Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 10 (1881)
- Issue
- No. 36. (7.9.1881)
- Date
- 1881-09-07
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Xo. 86. I)as Jahrg. X. Jüdische Literaturblatt Znr Beleuchtung aller Jadenthnm nnd Juden betreffenden literarisch. Krschelnnngen anf dem Gebiete der Philosophie. Geschichte,Ethnographie,Theologie,Orientalin, Exegese, Uomiletik, Lttnrgik, Pädagogik. Herausgei{ eben Rabbiner llr. Moritz Knhnicr. Maffdebure, T. September Bücher der einschlägigen LIteratnr, welche der Redaction zngesandt werden, linden ln diesem Blatte eingeh. Besprechnng. ReiEinsendnng Ton zwei Recenaionsexemplaren erfolgt auch Erwähn. 1. d.Wochenschr. Das Jüitilielie Iilteraturfolatt“ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen; Preis bei allen Buchh L ei p z i g bei Robert F1• i e 8 e) pro J ah r g a n g: 8 Mk. Abonnenten der ״IsraelitischenWochenschrift“ (die vierteljiihrl. bei allen nnd Buchhandlungen 3 Mk. kostet) erhalten das ״Jüdische Literaturblatt“ er» tis. - Inaerate werden mit20 Pf. fü spaltene Petitzeile berechnet und ausschliesslich entgegeugenommen durch die Central-Annoncen-Expedition von Gr. L. Dtttmno Sc, Co., Frankfurt a. M., Magdeburg, Berlin, Hamburg, Cöln, München, Zürich, Wien, Paris. Preis bei allen Buchhandlungen (in Postanstalten für die dreige- Inhalt! Wissenschaftliche Aufsätze: Die Juden in Europa, — Welche Schriften setzt Sirach in seinem V;1v׳<; gaizpmv voraus? (Fortsetzung von Nr. 33). Liieruturbericht: Recensionen: Les Paroles Luminenses, sur les problömes 11. s. w. — Stöcker contra Walter. Vertheidi• gungsrede gehalten vor dem Kgl. Schöffengerichte zu Magdeburg. Notizen. Nachdruck nur mit voller Quellenangabe gestattet Die Juden in Europa. Festrede in der Akademie der Wissenschaften zu München, von Prof. Dr. J. v. Döllinger, am 2‘>. Juli 188L. (Fortsetzung.) In der römischen Literatur und den Gesetzen der Kaiser findet sich keine Spur, dass sie dem Schacher und Kleinhandel sieh ergeben hätten oder überhaupt ein Kaufmannsvolk geworden wären. Die zahlreichen in liom lebenden Juden scheinen arm gewesen zu sein. Auch die gewaltigen und äusserst blutigen Empörungen der Juden in E3״'pten, Cyrene und auf den Inseln zeigen, dass sic keine liandel- oder trödeltreibende Bevölkerung bildeten, denn diese pllegte nicht zu den Waffen zu greifen. Noch bis in’s zehnte Jahrhundert hinein hatten sic in Spanien, Süd-Frankreich, auch in Deutschland eine sesshafte Bevölkerung gebildet; diese Lage war aber durch die Feindschaft der Kirche und des Volkes unhaltbar geworden; seit dem Aufblühen der italienischen See- und Handelsstädte mit ihren Fiotten waren sie auch von dem Zwischenhandel zwischen dem Westen und dem Orient weggedrängt worden. Das Zunltwesen und die Untersagung des Verkeilres gestattete ihnen nicht, ein Handwerk zu treiben. Ebenso wenig konnten sie vom Feldbau leben, da ihnen Bodenbesitz last allenthalben verwehrt war. Der Cardinal Jacob von Vitry, der den Orient gut kannte, hemerkt um das Jahr 1244: Unter den Mohammedanern trieben die Juden Handarbeit, freilich seieii es nur die niedrigeren und missachteten Gewerbe, die sie trieben, unter den Christen aber lebten sie vom Zinsgeschäft, L)a drängt sich der Gedanke auf, welch’ eine Wohlthat es für die Welt, die christliche und die jüdische, hätte werden können, wenn damals ein Cardinal oder Papst über diesen Contrast zwischen den Juden unter dem Koran und den Juden unter dem Kreuz nachgedacht, und die so naheliegenden praktischen Schlüsse daraus gezogen hätte. So war denn auch der ärztliche Beruf den Juden in der Regel verschlossen, obgleich sie in mohammedänischen Ländern gerade in der Medicin sich hohen Ruf erwarben, denn die Goncilien verboten den Kranken bei Strafe des Bannes, von einem jüdischen Arzt Arznei zu nehmen, da es, wie sie sagten, besser sei zu sterben als von einem Ungläubigen sich heilen zu lassen. Von allen Schulen, höheren und niederen, waren sie ohnehin ausgeschlossen. Wer Wissenstrieb einpfand, musste Rabbiner werden, und wenn einmal als seltenste Ausnahme ein Fürst wie Alplions X. von Castilien, sich jüdischer Mathematiker und Astronomen bediente, so war die Bildung dieser Männer da, wo der Koran herrschte, erworben. Das Zinsnehmen von Fremden hatte den Juden ihr Gesetz gestattet, und das angebliche Verbot Christi, meipte man anfänglich auf beiden Seiten, könne doch für sie nicht verbindlich sein. Das änderte sich freilieh seit Innocenz III. Denn jetzt, Ende des zwölften Jahrhunderts, lehrten Theologen und Canonisten, sowohl naclt dem natürlichen als nach dem göttlichen Recht alten und neuen Testaments sei das Zinsnehmen verboten und Sünde. Innocenz IIL verordnete daher, die Juden sollten zur Rückgabe erhobener Zinsen gezwungen werden, und er führte desslmlb ein früher nicht angewandtes Mittel ein: die Christen sollten nämlich, durch den Kirchenbann genüthigl, jeden Verkehr mit den die Rückzahlung weigernden Juden abbrechen. Das hiess, sie, wenn es beharrlich durchgeführt ward, dem Hungertode überliefern. Daraus entstanden nun arge Verwirrungen und Conllicte mannigfacher Art. Die Bischöfe, denen die Verhängung des Bannes oblag, wollten vielfach Ernst damit machen, und die Synoden, zum Beispiel die von Avignon 120H, forderton sic dazu auf. Die Fürsten dagegen, in deren Interesse und als deren Knechte die .luden das Zinsgeschäft betrieben, schützten diese oder nahmen nicht selten kurzweg das gauze Vermögen der Juden, als durch Zinsen erworben, fit!־ sich weg, oder zwangen auch die christlichen Schuldner, rückständige Zinsen an ihre Kasse zu entrichten. Ueberhaupt war die Verwirrung, in welche die Hierarchie mit ihrem Zinsverbot sich, den Clerus und die Laien gestürzt hatte, bodenlos, und die Canonisten quälten sich, Distinctionen zu erfinden und Auswege aus dem Labyrinth zu suchen. In unzähligen Fällen war man den (!tatsächlichen Zuständen gegenüber rathlos oder opferte das Princip auf, welches gleichwohl in der Theorie Niemand bei Todesstrafe antasten durfte. Den Christen hätte folgerichtigerweise auch das Entlehnen auf Zinsen verboten werden müssen, da sie hiemit die Juden zur Sünde verlockten. Allein Päpste, Bischöfe, Clerus waren selb6t häulig in der Lage, zu einem Anleihen greifen und die Zinsen zahlen zu müssen; war doch die ganze Organisation der Curie, die Verwaltung des Benelicieuwesens, die Be- Steuerung des Clerus durch die Päpste, dazu angetlmn,