Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 10 (1881)
- Issue
- No. 34. (24.8.18818)
- Date
- 1881-08-24
- Page
- Seite 134 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/5367336-6488242-5991036--1897-5367817- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Origen 1× ep/1025440
OCR text
— 134 — Religion hat*) diese Gerechtigkeit zusarainengefasst in dem Gebote der ״Nächstenliebe nach dem Masse der Selbstliebe‘‘'; aber in fast unabsehbarem Umfang ist von den Herrschenden wie von der Masse, von den Lehrem wie von den Zöglingen, von Wissenden und Unwissenden dieses höchste Gebot nicht verstanden, ignorirt, übertreten worden. Wie es jetzt in der Gegenwart damit stehe, das zu sagen ist nicht meine Aufgabe. Das aber ist leicht zu erkennen, dass eine Nation um so viel höher steht als Trägerin der Cultnr, je grösser in ihr die Zahl der von dieser höheren Gerechtigkeit durchdrungenen Personen ist und je besser ihre Institutionen dieselbe zu schirmen und zu bethätigen geeignet sind. Wo die Wechselbeziehungen der Menschen 7.11 einander das religiöse Gebiet, berühren, da pflegt man den Mangel der hier erörterten Tugend Fanatismus zu nennen, und es hat Zeilen gegeben, in denen auch die besten Männer und die edelsten Charaktere fanatisch dachten und handelten, so dass nunmehr für uns die Nothwendigkeit sich ergibt, in dem Weltgericht der Geschichte die Wohlt.hat jener Gerechtigkeit gerade auch ihnen angedeihen zu lassen, welche sie selber im Leben verleugnet und ihren Mitmenschen versagt haben Seiten vor der Zerstörung ihrer Hauptstadt und ihres Naiional-Heiligthums waren die Juden wohl das weitest verbreitete aller Völker, und wenn Strabo sagte, man könne nicht Einen Ort in der Welt finden, der nicht Juden beherberge und nicht in ihrer Gewalt sei, so reichte diese Welt über die Länder um das Mittelnteer herum und in Asien bis in’s persisch - parthische Reich hinein Durch massenhafte Wegföhrungen, durch halb freie, halb erzwungene Colonisation, durch Kriege und Sklavenhandel, allmülig auch durch ihren immer mehr auf Handelsgeschäfte sich richtenden Unternehmungsgeist waren sie eine Diaspora geworden, welche, zahlreich besonders in den Seestädten, meist Griechisch redend und vielfach von griechischer Bildung durchzogen, doch überall fest zusammenhielt und ihr eigenes Gemeindeleben sich bewahrte. Gleich den underen Bewohnern des Reiches genossen sie die Wohllhat des römischen Rechtsschutzes Von den Kaisern warden sie im Ganzen mehr geschätzt, selbst bevorzugt, als misshandelt. Ihre Vorsteher genossen selbst einzelne Vorrechte; fest zusammenhaltend und einander helfend und fördernd, waren sie aut allen Erwerbsgebieten überlegene Mitbewerber, da her--ge hasst. Und wenn ihre Beschneidung, ihre Sabbathfeier, ihre Speisegesetze und ihre scheue Absonderung vielfach Spott und Verachtung erregten, so lag doch auch in ihrem Cultus dts Einen, bildlosen, rein geistigen Gottes für den polytheistisch übersättigten Heiden eine mächtige Anziehungskraft. ״Feinde sind sie der Götter wie der Menschen“ — so lautete häutig das Urtheil der heidnisehen Volksmasseu über das ihnen uabegreilliche Wesen dieser Nation. Um die Zeit des römisch-jüdischen Krieges fielen sie nicht selten zu Tausenden als Opfer heidnischer Volkswuth. Sie hatten schon wieder einen Mittelpunkt und ein Oberhaupt; in dem Städtchen Jamnia in Palästina hatte ein Synedrium sich gebildet, dessen Vorsitzender als Patriarch der ganzen Nation geehrt und anerkannt ward. So hatte man zugleich einen Obersteu und eine Hochschule. Aber gerade damals und in Folge des gewaltigen durch die letzten Kriege gesteigerten Zelotenthums zog sich der Judaismus krampfhaft in sich zusammen, die pharisäische Denk- und Anschauungsweise wurde