Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 10 (1881)
- Issue
- No. 36. (7.9.1881)
- Date
- 1881-09-07
- Page
- Seite 142 (sequence 2)
- Language
- German
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142 — Bischöfe, Geistliche, Klöster und Stifte den jüdischen Kapitalisten zinsbar zu machen. So lehrten denn die Canonisten: die Juden seien doch einmal verloren, so dass es auf eine Anzahl Sünden mehr oder weniger nicht ankomme; die entlehnenden Christen aber entschuldige der Nothstand. Allerdings waren die von den Juden geforderten Zinsen überaus hoch und oft unerschwinglich, dies lag aber an dem damaligen Geldwerthe, dem Mtlnzmangel, und vor Allem an den erdrückenden Angaben, welche die Juden den Fürsten und den städtischen Behörden entrichten mussten. Die Caorsiner und die italienischen Hankherren stellten ihre Zinsforderungen eben so hoch als die Juden, und wo sie den Geldhandel in die Hände bekumen, da wünschte man sich, wie zum Beispiel in Paris im Anfänge des vierzehnten Jahrhunderts, die Juden zurück, denn ihre Wirksamkeit als Vermittler des Geldverkehres war, im Ganzen genommen, eine vielfach wohlthätige und damals unersetzliche; sie leisteten in den nördlichen Ländern und in Spaaieu, was in Italien die von den Päpsten und Bischöfen theils begünstigten, theils schweigend geduldeten und häutig gebrauchten Bankiers-Gesellschaften der sogenannten Lombarden, der Geldhändler von Asti, Siena, Florenz und anderen Städten besorgten, wie denn auch Lombarden und Juden in Frankreich und England einander zeitweise Concurrenz machten. Kaiser Ludwig’s Sohn, Ludwig der Brandenburger, erliess im Jahre 1352 eine, öffentliche Einladung an die Juden, sich steuerfrei im Lande niederzulassen, weil, ״seit der Zeit, als die Juden verderbt sind (er meint den grossen!Mord von 1348) überall, in unserem Land unter Reichen und Armen Geldmangel herrscht“. Ein Blick auf das wechselvolle Schicksal der Juden in Frankreich, England und Spanien zeigt uns die Lage der Juden, wie sie durch die Hierarchie geworden war, in hellerem Lichte. In England wareu, wie in Deutschland, die Juden das specielle Eigenthum des Königs und wurden als ein werthvollos und einträgtiches Besitzthum theils gepflegt und mit Privilegien versehen, theils, besonders unter den Königen Jobann und Heinrich III, bis aufs Blut ausgepresst. Sie genossen wohl auch des königlichen Schutzes, der aber bei den plötzlichen Pöbelüberlallen fast immer zu spät kam und den Volkshass, dessen Opfer sie wurden, nur schärfte. Heinrich III. nahm ihnen 1230 nach mehreren von ihm erpressten Schatzungen aut einmal ein Dritttheil ihres Besitzes; später verpfändete er die ganze britische Judenschaft dem Graten Richard für ein Anleben. Die Juden baten, da ihre Lage unerträglich geworden, um Erlaubniss, auszuwandern, was ihnen, da der König sie allzu lieb habe, verweigert ward. Bischöfe, wie Grossetßte von Lincoln, forderten ihre Verbannung. Eduard I. verfügte sie im Jahre 1290; damit beraubte er sich des vornehmsten Werkzeuges, mittelst dessen die Könige bisher ihre Unterthanen indireet besteuert hatten. Bei dem allgemeinen Mangel an geordneten und ausreichenden Krou-Einkünften, unter welchem damals alle Staaten litten, musste alsbald ein Ersatz für die Vertriebenen gefunden werden. Er bot sich dar in den Gesellschaften der Caorsiner und der italienischen Geldmäkler, welchen die römisehe Curie, als Collectoren sie verwendend, den Weg nach England gebahnt hatte, deren bedeutendete über im Jahre 1345 plötzlich bunkbrüchig und mit unbezahlten Schulden abzog. Als Wucherer und Finanzmänner der Krone waren sie nicht minder verhasst als die Juden. In Frankreich war die Behandlung und Ausbeutung der Juden noch methodischer