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Das jüdische Literaturblatt · 1881-09-21 · No. 38. (21.9.1881) · p. Seite 150

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
10 (1881)
Issue
No. 38. (21.9.1881)
Date
1881-09-21
Page
Seite 150 (sequence 2)
Language
German
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150 — dass die Erfüllung nicht fehle. Wie iu der Familie nicht darauf gewartet werden kann, bis das Kind mit der Pflicht des Gehorsams gegen die Eltern, mit der Anerkennung der väterlichen Autorität innerlich Ubereinstimmt; wie im Staate nicht gewartet werden kann, bis jeder Einzelne seine Zustimmung beispielsweise zu dem Verbote des Diebstahls, im Allgemeinen zu der Autorität des Gesetzes und der Obrigkeit ertheilt, so auch in der Religion. Die Religion fordert von dem Einzclncn die Ausübung der Tliat mit freiem Willen und innerer Uebereinstimmung. Dies aber ist eine Vollkommenheit, zu welcher der Einzelne sich erheben soll, die aber zunächst nicht für die Ges am m theit vor Ausübung der moralischen That und Erfitllung der gesetzlichen Pflicht zur Bedingung gemacht werden kann. Die moralische Gesinnung ist daher auch im Judenthum für die religiöse That nicht ausgeschlossen, sie wird von Moses wie den Propheten gefordert, von diesem ausdrücklich betont und auch von den Rabbinen, selbst den Orthodoxen und Kabbalisten, stets in den Vordergrund geschoben (כונה). Mit den bezüglichen Einleitungs- und Vorbereitungsgebeten hat man sich vor Erfüllung der gesetzlichen Pflicht immer erst der Bedeutung und Gesinnung zu versichern, um die That nicht zu einer blos mechanischen, gesinnungslosen zu machen. Wir erkennen demnach, wie verkehrt es ist, wenn die christliche Theologie das Judenthum als Religion des Gesetzes tadelt, und diesem eine grössere Inferiorität zuschreibt im Verhältnis« zu der angeblich höher stehenden und vollendeten Religion des Christenthums. Theorie und Praxis, Lehre und Geschichte, stehen hier aufSeiten des Judenthums und bezeugen das Gegentheil. Dr. R.— A. Tosefta-Varianten II. von Dr. Zuc k e r m n 11 d e), Obcrrabb'ntr in Trier. (Fortsetzung von Nr. 25.) Von den Bibelcommentatoren Raschi, Esra und Raschbm zu ועושה חסד לאלפים hat jeder seinen Vertreter in den alten Erklärungen. Entsprechend den genannten Coinmentatoren haben wir eine alte den Buchstaben deutende Erklärung, eine philosophische und eine grammalische. Es scheint keinem Zweifel zu unterliegen, dass nach unserer Tosefta-Stelle man gelesen hat לאלפים,*) woraus folgt, dass die Eigenschaft der Güte die der Strenge fiinfliundertmal übertrifft. Der Widerspruch mit Deuteron 7,0 fiel wohl anfangs nicht auf, und als er aufgeworfen wurde,**) gleichfalls mit Raschi nach Gemara (Sota 31, auch Juikut z. St.) gelöst #לאלפים לאוהבי ״bis zwei tausend Denen die mich üel>enולשומרי מצוותיו ,״ ״ ,לאלף דורdenen, welche die Gebote beobachten, nur äusserlich fromm sind, nur bis ins tausendste (Jeschlechtst) Diese Erklärung hat den Tanaiten B. Simon l>. Eleasar zum Autor. Man kann nicht läugnen, ״) Vergl. Uerliner's Raschi zur Stelle. **I Mit U nrei'bt meint Ibn Esra Exodus 20,5, dass gar kein Anlass vorhanden sei, beide Stellen zusummenznbringen, zumal er selbst Deuter 7, 10 mit Hinweis auf *פוקד*** על שלשים erklart; man bat also vollkommen Kerbt, den fritbereu Vers mit עושה חשד zu parallellisiren, wie es auch Ksrhbm und andere Krklärungen tlmn,uber der Einwand Rschbm's gegen lbn Esra zu פוקד (9. Ex. 34,7), dass daun der Satz כרובה מרח טובה nicht richtig wäre, ist zu beseitigen, vgl. Tos. 62: בזמן שהצדיק f) Solche סכוכין «erden auch für die llalaclia eruirt, 9.T. 16426. dass das eine feine Bemerkung ist, wenn auch nicht nach dem פשט. — Ibn Esra nimmt die bestimmte grosse Zahl tür unendlich, unergründlich, wie es in Ps. 103, 17 heisst.: * וחסד ה״ מעולם ועד עולם. Eine ähnliche Erklärung finden wir in Mechilta z. St. (p. 68b ed. Friedmann), ״wirst Du meinen לאלפים sei zu erklären mit zwei tausend, denn der kleinste Plural ist zwei, deshalb heisst es (Deut. 7,0) bis iu’s tausendste Geschlecht, d. h von (Jeschlecht zu Geschlecht ohne Grund und ohne Zahl “ Hier dient gerade die Verschiedenheit der Zahl als Beweis, dass sie nur metaphorisch für nnendlieh steht, denn sonst würde an beiden Stellen dieselbe Zahl genannt sein.