Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 10 (1881)
- Issue
- No. 37. (14.9.1881)
- Date
- 1881-09-14
- Page
- Seite 147 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 147 — Schläge und trotz der zahlreichen an Christenthum und Islam abgegebenen Pruselyten nicht gemindert, sondern ist stetig gewachsen. Hundert Jahre lang hat Israel um die bürgerliche Gleichstellung gerungen und endlieh sie erreicht in allen europäischen Staaten; nur R u s sland, S.panien und Portugal haben sie noch nicht bewilligt. Sie fehl*, auch in der mosleini ti sehen Welt, ln Europa aber befindet sich die grössere Hälfte der Nation im Besitz aller socialen und politischen Rechte. Israeliten sitzen jetzt in den Parlamenten und Ständekammern, sind an den meisten Universitäten als Lehrer zugelassen, die Zahl ihrer sich zu den Studien drängenden Jugend wächst mit jedem Jahre, wichtige Aemter werden ihnen bereits anvertraut. Ihr Schutzverein, die verständig geleitete ״Israelitische Alliance“, deren Sitz in Paris ist, scheint fortwährend grösseren Einfluss zu gewinnen. Die Thatsachen der vergleichenden Statistik sind ihnen günstig. In den meisten Staaten fällt auf eie die relativ geringste Zahl der gerichtlieh verhandelten Verbrechen, und bilden sie den an Wohlstand und Reiciithum, selbst an Lebensdauer und Vermehrung voranstehenden Bruchtheil der Bevölkerung. Die alten Tugenden der Mässigkeit und Enthaltsamkeit, des wohlgeordneten und innigen Familien* lebens, der Pietät der Kinder gegen die Eltern, welche so viel dazu gelhun, in den schweren Zeiten des Mittelalters das Volk vor dem Untergange zu bewahren, sind auch jetzt noch nicht von ihm gewichen. Familienverbindung mit Christen und Uebeitritt sind häufiger als früher geworden; in Berlin allein zählte man vor einigen Jahren 2000 Proselyten. Diesem Lichtbilde stellen nun allerdings düstere Schatten gegenüber; die besseren Wortführer des Volkes leugnen nicht d.e schweren Gebrechen, sie müssen zugeben, da«s Sioff zu scliurl'em Tadel in Fülle vorliege; sie meinen nur, dass die Fehler mehr in’s Auge fallen als die Vorzüge. Die stärkste Anklage und die hauptsächlichste. Ursache d«s Volkshasses gegen sie sind die ökonomische Schädigung, die Ausbeulung besonders des Landvolkes in den slavisclien, aller auch in einigen deutschen Ländern durch die noch immer mit Vorliebe betriebenen Schacher- und Wuebergewerbe Im Osten bezeichnet man diesen Schaden, mit Hinweis besonders auf Galizien, noch stärker, man nennt ihn Verwüstung. Die Schuld ist unleugbar; unsere isra e li ti sehe n Mitbürger beklagen sie wie wir, aber eine Solidarität und Verantwortlichkeit Aller für das Thun eines fernen, auch für sie unerreichbaren Bruchtheiles zu verlangen, wäre ungerecht. Dasselbe gilt von dem Gründerunwesen und dem verderblichen Hazardspiel mit Wertpapieren, bezüglich dessen Qhristeil und Israeliten gleiche Sciiuid trifft. Wenn vordem Goldmacher, Astrologen und Schatzgräber die blinde; leichtgläubige Gier der höhereu Stände ausbeuteten, so sind es heute jüdische Speculanten, welche das gleiche Geschäft besorgen. Nicht minder iheilt sich in die Sünden der Tagespresse der christliche Leserkreis mit den jüdischen Redactionen, welche gleich den anderen die Tagesmeinung und Tagesneigung nicht erzeugen, sondern ihr nur fröhnen. Die grosse, seit M e n d e 16s 011 n begonnene Reformbewegung im Schoosse des Judentums hat demselben in Deutschland, F r a n k r e i c 11, England eine neue Gestalt gegeben; der in den slavischen Ländern wohnende Theil des Volkes ist davon grösstenteils unberührt geblieben