Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 10 (1881)
- Issue
- No. 37. (14.9.1881)
- Date
- 1881-09-14
- Page
- Seite 146 (sequence 2)
- Language
- German
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146 — die Tlialen von 1328, 1391 und 1492 zusammen mit der von der Kirche ersonnenen Distinction des absoluten und des relativen Zwanges bei der Taufe. \ iele Tausende von Juden wurden damals zur Taufe gezwungen; man liess ihnen oft nur die Wahl zwischen Tod und Ucbertritt. In vielen Fällen wähl• ten sie den Tod und starben entweder durch Selbstmord oder unter den Händen ih!er Dränger, und das Beispiel einiger Standhaften riss ganze Schaaren mit fort. Zugleich aber war doch auch die Zahl Derer sehr beträchtlich, die in der Todesangst oder um der Verbannung und dem Vermögcnsverlnste zu entgehen, sich taufen liessen, und es war ebenso natürlich, dass sie, sobald sie wieder freier athmeten, dem Christenthurn entsagend, zum väterlichen Cult zurückkehrten. Wohl war in der Kirelie stets gelehrt und angenominell, dass eine mit Gewalt ertheilte Taufe nichtig und ungiltig sei, und es schien also selbstverständlich, dass Der, welchem der Zwang widerfahren, frei zu seiner väterlichen Religion zurüekkehren dürfe. Aber schon die spanischen, westgothischen Bischöfe hatten im Jahre (333 erklärt, dass die gezwungen Getauften in der Kirche festgehalten werden sollten. Dies war in Gratiau’s Lehr- und Gesetzbuch übergegangen, und nun wurde Keinem mehr gestattet, von dem einmal bekannten Christen!hum wieder abzutreten und jiidisehen Cult zu üben. Er war nun einmal Christ und als solcher dem Ghuibensgericiit unterworfen; trat er zurück zum väterlichen Glauben, so erlitt er, wie jeder Ketzer und Abtrünnige, den Feuertod. Die Fürsten waren auch, wo kein Inquisitions-Gericht bestand, be reit, diese Strafe zu vollstrecken. Kaiser Friedrich III. liess eiuen als Diener ihm werthen jungen Mann, der, in der Todesfurcht getauft, wieder zum Judcntlniin sich bekannte, zum Scheiterhaufen führen, den er Psalmen singend bestieg. 111 Spanien und Portugal genügte hei den Neuchristen schon die Wahrnehmung eines jiidisehen Ritus, um sie dem Kerker und der Folter zu überliefern. Man achtete nicht darauf, dass auf diesem Wege die Kirche mit Heuchlern erfüllt und zahllose Profanationen, welche man doch sonst mit allen zu Gebote stehenden Mitteln abzuwenden strebte, unvermeidlich wurden. In ihren besseren Zeiten betrachtete die Kirche solchen durch Mord und Schrecken erzvvungeaen Eintritt als eine Schmach und einen Frevel; jetzt■ aber wirkten Alle, Bischöfe, Priester und Laien, einträchtig zusammen, dieses Brandmal ihrer Kirche aufzudrücken. Vor Allem in Spanien. Eine peinlichere Existenz als die eines Juden im Mittelalter ist kaum denkbar, und wenn Geschichtskenntniss bei ihnen gewesen wäre, mit welcher Sehnsucht hätten sie nach der glücklichen Zeit der röniisehen Kaiserheirschftft zurückbückcr. müsse״. Jeden Tag musste der Jude gewärtigen. eine Erpressung oder den Verlust seiiies Vermögens, Kerker oder Verbannung zu erleben. Auswanderung war oft unmöglich, wurde meist, so lange noch etwas von ihm zu erpressen war, verweigert, und wenn sie gelang, besserte sie seine Lage fast nie; er kam meist vom Regen in die Traufe und musste schon die Zulassung in einem anderen Gebiete, selbst für einige Jahre nur, um hohen Preis erkaufen. Auf den öffentlichen Strassen des Landes war er so unsicher wie ein Geächteter. So ist denn die ganze äussere Geschichte der Ju* den während fast tausend Jahren eine Kette von ausgesuchten Bedrückungen, von herab würdigenden und de* moralisirenden Quälereien, von Zwung und Verfolgung, von massenhaften Abschlachtungen und ein Wechsel von Verbannungen und Zurückrufungen. Es ist, als ob die