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Das jüdische Literaturblatt · 1881-08-31 · No. 35. (31.8.1881) · p. Seite 139

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
10 (1881)
Issue
No. 35. (31.8.1881)
Date
1881-08-31
Page
Seite 139 (sequence 3)
Language
German
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139 — Europa durchzog und entvölkerte, konnte, das wusste! man gleich, nur von den Juden herrühren. Die That- I sache, dass das nüchtern und massig lebende Volk weit weniger davon betroffen wurde als die Christen, erhob dte Vennuthung zur Gewissheit. Sie hatten allenthalben in Folge einer grossen Verschwörung, an der auch die Leprosenhäuser theilgenommen, die Brunnen und Quellen, selbst die Flüsse vergiftet. In Zolingen wollte man wirklich Gift in einem Brunnen gefunden haben. Auf der Tortur bekannten einige Juden und Aussätzige sich zur That. Nun brach ein Sturm des Fanatismus, der bestialischen Rachsucht und der gemeinen Habgier los, wie ihn Europa nie vorher und nie nachher gesehen hat. Die Opler zählten in einzelnen Städten nach Tausenden. Viele kumen durch Selbstmord der Pöbelwuth zuvor. Vergeblich eiklärte Papst Clemens VI. in zwei Bullen die Juden für unschuldig. Ein Asyl fanden die durch schnelle Flucht Geretteten nur in dem fernen Lithauen. Doch nicht blos um der Religion und des angedichteten Verbrechens willen richtete sich der Volkshass gegen die Juden; es kam noch ein drittes eben so stark oder stärker wirkendes Motiv hinzu. Die Juden liehen Geld auf Zinsen, sie waren Wucherer; sie trieben ein zwar unentbehrliches, aher gleichwohl sündhattes Gewerbe, und saugten, hiess es, die Christen aus. Die Beschuldigung war nicht unwahr und doch ungerecht. Päpste und Concilien haben einstimmig, auf unrichtige Auslegung der Stelle des Evangeliums Lucus, (>, 35 gestützt, seit dem Ende des achten Jahrhunderts in fortwährend sich steigernder Strenge alles Zinsnehmen von gelieheuem Kapital, in welcher Form es auch gescheite, verdammt und mit Kirchenstrafen belegt. In der alten Kirche hatte man nur den Geistlichen das Zinsnehmen verboten. Aber hei wachsendem Einfluss des päpstlichen Stuhles ward das Verbot auch auf die Laien ausgedehnt. Mun unterschied nicht etwa zwischen Zins und Wucher, sondern jedes Bedingen oder Nehmen auch des geringsten über das dargeliehene Kapital hinausgehenden Betrages war durch die Päpste und Conci- Len verboten —ein Verbot, von welchem, wie Alexunder jiI. 117!» erklärte, nie dispensirt werden konnte. Dazu fügte Clemens V. auf dem Concil zu Vienne 1311 die Entscheidung, es sei Ketzerei, zu behaupten, duss das Zinsnehmen nicht Sünde sei. Damit, waren nun allem Verkehr und Handel unerträgliche Fesseln angelegt, hatte doch Papst Gregor IX. selbst die Geldvorschüsse mit Ziusenbedingung, deren der Seehandel bedurfte, für verdammlichen Wueher erklärt. Die Kirche halte sich damit in Wider- Spruch mit der Natur der Dinge, mit den unabweisbaren Bedürfnissen des bürgerlichen Lebens, de$ allgemeinen Verkehrs gesetzt; sie konnte wohl den Ihrigen verbieten, Zinsen zu nehmen, aber sie konnte ihnen nicht befehlen oder sie zwingen, ihr Geld ohne Zinsen auszuleihen. Bei dem allgemeinen ,Mangel an buarem Gelde m einer Zeit, in welcher der Vorrath an Gold und Silber in beständiger Abnahme begriffen war, ein Ersatzmittel noch nicht exisiirte, kamen Alle, von den Höchsten bis herab zu den Niedrigsten, sehr häufig in die Lage, Geld entleihen zu müssen, und da den Cliristen der Geldhandel so strenge verboten und nur geheim unter mancherlei Geschäftsformen verhüllt oder auf Umwegen von ihnen betrieben werden konnte, so traten die Juden hier ein, denen andere Erwerbszweige und Lebensstellungen verschlossen wuren. Ein a r bei tsa m es Volk waren die Juden immer. Solange sie