Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 10 (1881)
- Issue
- No. 34. (24.8.18818)
- Date
- 1881-08-24
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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34• ^as JTahrg. X• Jüdische Literaturblatt. 1 Zur Beleuchtung alter Jadentham and Jaden betreffenden literarisch. Erscheinungen aaf dem Gebiete der Philosophie. Geschlchte.Ethnographle.Theologle.Orlentalla, Exegese, Homiletlk, Liturgik, Pädagogik. J H e r a u s g e g e b e n von Rabbiner Dr. Moritz Rahiner. -'״<-־- - ■״* ■M■ ■**S— ־ ~ MRKdebur£, S4. August 1^*81 ץ ) BSeher der einschlägigen LIteratar, welche der Redactlon zagesandt werden, Anden ln diesem Blatte ein,; eh. Besprachang. BeiEinsendung von zwei Recensionsexemplaren erfolgt aacb Erwähn. 1. d.Wochenschr. v___ZJ Das JiSitloelse erscheint wöchentlich in einem halben Bogen; Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Friese) pro J ahrg an g: 8 Jlk. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenscli. in,“ (die Vierteljahr!, bei allen Postanstalten und Buchhandlungen 8 Mk. kostet) erhalten das ״Jüdische Literaturblatt“ gratis. — Inserate werden mit 25 PL für die dreigespaltene Petitzeile berechnet und ausschliesslich entgegengenomineu durch die Ceutral-Annoncen-Expedition von Gr• L. Drtuho &, Co., Frankfurt a. M., Magdeburg, Berlin, Hamburg, Cöln, München, Zürich, Wien, Paris, Inhalt: Wissenschaftliche Aufsätze: Die Juden in Europa. — Beiträge zur Erklärung der griechischen Wörter in den Midraschim und Talmuden. Fortsetzung von Nr. 22. Literaturbericht: Recensionen: Ralnner. M. Dr. Die biblisehe Erdbebentheorie. Eine exegetische Studie. — Bloch, Dr. J. S. Jean Bodin, ein französischer Staatsmann. — Ein Wort der Mahnung an Israel. — Notiz. Nachdruck nur mit voller (luellenangabe gestattet Die Juden in Europa. Festrede in der Akademie der Wissenschaften zu München, von Prof. Dr. J. v. Dölliuger, am 2'>. Juli 1881.*) Die Akademie begeht heute, vorausgreifentl, das Geburtsfest iiires königlichen Herrn und huldreichen Beschützers. Ein solcher Festtag ist zunächst den einfac'tsjfin, reinsten, erhebendsten Gefühlen geweiht: Liebe, .ehrung, Dankbarkeit. Dann aber ist es auch ein ,unkt, in welchem wir uns gern den Monarchen vergegenwärtigen, wie er prüfend und sinnend die Angelegenheiten seines Volkes, den Zustand Deutschlands erwägt, die bedeutungsvollen Ereignisse des Tages. ihre Tragweite sorglich bedenkend, vor seinem Geislesauge vorüberziehen lasst. Und so lenken sich unwillkürlich unsere Gedanken auf die jüngsten Begebenheiten, auf die ernsten Probleme, welche so laut und gebieterisch sich vordrängen. Nicht der geringsten eine ist die semitische, die seit einigen Jahren schon Deutschland bewegt. Schroff stehen die Parteien sich gegenüber, und wie im dreizehnten Jahrhundert es hiess: ״ilie Welf, hie Waibling!“1 so tönt es durch Deutschlands Gauen: ״Hie Semit und Semilenfreund, hie Anti-Semit!“ Mit nicht geringer Verwunderung haben wir wuhrgenomiuen, dass gerade in der Hauptstadt des Reiches der Streit so heftig entbrannt ist, selbst unter Denen, die zur Aristokratie des Geistes gehören. Ist nun auch der Süden Deutschlands bis jetzt noch weit weniger als der Norden in die Bewegung hineingezogen, so sind doch die dort sich regenden Triebfedern auch in unserer Nähe nicht ohne Kräh. In unseren Tagen darf die Wissenscliatt nicht mehr, wie es früher geschah, sich selbslgenügsam vom grossen Markte des Lehens entfernt hal- *) Wir haben bereits in Nr. 31 der ״Isr. Wochenschrift ־ die Rede üöllinger's im Auszuge nach der ״Augsb. Allg. Ztg.