und hängt noch fest an den talmudischen Normen; im westlichen Europa aber haben die Israeliten sehr viel von den ererbten Vorurteilen und Gebräuclien abgelegt und in Sitte, Denkweise sich den Christen genähert. Gegenwärtig ist Deutsch 1 and Träger und Nährvater des geistigen Lebens im Judentum, wie früher der Reihe nach Spanien, Süd- und Nord-Frankreich, dann Holland es waren. Durch ihre Sprache beherrsehen die deutschen Israeliten die der übrigen Welt, und nur sie besitzen eine eigene religiöse und theologische Literatur, von der ihre Glaubensgenossen in anderen Ländern sich nähren. Und so lässt sich mit Recht behaupten, dass der Einfluss deutscher Gedanken- und Sinnesweise gegenwärtig unter den Juden, selbst bis nach Nordameiika, stärker sei als jeder andere. In jenen Culturvölkern, welche eine eigene Geistesbildung besitzen, denkt auch der ihnen angehörige Jude so wie die Masse der Nation. Der deutsche Jude denkt wesentlich deutsch in allen Fragen des geistigeu und socialen Lehens, was im vorigen Jahrhundert noch durchaus nicht der Fall war; und da unsere Bildung, unsere Civilisation aus dem Christentum hervorgegangen und christlich gefärbt ist, so kann er, wie abgeneigt er auch sonst dem Christenthum sein möge, doch nicht umhin, bewusst oder unbewusst Uber viele Dinge christlich zu denken und zu handeln. So zum Beispiel über die Ehe, welche bei ihnen nicht mehr vom orientalischen und alttestainentlichen, sondern vom christlichgermanischen Standpunkt aus betrachtet und beliandelt wird. So verhält es sich auch mit den britischen, französischen Israeliten; sie denken uod fühlen wie die grosse Nation, in deren Mitte sie leben, denkt und fühlt. Viel zu lange hat die fälsche, abscheuliche Lehre, dass die Menschen berufen seien, Sünden und Verirrungen der Vorfahren an den schuldlosen Naclikommen fort und fort zu rächen, die Welt beherrscht und hat die Länder Europa’s mit Gräueln und Scliandthaten befleckt, von denen wir schaudernd uns abwenden. Wehe uns und unseren Enkeln, wenn jenes Rachege- Spanier und Engländer des Mittelalters jemäls zur Anvvendung kommen sollte! Eine6 aber ist, was die heutige anti-semitisch sich nennende Agitation nicht vergessen sollte: Ha86 and Verachtung ist ein Gefühl, traurig und unerquicklich für den, der es liegt, peinigend und erbitternd für den davon Betroffenen. Schlimm, wenn, um biblisch zu reden, ein Abgrund den anderen anruft. Unser Waiilspruch sei und bleibe das Wort der Sophoklei8chen Antigone: ״Nicht mitzuhassen, mitzulieben biu ich da.“ Literatuibericht. Receuslonen. Coiiuneiitariuui, Quem in Pentateuchum. composuit R. Samuel b. Melr, ad codi cum fidein librorumque typis apressorum adsuinento recensuit et annotatione perpetua illustravit Dr. David Rosin. Breslau. S. Sc 11 ottländer. 1881. (8°,XLIII. u. 232 S.) פירוש התורה אשר כהב ו־ישבס, צרוף ומזוקק ע״פי כ״י וספרים נדפסים עם הערת מ״ם.אשר פעל ועשה דוד רויף Ein lange gehegter Herzenswunsch der Bihelforscher und Freunde der hebräischen Literatur ist durch die vorliegende Publication erfüllt worden. Der Pentateucli-Commentar des Rasch bam (R. Samuel b. Meiij, des vorzüglichsten Vertreters der nordfranzösischen Exegeteuscliule, liegt in einer besonderen, Wissenschaftliehen und, sagen wir es uur gleich, in einer wahrhaft miisiergiltigen Ausgabe vor. Herr Dr. David Rosin hat bereits durch seine im J. 1880 erschienene Monographie über den Raschbam sieh als denjenigen legitimirt, der zur Ausführung dieses Vorhabens wohl unter allen Fachmännern am meisten berufen bezeichnet werden müsste. Und diess aus einem äussereu und einem