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Das jüdische Literaturblatt · 1881-09-21 · No. 38. (21.9.1881) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
10 (1881)
Issue
No. 38. (21.9.1881)
Date
1881-09-21
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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iS«. 3§t Das Jahrg. X. Jüdische Literaturblatt. 1 Zur Beieicht»( »Iler Judentham und Jnden betretenden llternrleek- Ernehetaunjen nnf dem Gebiete der Philosophie. Geschichte, Ethnographie,Theologte.Orlentslin, Exegese, Ho- ■iletik, Litnrgth, Pädagogik. Iler8ns״e״el)en Rabbiner Dp. ülorilx Rnhiiier. Ma^deburs, £B1. September W8I. Bicher der einschlägigen Li• teratnr, weiche der Kedactioa sngesandt werden, Anden in diese■ Blatte eingeh.Besprechang. BelElnseadang von x w e l Receusionsexeaplaren erfolgt nach Erwähn. Ld.Wochensehr. Das jBdlsehe i.lterntssrhlit<“ erscheint wöcheut 1 ich in einem halben Bogen; Preis bei allen Buchhandlungen 0° Lei piig bei Robert Friese) pro Jal1rgang:8 llk. 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Zweifelsohne trägt das Christentlium einen civilisatorischen Beruf in sich und hat einen solchen ja auch gellbt; aber auffällig ist es doch, wie langsam sich dieser Einfluss geltend macht, und wie sehr dessen Wirkungen und Resultate oft hinter den Erwartungen zurückbleiben. Gar viele Völker, obgleich Christen, zeigen sich von dem civilisirenden und moralisirendcn Einflüsse des Christenthums kaum berührt oder doch nicht so weit gestärkt, um nicht bei den geringsten Versuchungen in barbarische Rohheiten und Ausartungen zu versinken. Die grosse Masse selbst unter den sogenannten civilisirten Völkern ist in der Regel von solchen Rückfällen in den Barbarismus der Vorzeit nicht ausgenommen, und wie der civilisirte Mensch nicht immer erst mit dem Baron aufängt, so hört der uncivilisirle Pöbel nicht immer schon mit dem Baron auf. Nicht blos Rohheiten und Ausartungen des Kriegslebens geben davon Zeugniss, sondein beispielsweise auch in unseren Tagen die Nationaiiiäts- und Racenhetzen; .Juden- und Deutschen-Hetzer in verschiedenen Ländern bezeugen, wie viel Rohheit und Barbnrismus noch selbst in dem sogenannten civilisirten Menschen steckt. — Im Judenthum ist es anders Selbst als Israel den grausamsten Verfolgungen und der tiefsten Erniedrigung ausgeselzt und von Barbarismus umgeben war, sank es nie so tief, dass es nicht geistig und sittlieh Uber seine Gegner erhaben gewesen wäre; kraft seiner Religion bat es sieb stets vor geistiger und sittlieber Versunkenheit bewahrt, und trotz aller materieller Bestrebungen, worauf man es gewaltsam verwiesen ha*, ist es doch nie den geistigen und sittlichen, überhaupt idealen Interessen des Lebens entbandet word?n. Woher kommt dies? Die civilisatorische Kraft des Christenthums ist doch derjenigen des Judenthums verwandt, und jenes hat seine geistigen Anschauungen und sittlichen Lehrsätze meistens von diesem Uberklotnmen. Es scheint uns darin zu liegen: das Christenthum bietet sich dem Volke hauptsächlich nur in Theo* rien und Lehrprincipien dar, das Judenthum dagegen in Gesetzen. Jene sind dem gewöhnlichen Volke weder begreifnoch verwendbar, hier dagegen wird ihm die Anwendung in der practischen Form von Gesetzen vorgelegt. Die abstracten Ideen der Moral gleichen dem flüchtigen Aetlier, der als Geist sich verflüchtigt und von dem Volke weder gefasst, noch festgehalten werden kann, im praktischen Gesetze dagegen bietet er sich als palpables Object, als fassbare Materie, als haltbares Concretuin, in einer Form, wie die Idee für das Leben sofort und stets verwendbar ist. Auch selbst in den religiösen Ceremonien bietet sich ein Mittel, den abstracten Ideen eine feste Gestalt zu geben und zu verhüten, dass sich der geistige Gehalt desselben verflüchtigt. Die Ceremonie ist gleichsam ein Gefäss von durchsichtigem Körper, worin die geistige Idee festgehalten und vor Augen geführt wird, um sie stets wieder dem schwachen Gedächtniss in's Bewusstsein zurückzurufen. In keiner Religion werden diese practisehen Mittel zur geistiger. Erhebung und sittlichen Erziehung des Volks besser und häufiger gehandhabt, als im Judenthum, Darauf ist dessen civilisatorischer Einlluss und mächtige Einwirkung auf die Masse des Volks zurückzuführen. — Wir wissen, dass das Christeuthum einen Ruhm darin sucht, mehr die Ideen der Moral zu betonen, als das praktische Gesetz, 11m dadurch hervorzuheben, dass es mehr auf die Gesinnung ankomme, als die praktische Timt. Zuuächst aber kommt es auf die practischc Tliat an; diese ist die erste Anforderung, welche um der Moralität der (Jeseilschaft willen uicht entbehrt werden kann. Die praktische Timt muss geübt, das Gebot der Moral muss erfüllt werden, auch wenn die innere Uebereinstimmung damit noch fehlt; es ist zunächst gleichgültig, ob das religiöse Gesetz, ob die moralische Anforderung mit innerer Zustimmung oder gegen eine solche, also mit oder ohne Gesinnung, mit oder gegen den freien Willen erfüllt wird, — nur

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