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Das jüdische Literaturblatt · 1881-11-30 · No. 48. (30.11.1881) · p. Seite 190

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
10 (1881)
Issue
No. 48. (30.11.1881)
Date
1881-11-30
Page
Seite 190 (sequence 2)
Language
German
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100 — bilder von Geist and Moral, welche selbst schweigend darthun, wie thörcht, unbillig und unwürdig solches Verfahren ist. Und auch, wenn kein Anderer zu.pennen wäre, als Mendelssohn aus dem vorigen und Sal• vador aus unserem Jahrhunderte, wäre es genug. Eine Nation, welche sich solcher Menschen rühmt, vermag das Land zu ehren, welches sie aufnimmt und mit ihr die Rechte und Wohllhaten seiner eigenen Civilisation theilt.“ — Wir haben es schon früher gesehen, Salvador ist nicht allein in seinem Wesen ein Kind seiner Zeit, er fühlt auch jede ihrer Strömungen, wird von ihnen erregt und sucht auf sie zurückzuwirken. So war er der vollen Ueberzeugung, dass die immer wieder auftauchende und die Ministerien Frankreichs stürzende orientalische Frage einen unbestreitbaren Zu* sammenhang habe mit der religiösen nicht minder, wie mit der politischen Situation des Occidentes. Schon unter der Restauration hatte S. geschrieben: ״Nachdem der Occident Künste, Civilisation und Religion von den Küsten Asiens geholt hat, wird er durch die Macht der Thatsachen gezwungen, sie wieder dorthin zurückzubringen. Neue Interessen erwecken neue Ideen — und sicherlich muss di« politische Bedeutung Jerusalems und des Landes Israels wieder erstehen, sobald es dem Genie der Menschen wird gelungen sein, die Landenge von Suez zu durchstechen und das Wasser des Oceans mit dem des Mittelmeeres zu mischen.“ Deshalb vertiefte er sich seit 1840 in die Geschichte Israels während der Zeit, die er für seinen ״Jesus Christ“ schon studirt hatte und die Frucht dieser Studien war die ״Histoire de la domination romaine en Judde et de la ruine de Jerusalem“, die 1847 in zwei Bänden erschien. Es ist dies ein ewig junges Thema, unerschöpflich an moralischen und politischen Lehren. Es bietet der Kunst des Erzählers das Rührendste wie das Schrecklichste, was die menschlichen Annalen nur geben können. Der Fall Jerusalems zittert noch heute in der Welt nach. Es bäumt sich in S. der Jude auf gegen die Geschichtsfälschung des Verräthers Flavius Josephus, den sein Namen schon als Ueberläufer stigniatisirt. Ja S. liebt Jerusalem. Leider kann die Liebe mangelhafte (Quellenkunde nicht, vervollständigen. Und doch — man wird geneigt, diesen Mangel zu übersehen, wenn man liest: ״Lasset uns noch leiden! Die Jahrhunderte sind nur Tage im Leben eines Volkes, und diese Jahre der Erniedrigung und des Schmerzes werden beitragen zu unserem Ruhme, .zur Belehrung der Welt und zum Glücke unserer Kinder.“ (Forts, f.) ״Franz Liszt über die Juden.“ Dieses ist der Titel einer soeben erschienenen Broschüre, deren Verfasser durch das ziemlich durchsichtige Pseudonym Sagittarius*) leicht zu errathen ist. In derselben werden die neuesten ebenso heftigen, wie sinnlosen Ausfälle Franz L i 8 z t’ 8 gegen die Juden mit wahrhaft mörderischer Satire zurückgewiesen. Es ist unbegreiflieh, wie ein Hohepriester des Schönen in eine Reihe mit der Hefe antisemitischer Fanatiker herabsinken konnte! Noch erstaunlicher '8t es, dass Franz Liszt in der neuen Auflage seiner verrufenen Broschüre: ״Des Bohemiens et *) (Musikschriftsteller Schutz.) de leur musique en Hongrie“ (Leipzig, Breitkopf <fc Härtel, 1881) nicht nur alte Irrthümer, sondern auch noch ein grösseres antisemitisches Einschiebsel ä la Istöczy und Stöcker machen konnte! Es liegt eine tiefe und traurige Verirrung des Mannes vor uns, so tief und so traurig, dass wir alle jene davon zeugenden Stellen nicht, wiedergeben wollen, die eben Sagittarius mit einem geradezu vernichtenden Commentar begleitet.