einen eigenen Staat bildeten, wuren Feldbau, Gartenbau und Handwerk ihre vorherrschende Beschäftigung. Unter ihren Händen war Palästina eines der bestbebauten und fruchtbarsten Länder der Erde geworden. War doch auch das mosaische Gesetz auf die Boden* cultur, auf die Förderung von Getreide-, Wein- und Oelbau gerichtet. Auch in den ersten Jahrhunderten nach Christus und nach der Zerstörung des Volkes blieb es seinen alten Sitten getreu. Josephus rühmt noch im Anfang des zweiten Jahrhunderts den Fleiss seiner Volksgenossen in Handwerk und Feldbau. (Fortsetzung folgt.) Zur Erklärung des Wortes (Gen. 36,24). , Ana fand die ״Jemim“ in der Wüste, als er seines Vaters Esel weidete“, heisst es im 1. B. M. 36, 24. Der Talmud und Midrasch Qer. Brachod 8,6; Babli Psachim 54a; Br. Rabba 82) und nach ihnen die meisten jiid. Commentatoren, sowie Jonathan verstehen bekanntlich unter ״Jemim“ die Frucht der Paarung ungleicher Thier-Racen, namentlich Pferd mit Esel, sonach hätte Ana Maulthiere und Maulesel producirt. Ünkelos und der Samaritaner nehmen ימם. für ׳אימים einen Riesenstamm, an, daher גבריא, (Mos. V. 2,101. Die meisten christl. Uebersetzer, Vulgata, Hieronymus, Luther, und von den neuern Bunsen, Winer (Art. Ana) lesen נמים (resp חמים) und denken an die warmen Quellen von Calirrhoe, die Ana gefunden hätte. Ich halte die erstere Ansicht für plausibler, nicht nur desshalb, weil der Nachsatz ״als er seines Vaters Esel weidete“ besser dazu passt, sondern weil ich in dem Verbum מצא eine anspielende Nebenbedeutung auf ״Paarung des Geschlechtes“, ״sich gegenseitig finden“, erblicke. So deutete R. Chanina לעת מצוא וו אשה; dem Heirathskandidaten wurde zugerufen מצא או מוצא? (Brachoth 8a). So drangen die Engel in Lot, dessen Schwiegersöhne die Rettung bespöttelten: ״Auf! nimm dein Weib und deine beiden Töchter הנמצאות will sagen: die verehelichten!“ (Mos. I. 10,15.*) Weshalb sich aber Moses des dunkeln Wortes ״Jemim“ und nicht des einfachen Ausdruckes פרדים bediente, welches keinem Zweifel Raum gegeben hätte, dürfte seinen Grund vielleicht darin haben, dass Moses sein Volk mit dem widrigen Misclmngsprocess, welchen die Religion streng verbietet, (im Talmud wird sogar das Reiten auf Maulthieren inhibirt, Jer. Kilaim 8, 2) und welchem die Natur die Fortpflanzung versagt, nicht näher vertrauet machen wollte. So zählt z. B. Livius 26,23**) und 37,3, dass zu Recate eine Mauleselin Junge geworfen, zu den röm. Prodigien; desgleichen der Talmud וכודניתא מי ילדה? und wieder כזדנא 1'•'עקרה במא• פרעה לי (Bechoroth 8b; B. Hathra!Hu.**״) Es scheint, als hatte die althebr. Sprache für dies Mischungsprodukt keinen besondern Ausdruck, und wurde es mit Vorliebe in den! Sammelnamen המור miteinbegriffen. Vielleicht änderten die LXX deshalb die Stelle וירכיבם אל החמור in נושא בני אדם ab, um jedem entfernteil Schein, als hätte, sich Moses des Maulthieres bedient, aus dem Wege zu gehen; ebenso לא חמור אחד מהם נשאתי in חמד (Megilla!fa), und erst zu Zeiten David’s (Sam I. 13,20) erfahren wir den specilischen Namen פרד zum ersten Male, welcher ״trennen“ bedeutet, als Gegensatz von ״paaren“. Und dies Maul-!hier des König David’s soll nach Jer. Kilaim 8,2 ein Thier ״der ersten sechs Schöpfungstage“ gewesen sein! Hier tliut es notii. den Hrn. Professor Rohling zu be- *) Audi der Sulz. ולאדם לא מצא עזר כנגדו gewinnt liierdurch an Prag 1111117.. •*) Oatertug in seiner L'ebersetz.ung des Livius straft in einer Anmerkung das lat. Sprichwort ״cum mula perepit“ l.üge, unter Berufung auf naturwissenschaftliche Autoritäten, duss nämlich Maulthiere wohl selten, aber doch Junge werfeu. **״) Der Talmud A. Sara .54 b geht noch weiter, er »agt: הבא על אשת הבידו דין הוא שלא תתעבר; desgleichen ממזר אינו הי.

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