Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 10 (1881)
- Issue
- No. 33. (17.8.1881)
- Date
- 1881-08-17
- Page
- Seite 132 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/5367336-6488242-5991035--1894-5367815- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
132 — leulen kaum wenige!• buchstäblich und fanatisch gefordert wurde, als im alten Slatnmlande Palästina. Sie sahen es fitr eine Tilgend, ja für eine Pflicht an, stets die Geschichte seiner Vorväter zu studiren und sie lehrten sie ihren Kindern, noch bevor sie ihnen die Geschichte ihres eigenen Landes beibrachten. Sie sangen allwöchentlich in ihren Kirchen die Hymnen, Klagegesänge und Dunklieder der jüdischen Dichter. Ja ohne die Juden Palästina'.׳) würden — so behau!!- tet wenigstens Benjamin Disraeli — noch heutzutage die nördlichen und westlichen Racen nichts von dem Kvangelium wissen. Die ersten Apostel waren Juden, ausschliesslich Juden: die ersten Evangelisten Juden, einzig und allein Juden. East ein Jahrhundert hindurcii glaubten nur Juden an Jesu Lehre. Es war kein römischer Senator und kein atheniensischer Philosopli, sondern nur ein Jude aus Tarsus, der Asiens sieben Kirchen gründete. Es war kein Unterschied zwischen der Moial der neuen Lehre und derjenigen der alten. ,Verfolgt uns!11 ruft Disrueli’s Sidonia aus. ״Wenn Ihr aber an das, was Ihr bekennt, wirklich glaubtet, solltet Ihr vor uns knien! Ihr richtet den Helden, die ein Land gerettet haben, Statuen auf; wir haben das Menschengeschlecht gerettet und Ihr verfolgt uns — weil wir es thaten!“ Nicht mehr um des Glaubens willen werden heutzutage Judenhetzen betiieben, auch nicht nationaler oder sittlicher iMenschenniäkeleien wegen, wie uns die neudeutsche Schule weismachen will, sondern um rein wirtschaftliche Interessen, um die Magenfrage, entbrannte von Neuem der uralte Kampf, dessen Ausgang noch nicht abzusehen ist. In den Juden sind den deutschen Grossstädtern, insbesondere den Kaufleutcn und den Vertretern der gebildeten Stände, in ungeahnten! Masse unbequeme, gefährliche Concurrenten erstanden, die sich in geometrischer Progression mehren und die biblische Propltezeihung vom Sand am Meere und den Sternen am Himmelszelte besonders in den Hauptstädten gar zu buchstäblich erwaltren. Lassen wir der Statistik das Wort über dieses Beweisthema. Die Gesammtzift'er der Juden auf dem Erdball beläuft sich dermalen auf 6,139.662 Köpfe; davon entfallen auf Amerika;107,8(13, auf Australien 20,000, auf Asien 182.847, auf Afrika 402 00(1, auf Europa dagegen fünf Millionen zwei mal hundert fünfundzwanzigtausendeinhunderiundsechsundfünf/.ig. Und in Europa wiederum sammelten sie sielt nirgends in so grosser Anzahl und so dicht bei einander wie in Polen, Lithauen, Weiss- und Ilolhrussland, in Podolien und der Ukrame, wo last die lläifte der europäischen Juden beisammen wohnt. ״Diese Anhäufung auf der einen Seite und aut der anderen Seite der Schutz, den die Juden zeitweilig unter polnischer Herrschaft genossen (V), waren die Ursache, dass die Juden sich hier fes er setzte,n und numerisch vollständiger entwickelten als in antleren Landern. Hier sind sie auch in nationaler Bezie- Innig am icinstcn (?wie steht es dann mit den ״edlereu" spanischen Juden?), am typischesten; hier ist auch die giosse ״vagina Judaeorum“, aus weicher die übrigen Juden Europas Auffrischung und neuen Zuwachs erhalten. Stets in Bewegung begriffen, stürmen diese ״polnischen־‘ •luden nach Rumänien, Oesterreich und in geringerem Masse auch nach Deuischland ein.“ Ihre Anzahl erhellt aus den nachfolgenden statistischen Tabellen In den Gouvernements Bessarabien tragen sie 7,0 Procent, in Cherson 8,5״/״, in Grodno 13,3*/0, in Kaliseh 0,2״/״, in Kiew 11,7״/״, in Kowno 10,2״/״ in Lomsa 14,5°/0 und in Volhynien 12,5״/״ der Gesummtbevölkeruug aus. Es scliliesst sich daran die grosse Masse der österreichisch-ungarischen Juden, die 10,6°/״ in Galizien. 