europäischen Nationen wetteifernd Alles aufgeboten hätten, um den Wahn zu verwirklichen, dass bis an’s Ende der Zeiten den Juden das härteste Helotenthum nach dem Rathschlusse des Himmels bestimmt und dass die Söhne der Heiden berutrn seien, Büttel- und Henkerdienste an Gottes Lieblingsvolk zu verrichten. Man wusste sie nicht zu entbehren, man fand sie vielfach sehr nützlich und wollte sie doch nicht ertragen. Ihr Anblick schon wirkte herausfordernd auf den von keinem Zweifel berührten Gläubigen, der das Reharren des im hellen Lichte des Evangelium» wandelnden Juden bei seinem väterlichen Glauben nur als böswillige Verstockung erklären zu können meinte. Dennoch fällt ein Zug auf in der gewaltigen Masse von Strafreden, Anklagen und feindlichen Declatnutio• nen gegen das verabscheute Volk, welche sich in endlose.r Wiederholung stehend gewordener Phrasen durch die kirchliche Literatur jener Jahrhunderte zieht, Ihr sittliches Leben, soweit es Familie, Keuschheit, Massig ung, Vertragstreue betrifft, wird nicht angetastet. Neben dem Vorwurf der Habgier nnd des Wuchers ist es immer nur ihr religiöses Verhalten, das den Stoff bietet — sie werden regelmässig der Lästerung angeklagt, wozu d:e Thatsaehe, dass sie eben die christliche Lehre der Trinität und Incarnation nicht kannten, genügte. Dass sic wirklich Christus und seine Mutter vor christlichen Ohren geschmäht hätten, kam gewiss höchst selten vor, da sie wussten, dass ein derartiges Wort genügte, sie und oft auch noch ihre Familie dem Tode zu weihen. Einen Christen za seinem Glauben herüberziehen zu wollen, konnte dem Israeliten gar nicht in den Sinn kommen Im Talmud hiess es: Proselyten sind für das Jadenthum so schädlich wie Geschwüre am gesunden Leibe. Wollte wirklich ein Nichtjude übertreten, so musste ihm vorgehalten werden: Ist es dir etwa unbekannt, dass die. Juden in Leiden und Drangsalen leben, gekränkt und verstossen, geplagt und gemartert? Zugleich ward er an das Lästige der Gesetze nnd der vorgeschriebenen Entbehrungen und Opfer erinnert. .,Die Juden hat der Christ erst so gemacht“, lässt Shakespeare seinen ״Kaufmanu von Venedig“ sagen und sagt uns die Geschichte seit dreizehn Jahrhunderten mit tausend Zungen. Als die Juden in Spanien vertilgt und ausgetrieben werden sollten, soll ein Rabbiner den Christen gesagt haben: «Wir sind zugleich ein gesegnetes und ein mit Fluch beladenes Volk. Jetzt wollt ihr Christen uns ausrotten, aber es wird euch nicht gelingen, denn wir sind gesegnet; dereinst werdet ihr euch bemühen, uns emporzuheben, aber auch das wird euch nicht gelingen, denn wir sind verflucht.“ Ist dieses Wort wirklich gesprochen worden,*) 80 ist unklar, ob er die spanischen Juden, die Sephardim, hlos meinte, oder an einen auf dem ganzen Volke lastenden Fiuch dachte. Ein Rückblick auf neun Jahrhunderte von Schmach und Elend mochte wohl einen solchen Gedanken bei ihm hervorrufen. Aber seit der Relormalion hat doch* das Loos der Juden in stetigem Fortschritt siel) immer günstiger gestaltet, und heute wird wohl kein Rabbiner mehr das Gefühl eines auf seinem Stamme liegenden Fluches haben. Die gegenwärtige Zahl der Juden auf der ganzen Erde hat mau annähernd auf zwölf Millionen beiechnet; sollte sie auch geringer sein, so ist doch gewiss, dass sie weit stärker ist, als sie jemals im. Alterthum, auch zurZeit ihrer staatlichen Selbstständigkeit gewesen ist. Damit hat sich die offizielle mittelalterliche Deutung des Prophetenwovtes als eine Täuschung erwiesen; jhr gemäss sollte das Volk durch anhaltende Misshandlung und Verfolgung zu einem geringen noch übrig bleibenden Häuflein lierabgemindert werden. Das Volk hat sich aber trotz aller auf diesen Amboss geführten Hammer- *j In dieser Fassung wenigstens ist es uns unbekannt.;Red.