“ mitgetheilt. Nunmehr liegt uns tier Wortlaut derselben vor, und wir erinungeln nicht, diese, die ganze Antisemitenbewegung vom wissenschall lieh -c h ri s 11 i c h s m Standpunkte aus so gründlich verurtheileiide Rede, als wichtiges Be weissst ü c k vor der nnparteiischen Lie^cliichtsschreibung hier vollständig zum Abdruck zu bringen; liier und da werden wir auf die vom Standpunkte des jüdischen l.elirbegritfs abweichenden Anschauungen in den Anmerkungen hiuweisen. (Red.) ten; vielmehr hat sie die stärksten Gründe, sich mit ihren besten Früchten an der Lösung der unserer Zeit und Nation gestellten Aufgabe zu betheiligen, um mit allen social erhellenden und belebenden Kräften einpfangend und gebend sich zu verbinden. So sei denn eine der Spenden, welche die Akademie heute am Festtag ihres königlichen Beschützers darbringt, ein Versuch, zu zeigen, wie diese Dinge so geworden, sowie der Knoten, dessen Lösung heute Niemand anzugeben vermag, ullmälig sich verschlungen hat, und wie die Lebenslehrerin Geschichte drohenden neuen Verirrungen den warnenden Spiegel vormals begangener Missgriffe entgegen hält. Das Schicksal des jüdischen Volkes ist vielleicht das erschütterndste Drama der Weltgeschichte. Wenn die griechischen Tragiker vorzugsweise die Hybris, den UbermUthigen Missbrauch der Gewalt, als das dunkle, die Menschen in’s Verderben ziehende Vorhängniss darzustellen ptlegen, so tritt, uns in den Schicksalen dieses Volkes eine, ich möchte sagen ״mittelalterliehe Hybris“ als der schwere auf ihm lastende Fluch entgegen — eine Hybris gemischt aus religiösem Kanatismus, gemeiner Habgier und instinctariiger Raeen- Abneigung. Sie war das Ergebniss jenes sittlichen und intellectuellen Gebrechens, welches viele Jahrhunderte lang auf den Höhen der Menschheit wie unten in der Menge gleichmässig geherrscht hat, zum Theil noch in weiten Kreisen vorhanden ist, wenn auch jetzt durch Sitte, Furcht und öffentliche Meinung gebändigt. Dieses Gebrechen war und ist, kurz ausgedrückt, der Mangel des Gerechtigkeitssinnes. Wir kennen sie, jene Mächte und ihre Werkzeuge, welche auch heute noch in allen ersmnlichen Wenduugen und Verhüllungen stets den Einen Gedanken wiederholen: wir allein sind im Besitz der vollen, Rettung bringenden Wahrheit, und darum muss uns auch Alles gewährt werden und Alles uns erlaubt sein, was zur Verbreitung und Geltendmachung dieser Wahrheit nothwendig oder dienlich ist. Wo dieses Priucip herrscht, wie es in dem ganzen Jahrtausend von 500 bis 1500 herrschte und heule noch von Denen vertreten wird, welche die mittelalterliche Weltanschauung fcsihalten, da muss selbst der Begriff der Gerechtigkeit als ver* dümmlicher Wahn erscheinen — jener Gerechtigkeit nämlich, welche den Menschen nach seiner Erziehung, seinen Neigungen und Vorurlheilen zu verstehen, sich in seinen Gedanken- und Sympathienkreis zu versetzen und ihn demgemäss zu behundeln, zu entschuldigen, sein Abweiclien von unseren Buhnen des Denkens, Glaubens und Handelns zu ertragen, sein Recht der Selbstbestimmung zu achten vermag. Die christliche