*) Wie nun die Ausdrücke לאלפים und לאלף דור ihren Gegensatz durch letztere Erklärung verloren haben, also auch die Ausdrücke לאוהביו ולשומרי מצותיו. Die שומרי מצוה sind die אוהבים, insolern die Ausübung der Gebote mit Opfern, ja mit Gefahren verbunden ist. — Aber auch Rschbm’s Ausgleichung des Widerspruchs durch d e grammatische Bemerkung, dass לאלפים auf בנים zu beziehen sei, sing. אלפי und wie ״ ,רבעיםim vierten Gliede“ so ״ לאלפיםin’s tausendeste Geschlecht“ heisst,**) muss schon Vorgänger gehabt haben, da die Targumiin sowohl Exodus als Deuteron, a. a. O. gleich übersetzen. Onkelos hat an allen drei Stellen לאלפי דרין und Jonathan )לאלפי. Sie haben also alleStellen gleichgesetzt, entweder wie Rschbm. oder sie haben לאלף דור für Plural genommen, wie ויהי לי שור וחמור. Wenn nun auch sicher die ersten zwei Erklärungen aus alter Zeit stammen, so charakterisirt sich die erste als die naive ältesie, in welcher man keinen Anstoss nahm zu sagen, die Güte Gottes übertrifft 500 mal seine Strenge, ohne deshalb von philosophischem Scrupel gepeinigt zu sein. Sie entspricht der einfachen Erklärung der Sopheriin. Spätere philosophisch gebildete Tanaiten gaben die zweite Erklärung der Mechilta. Auch die verschiedene Ausgleichung der Widersprüche von לאלפים und לאלף דר reflectiren verschiedene Zeiten. Die erste erklärt sich aus einer Zeit, in der der Ausübung der Gebote kein Hindemiss in den Weg gelegt war, und man, wie es die Propheten thun, init besonderem Nachdruck die fromme Gesinnung einschärfen will. Der blosse שומר מצוד׳ steht niedriger als der אוהב ה׳, — die zweite stammt aus einer Zeit, in welcher die Uebung der Geseize mit Gefahr verbunden war, da offenbart sich die Liebe zur Religion eben in der Beobachtung der Gesetze, da ist der שומר פצוה zugleich 'אוהב ה Soviel ist sicher, dass der Derasch unserer Tosefta Stelle in eine höhere Zeit hinaufreicht, als der der Mechilta. Es ist bemerkenswertli, dass die Begründung unserer Toseftastelle zu dem Satze כרובה פדה הטובה, de!‘ uft citirt wird Mechilta 49a ed. Fr., Joma 70, Synhedrin 100, Sota 11 nicht beigegeben ist, sondern es wird in Joma und Synhedrin der Beweis aus Mechilla gebracht von Ps. 78. ״Er befahl den Wolken von oben und die Th (Iren des Hirnmels öffnete er“, dass die Güte Gottes viermal stärker sei, als die Strenge, denn bei der Strafe heisst es: rl)ie Fenster des Himmels werden geöffnet“, da eine Tliüre so gross sei als 4 Fe11ster.f) Sollte man nicht später den Beweis aus חסד לאלפים fallen gelassen 11a- *) im לקח טוב (p. 160 eil. «aber) ist die Stelle lückenhaft gegeben. »*)!11 der Tliat eine ״vortreflliehe“ Erklärung, zu denen sie Rosin (S. 102 seiner Prograimnarbeit R. Samuel b. Meir) zahlt, aber so ganz ohne Schwieri; keit ist sie doch nicht, da Ex. 34. 7 לאלפים vorher steht, und בנים folgt, und das eine deutlichere Umwandlung des Wortes erfolgen müsste, tiliulicli wie sei רבעים. t) Zu Joma a a. 0. fügt Raschi als Erklärung zu כרובה כדה טובה die HegrUndung aus unserer Toseftastelle hinzu, was mit Recht R. Samuel Edel« auffallend tiudet, der Satz wird ja durch den neuen Vers begründet, wie es in Synhedrin noch deutlicher ist. Ruselii hat die Frageform וכי איזה מיה מרובה <lazu veranla st, aber das ist kein Beweis, da iu unserer Toseftastelle dieselbe Form gewählt ist. i

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