9,3״/, in der Bukowina und 4״/״ in Ungarn und Siebenbürgen ausmachen, dessgleichen der östliche deutsche Bezirk mit 4״/״ Juden iu Posen und andererseits Rumänien mit über 8״/, Juden. In der gesammten osteuropäischen (clavischen) Völkergruppe machen die Juden gegen 4"/0, in der germanischen, mitteleuropäischen Ländergruppe nur 0,8"/״, und iu der romanisehen, westeuropäischen Ländergrnppe nur 0,1״/״ der Gesainmtbevölkerung aus Nun ist die osteuropäische Judenmasse nicht allein in stetem Vorrücken begriffen, um ihre Uncultur nach Westen zu tragen; sie zieht auch mit besonderer Vorliebe nach grösseren Städten, als nach den eigentlichen Handels- und Verkehrscentren, in welchen sie rasch und gewiss nicht immer durch völlig unanfechtbare Mittel, sehr häufig aber lediglich durch grössere Energie und Betriebsamkeit zu Einfluss und Geltung gelangt. Während beispielsweise die christliche Bevölkerung Warschau’s von 1801 bis 1869 nur um circa 2״/״ (von 118,722 auf 121,523 Seelen gestiegen ist, vermehrte sich die jüdische Bevölkerung der gen. Stadt im gleichen Zeiträume fast um 00״/״, so dass (nach der Erklärung Zaleski’s auf dem internationalen Congresse für Demographie) Warschau hei gleichem Port wachsen der semitischen invasion binnen zehn Jahren /״/0()־Juden zählen wird. Allerdings ist der Ueberschuss der (;eburten über die Sterbefälle bei den Juden ein sehr günstiger, allein eine so gewaltige Zunahme ihrer Bevölkerungsziffer kann nicht dadurch allein, sondern wesentlich duich ihre Zuwanderung vom ilaclten Lande bedingt erscheinen. So wuchs in München, dessen Umgebung livi von Juden ist, die Zahl der Eingewanderten von 1810 bis 1875 um 3087 Köpfe; in Leipzig und Dresden fällt ihre massenweise Ansiedlung mit dem Gesetze über die Freizügigkeit zusammen. In Berlin hielten sich die Juden bis zum Jahre 1840 unter 2״/״ der Bevölkerung, während sie dermalen 4,7״/״ austragen. Für die in unserem Reielisrathe veitreteneu Königreiche ergaben die Zählungen anno 1830: 355,095 und anno 1869: 820,200 Jaden. Diese Zifferncolonnen werden ins Feld geführt, um die (von D1\ Neu man 11 bestrittene) These von der jüdischen MassencinWanderung, von der Ueberflutlnmg des germanischen Stammes durch das semitische Volk nicht etwa als unbedingt richtig zu verlechten, wohl aber, um zu erproben, dass — ״wir Deutsche wohl Ursache haben, die Eventualität einer Musseneinwanderuug polnischer Juden im Auge zu behalten; es kann uns vom Standpunkte der deuiscli-nalionalcn Cultur (!) durchaus nicht gleichgiltig sein, ob wir grosse Men• gen polnischer Juden zu verarbeiten und zu civilisiren haben, um sie dann mit gesteigertem Vermögen etwa an Amerika abzugeben“. Das heisst doch wohl mit anderen Worten : Deutschland darf schlechterdings auf seine Authochthonen nicht bauen; seine Einwohner sind widerstandsiinläh g im Wettbewerb gegen die verschmitzten llulbbarbaren, die aus dem Jammer des Ghettos, notabene: des russisch-polnischen Ghetto’s, sich zu menschenwürdigerem Dasein emporarbeiten wollen; tolglich muss der Jude gebannt werden, wie man ja auch Schutzmassregelu wider räudiges Vieh, Einfuhrverbote u. dgl m. gesetzlich statuirt. Deutschland ist nach derselben rührenden Auffassung überhaupt kein Culturslaat, d׳-r im in'ernationaien Verkehr Gastrecht übt und geniesst, sondern eine isolirte Insel, in welche Menschencontrebande noch weniger freien Zutritt haben darf, als eingeschmuggelte Händelssartikel. So herrlich weit fiat es die deutsche Schulweisheit hundert Jahre nach Mendelssohn und Lessing gelnacht. Veiantwortliclier Kcilacteur L)r. Kalimer iu Ungüeburg. Druck von H Horbach iu Burby. Verlag von Robert Friese in Leipzig.