ausschliesslich herrschend, stiess alles Fremdartige, wie *) Nach Vorgang der mosaischen Lehre (Lev. 19,18). Red. Hellenismus und Essäistnus, aus, der Talmud, •der sich alle Glieder fest zuspmmenlialtend, wie ein eiseruer Reif um die Nation legte, vollendete die Abschliessung um so sicherer, als römische Gesetze Personen, die nicht jüdischer Geburt waren, zu beschneiden untersagten Indessen die Lebensfrage war, wie Jene, welche die Zukunft in ihrem Schoosse trugen, die Christen, sich zu den Juden stellen würden. Die älteste Kirche blieb hierin dem Beispiel und Wort ihres Meisters und der Lehre der Apostel getreu. Sie glaubte also und lehrte. 1. Der Tod Christi, den die Häupter der Juden und ein Thetl des Volkes zu Jerusalem verschuldet,*» ist keineswegs eine auf der ganzen Nation fort und fort lastende Schuld. Vielmehr hat Christus selbst für seine Kreuziger um Verzeihung gebetet und dieses Gebet ist erhört worden, wie denn auch Petrus gleich seinem Meister ihr Vergehen mit ihrer Unwissenheit entschuldigt. 2. Das Volk ist keineswegs von Gott verstossen, wenn auch seine Zerstreuung, der Untergang seines Staatswesens, seines Tempels und seiner Hauptstadt als Strafe anzusehen ist. Israel bleibt das auserwählte Volk, da Gott seine Wahl und Verheissung nicht zurücknimmt. Einst, wenn die Fülle der Heiden eingegangen, wird auch Israels Fülle gläubig und mit den Gläubigen aus dem Heidenthum eine einträchtige Gemeinschaft werden.**) Von dieser aus dem Neuen Testament geschöpften Anschauung ausgehend, mahnten die weisesten und angesehensten unter den Kirchenlehrern: das jüdische Volk sei ein zeitweilig verirrter Bruder, der früher oder später ins Vaterhaus zurückkehren werde, immer aber der Träger unwiderruflic he r Verheissungensei und bleibe. Damit sei den Christen gegen das Volk, welchem Christus und die Apostel angehört, ohne sich von ihm trennen zu wollen, die Pflicht der duldsamen, geduldig harrenden Lie be vorgezeichuet. Der gelehrteste und geistvollste der älteren Väter, Origenes, erklärte: Sie sind und bleiben unsere Brüder, die nur später mit uns sich vereinigen werden, dann nämlich, wenn wir durch unseren Glauben und unser Leben sie zum Wettstreit mit uns werden erwtekt haben. Selbst Augustin noch sprach es öfters aus: In den Herzeu der Christen lebt die Zuversicht, und sie äussern sie fortwährend, dass die Söhne der heutigen Juden ein■ mal mit den Christen in Einen Glauben verschmelzen werden. Diese Sinnesweise der ältesten Kirche schwnnd jedoch, als das Christenthum römische S ta a 1 sreligion gewordeu, und das römische Heideuthum in Masse mit seinem Hass und seiner Verachtung der Juden, theils willig, theils gedrängt und gezwungen, sich zum Christenthum bekannt hatte. Schon verboten die Synoden, mit einem Juden zu essen, und der noch utigetauft zum Bischof von Mailand erhobene Ambrosius nannte die Verbrennung einer Synagoge in Rom durch den Pöbel ein gottgefälliges Werk und schalt den Wiederaufbau heischenden Kaiser Maximus einen — Jaden. Der Ton in den Schriften der Christen wird nun, mit seltenen Ausnahmen, feindseliger, der Brüdername verschwindet; nicht mehr mit Unkenntnis, sondern mit böswilliger Verhärtung wird ihr Fernbleiben von der Kirche erklärt. Die Hoffnung einer künftigen Vereinigung wird zwar festgehalten, aber man verlegt sie gleichsam in den entlegensten Winkel der Zukunft, in ״) Diese Anschauung ist von jü«t. Geschichtsschreibern zuletzt von Philippsou: .Haben die Juden Jesum gekreuzigt'{“ gründlich widerlegt. (Red.) **) Dass es die Propheten des A. T. sind, die eine dereinstige Vereinigung aller Völker im Glauben au den Einig- Einzigen in der messianischen Zeit verheissen, ist besonders an• Zephanjah 3,9 und Secharjah 14,9 klar ersichtlich. (Red.)