*) Hier einige markante Stellen aus der Abfertigung, welche Herr Sagittarius dem in Musik gesetzten Antisemitismus angedeihen lässt: ״Wollte man das alberne Geschwätz des alt gewordenen Abbe’s ernst nehmen, so würde man ihm sagen, dass es nicht hübsch sei von einem christlichen Priester, unter der heuchlerischen Maske des Kunstrichters und des Weltverbesserers ein ganzes Volk zu beschimpfen und mit Koth zu bewerfen, — mehr noch, die gebildete Welt zum Hasse und zu Gewaltthätigkeit aufzureizen gegen ein Volk, das wie alle anderen seine Fehler und Schwächen besitzt, gute und böse Menschen in seiner Mitte zählt, wenn man gleichzeitig mit Leuten dieses Glaubens verkehrt, gar manche hübsehe Jüdin in seinem Leben besucht hat und ihr gar den Weihekuss (auf die Stirne natürlich!) ertheilt hat, wenn man es nicht verschmäht hat, in gar manchen Salons zu erscheinen, deren Inhaber bisher nicht das geringste Bedüsfniss nach der heiligen Taufe verspürten. Ja, Herr Abbe, es leben sogar in unserer Mitte nicht wenige bevorzugte Leute, die das Glück hatten, Sie »uweilen in solchen Gesellschaften anzutreffen und sie machten gar nicht Miene, als ob Sie sich übel befänden in der Gesellschaft der ״femmes de cette race si belles, 8i intelligentes et si devouees“, wie Sie sich in Ihrem Buche über die jüdischen Frauen äussern. Alles das würde man Ihnen sagen müssen, Herr Abbe, wenn man Sie ernst nehmen würde. Aber das lallt Niemandem ein. Ja, ich möchte darauf schwören, dass Sie selbst nicht an Alles glauben, was Sie der Welt in Ihrem neuesten Opus kund und zu wissen thun. Sie wollten nur zu Ihrem siebzigsten Geburtstage die Welt mit etwas Neuem, Ungewohntem überraschen — gleichwie die Könige von Spanien ihren Geburtstag mit einem besonders reich garnirten Autodafc zu feiern pflegten.“ Eine noch entschiedenere Verurtheilung erführt Liszt von Eduard Hanslick. Dieser bemerkt zu diesen Fieberphantasien dieses kranken Greises: ״Ob es von dein Einflüsse Richard Wagners, des grossen Judenfeindes, herrühre oder vou Lisz’s geistlicher Umgebung in Rom, jedenfalls ist es ein trostloses Schauspiel, einen geistreichen, bisher auch wohlwollenden und humanen Menschen wie Liszt zu solch schmutzigem Abgrunde von Gehässigkeit herabsinken zu sehen, Arm in Arm mit Leuten wie Stöcker und Istöczy. In der That macht diese neueste Phrase des alten Herrn einen zu pathologischen Eindruck, als dass inan sieh so recht eon ainore Uber ihn lustig machen könnte. Ernsthaft kann man ihn noch weniger nehmen, obwohl er seine antisemitischen Recepte vollkommen ernsthaft verkündigt.“ Man sieht, Liszt, der Schwiegersohn Richard Wagner's, ist nicht frei geblieben von dessen Verderbliehen Einflüssen. Ibis ist die Sprache eines wilden Fanatikers, das ist der Ausbruch einer Verfolgungs- *) Liszt fordert die Austreibung der Juden aus Europa. Er schlägt zu diesem IMmfe vor, Palästina für neutral zu erklären und unter den Schutz der Grossmächte zu stellen, deren B inner auf dem heiligen Grabe weher, sollen, wo auch, wie an allen Ubrigen durch die Tradition geheiligten Orten, christliche Soldaten die Wacht zu lialteu hätten. Oie Christen dürfen dies nicht von sieh weisen, denn es handelt sich um ihre eigene Erhaltung. Wenn die Juden sieb weigerten, so müssen sie mit Gewalt transferirt, nötigenfalls über die Grenze gejagt werden!

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