und listiger. Philipp August begann fünfzehnjährig (1182) seine Regierung mit Ausplünderung und Verbannung aller Israeliten. Das Gerücht, dass sie jährlich am Osterfeste einen Christen schlachteten, soll ihn dazu bestimmt haben, aber die von seinem Vater auf ihn übergegangenen Schulden waren die nächste Veranlassung. Im Jahre 1198 wurden sie zurückgerufen. Ludwig VIII. erklärte alle Zinsforderungen der Juden für ungiltig und befahl, die ihnen schuldigen Gelder an deren Herren, den König und die Barone, zu zahlen. Ludwig IX, zugleich überzeugt, dass alles Zinsnehmen schwere Sünde sei und dass alle Juden des Landes seine Knechte seien, zwang sie mehrmals, sich loszukaufen, und als er sie genug ausgepresst zu haben glaubte, verbannte er sie aus dem Königreiche mit Confiscation dessen, was sie noch besassen. Als die Juden damal9 vordem Gouverneur von Narbonne um Wiedergewährung der von dem Könige ihnen abgenommenen Rechte flehten, klagten sie: ״Man beraubt die Juden ihres Geldes und nüthigt sie, ihre Schulden zu zahlen, während mau dagegen ihre Schuldner der Pflicht, den jüdischen Gläubiger zu bezahlen, entbindet. Man verbietet ihnen, Geld auf Zinsen zu leihen, und untersagt ihnen jeden anderen Lebenserwerb“. Des Königs Befehl ward nicht vollständig ausgeführt. Viele blieben, Andere kehrten später allmälig zurück. Ludwig’s Bruder, Graf Alphons von Poitiers, wandte in seinem Staat ein vorzüglich klug berechnetes und daher auch in Deutschland später nachgeahmtes Verfahren an. Er Hess sich zuerst, unter dem Vorwände der Verwendung für seinen Kreuzzug, vom Papst ermächtigen, alle von den Juden erhobenen Zinsen für sich einzuziehen, und dann wurden säinmtliche Juden mit Weib und Kind eingekerkert, die ärmeren nach einiger Zeit freigelassen, die reichen aber mit ihren Frauen in Haft behalten, bis sie die Habgier des Grafen und seiner Beamten vollständig befriedigt hatten. Philipp der Schöne verfehlte nicht, das Beispiel seiues s Grossvaters in noch duichgreifenderer und mehr Gewinn abwerfender Wei9e zu befolgen. Er verbannte plötzlich alle Juden im Jahr 1306, bemächtigte sich ihrer ganzen Habe, Hess ihre Häuser, Synagogen, Scliulen, selbst ihre Leichenäcker an den Meistbietenden verkaufen und zwang alle ihre Schuldner, an seine Kasse zu zahlen. Mit den Baronen, die ihren Antheil an der Beute begehrten, traf er ein Abkommen. Das Drama schloss endlich im Jahre 1394, als Karl VI. auf die Vorstellungen seines Beichtvaters und die Bitten seiner von diesem geleiteten Gemahlin die letzte Austreibung der Juden aus seinem Reiche anordnete, weil man bemerkt haben wollte, dass Viele, die mit ihnen verkehrten, im Glauben lau (iepiui) geworden seien. In Spanien war unter arabischer Herrschaft die Lage des gehetzten und gepeinigten Volkes günstiger als in irgend einen! christlichen Lande. Obwohl unfrei, wählte die Synagoge doch ihre nationalen Richter oder Könige, die sie bei den Machthabern vertraten; ihre Schulen blühten dort, sie betrieben besonders die Mediein mit mehr Erfolg als die Christen. Auch unter den christlichen Königen im zwölften und dreizehnten Jahrhundert waren sie noch einflussreich, dienten den Königen als Finanzmänner, Schatzmeister, als Astronomen und Aerzte; in Toledo allein gab es ihrer 12,000; ihr Reichthum gestattete ihnen, sich wenigstens die unentbehrlichsten Menschenrechte mit Geldopfern zu erkaufen. Im Ganzen war ihr Zustand seit der arabischen Herrschaft in Spanien bis zum Ende des dreizehnten Jahrhunderts günstiger als in irgend einem europäisehen Lande. Innerhalb der Mauern ihrer Judenquartiere (aljamas) lebten sie nach ihrem eigenen Recht und Gesetz. Das vierzehnte Jahrhundert brachte auch auf der Halbinsel den Juden Unheil. Den Königen