernstlich dagegen, uns für Ansichtsäusserungen eines Neubekehrten verantwortlich zu machen. Hinsichtlich der ״Gedanken“ dürften wir noch besonders auf den unverkennbaren Umstand hinweisen, dass sie nicht blos eines Neophyten, sondern zumeist eines Christen Schweiss gekostet haben, und wir um so entschiedener für die Art und Weise, wie Beide sich die Treibhaustemperatur des gegenwärtigen Büchermarktes zu nutze machen wollen, jedwede Verantwortlichkeit von uns ablehnen. Die Behauptung bezüglich des Abscheues vor der Judenbekehrung ist durchaus zutreffend. Wir erinnern hier unter zahlreichen verwandten Kundgebungen hervorragender Christen nur an diejenige des weitberühmten gelehrten Schriftstellers und Staatsmannes Barthelemy Saint-Hilaire; die Ansicht dieses vielgefeierten Mannes ״mit dem genialen Tief blick“ wird wohl etwas mehr Geltung beanspruchen dürfen, als die des Herausgebers der zehn Folioblätter; wir erlauben uns namentlich auch deshalb jene ausführlich wiederzugeben, weil angesichts derselben wohl Niemand die Kühnheit haben wird, uns ruhmrediger Selbstbespiegelung zu zeihen: ״Niemals sollen die Juden Christen werden; ich würde diesen Uebertritt für ein unermessliches und nicht wieder gut zu machendes Unglück betrachten. Es giebt in der ganzen Welt kein Volk, das ein so augenfälliges Beispiel zäher Ausdauer und unerschütterlicher Glaubenstreue gegeben hätte, wie das jüdische Volk; es giebt keine Nation, die einen so mächtigen religiösen Einfluss auf die Menschheit ausgeübt hätte, wie Israel. Die Bibel mit der Genesis und den Psalmen ist bei weitem das grösste Buch unter den heiligen Büchern der Nationen und sie ist es, die das jüdische Volk zum ״Volk Gottes“ macht. Derjenige Tag, an dem die Juden Christen würden, wäre ein unglückseliger Tag; die Lücke, die durch solche Ab8chwörung des jüdischen Glaubens seitens der Juden entstände, könnte niemals ausgefüllt werden. Die Juden müssen eben unter Beibehaltung ihres Glaubens, der mehr als drei Jahrtausende alt ist und in dem selbst dieser lange Zeitraum keine wesentliche Veränderung hervorrufen konnte, für alle Zeiten das bleiben, was sie jetzt sind. Sie sind ein unvergleichliches Muster, das der menschliche Geist missen würde; und dieses Verschwinden des jüdischen Glaubens wäre gerade heute um 80 trauriger, als die Gottesidee, wenigstens vorübergehend, in sehr vielen Geistern, die sich aufgeklärt und gelehrt dünken, bis zum Verschwinden abgeschwächt ist. Das menschliche Gewissen bedarf des ewig lebendigen Protestes Israels and der unerschütterlichen Stütze, die es dort gegen seine eigenen Schwächen und gegen die Zwei? *!Tuu'- die das Christenthum bedrohen. loh glaube, im Namen der Philosophie diese n. Anschauung zum Ausdruck bringen zu dürfen — e.ue Anschauung übrigens, die keineswegs neu ist, und die ich schon mehr als einmal öffentlich ausgesprochen habe. Was die gegenwärtigen Verfolgungen betrifft, 80 mögen sie die Juden mit demselben Muthe ertragen, mit dem sie schon so viele, nicht minder grausame, ertragen haben. Diese schändlichen Barbareien werden enden und es wird ein Tag kommen, an dem die Israeliten überall das sein werden, was sie in Frankreich bereits sind: Bürger, wie alle Andern, und wo sie mit ihren Mitbürgern leben werden, wie die Kathoiiken und Protestanten unter einander leben, unter gemeinsamen Gesetzen, die sie trotz der religiösen Differenzen in gleicher Weise schützen werden.“ Fürwahr, bei einem Vergleich dieser, von so tiefem Ernste und so hohem Gesinnungsade! getragenen Kundgebung eines viel verehrten Christen mit den ״Gedanken eines Juden“ steigt mir die Sohamröthe ins Gesicht! bemerkte uns jüngst ein befreundeter Glaubensgenosse. Ueberlassen Sie, erwiderten wir ihm, das Erröthen doch getrost denen, die mehr, oder richtiger, allein Ursache dazu haben. Nach diesen allgemeinen Betrachtungen schliessen wir uns prüfend und urtheilend, das Ineinandergewirrte und Dunkle sondernd und klärend, der Gedankenfölge der ״Gedanken“ an. (Fortsetzung folgt.) Colleetanea. Von Dr. Krön er, Rabbiner in Brandenburg a. d. H. XX. Der Talmud und das N. T. Welch’ einen wilden Wortschwall ergossen in unserer Zeit wieder zahlreiche Broschürenhelden, Sold- Zeitungsschreiber, Miethstäuflinge, Streber mancher Art, welche die Litteratur lediglich als Arena ihrer unlautern Sondergelüste betrachten, über den Talmud, den sie nicht im mindesten verstehen, oder gar niemals gesehen! Die Herren erschöpften indess allgemach ihren Wortschatz und — die Geduld ernster Leser. Diese beachten jenen Wortschwall, so sehr er sich als Quintessenz aller Weisheit gerirt, kaum noch, oder nur zur Erheiterung — ist er doch stellenweis allerdings von erschütternder unfreiwilliger Komik; indess giebt es noch immer, namentlich unter Christen, Leser genug, die ihn für unwiderlegliche Wahrheit halten und wähnen, es wäre doch recht heilsam, ein Autodafä dieses bösen, im besten Falle nutzlosen Talmuds zu halten. Da erachten wir es denn für geboten, hier einmal einige gewichtige Stimmen christlicher Gelehrten in Erinnerung zu bringen, die sich über den Nutzen des Talmuds auch für das volle Verständniss des N. T. äu88em, den wir bereits in unserer Besprechung der ״Kritik der revidierten Lutherbibel“ von Dr. Schwalb, N0.47 d.B., vorigen Jahrg., angedeutet haben. Wir sagten: ewichtige Stimmen! Denn wenn irgendwo, gilt auf em Gebiete der Wissenschaft der Satz: Man muss die Stimmen wägen, und nicht zählen. In der Einleitung zu seiner Uebersetzung des talmudischen Tractats Abodah sarah (,zweite Ausgabe, 1868) schreibt Dr. F. Chr. Ewald, evangelischer Prediger in London — dessen Stimme um so beachtenswerther ist, als ihm wohl Niemand strengste Kirchliohkeit, Angesichts der diesbezüglichen Kundgebungen in seiner Schrift, absprechen wird: ״Die Wichtigkeit des Inhalts des Talmuds leuchtet ein, wenn man bedenkt, dass die Sprache

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