Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 10 (1881)
- Issue
- No. 30. (27.7.1881)
- Date
- 1881-07-27
- Page
- Seite 118 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 118 — dien war der jüdische Gelehrte nämlich bisher nicht dazu gekommen, Griechisch zu lernen. Er hatte ohne alle Anleitung das Lateinische und das Englische sich zu eigen gemacht, aber, was er von der Literatur der Hellenen wusste, des hatte er nur aus Uebersetzungen. Er hielt die Sprache dieses Volkes für unbeschreiblich schwer und glaubte nicht, dass es ihm vergönnt sein werde, bis in das Wesen derselben zu dringen. So kam er eines Tages zu Nicolai, als dieser gerade dabei beschäftigt war, den Demosthenes in der Ursprache zu lesen. ״Warum halten Sie sich mit diesen Schwätzer auf?“ sagte Mendelssolin, ״verstünde ich Griechisch oder es wäre noch möglich, es zu lernen, so würde ich wuhrhafiig die Redner ruhig liegen lassen und den Plato lesen, für den ich schon durch die Uebersetzungen üusserst eingenommen bin.“ Dies gab Veranlassung, von der Möglichkeit zu reden, dass er noch Griechisch lerne, Nicolai riet 11 i 11111, sich nur nicht lange mit der Grammatik aufzuhalleu, sondern einen )eichteil Autor gleich cursorisch und mit dem Wörterbuch in der Hand zu lesen. Aber der Philosoph schüttelte bedenklich den Kopf. ״.Fa“, rief n*, ״wenn ich immer einen Mann vor mir hätte, der mir ein lebendiges Lexicon wäre!“ Nicolai dachte hierbei sogleich an den Rector des Köllnischen Gymnasiums, den er nls hervorragenden Graecisten kannte, und beschloss, mit ihm zu sprechen. Damm willigte auch sogleich ein und versprach, wöchentlich zweimal in Nicolai’s Wohnung zu komnien, wo auch Moses Mendelssohn sich einlinden sollte Jeden Mittwoch und Sonnabend suh man nun das rlebendige Lexikon“ durch die Breite Strasse über die Stechbahn nach der Schlossfreiheit wandeln, wo Nicolai’s Behausung sich befand und wo auch Mendelssohn — das verstand sich ja von selbst — immer pünktlich zur Stelle war. Damit begannen nun für die drei Männer überaus interessante Unterhaltungen, die Uber zwei Jahre dauerten und für alle Theile anregend und fruchtbringend wirkten. Ungewiss, mit welchem Schriftsteiler um besten der Anfang zu machen sei, entschied mau sich nach einigem Schwanken für den Homer• In der ersten Zeit widmete Damm mit Rücksicht auf den Anfänger unter ihnen jedes Mal eine Viertelstunde der Grammatik, dies war aber bald nicht mehr nöthig, da der lleissige Schüler sich leicht zurechtfund. Zwei Stunden waren das Zeitmass, auf welches sich diese Studien gewöhnlich erstreckten. Bei dem Eifer, mit welchem man ihnen oblag, kam es jedoch nicht selten vor, dass dasselbe wohl um das Doppelte überschritten wurde. In der Regel trug Damm den griechischen Text laut vor, übertrug ihn dann in’s Deutsche, erklärte schwierigere Stellen genauer und beantwortete Mendelssohn's und Nicolai’s Kragen. Oft aber lasen und übersetzten auch die Letzteren selbst, während er verbesserte, wenn sie fehlten. Seine Worterklärungen waren höchst origineller Art, unterrichtend und scharfsinnig, oft aber auch an das Komische streifend. Der alte Schulmann war mit dem Homer, den er zeitlebens in Händen gehabt, höchst vertraut und seine «rründliehen etymologischen Kenntnisse kamen ihm für das Studium desselben sehr zu statten, nur besass er für die dichterischen Schönheiten seiner Darstellungen beinahe nicht den geringsten Sinn; schon sein Vortrag dieser herrlichen Gesänge war so unpoetisch als möglieh, schleppend und monoton. Kür Mendelssohn waren diese Uebungen trotz dieser und mancher anderen philologischen Sonderbarkeit des Leiters ausserordentlich fördernd. Als Nicolai vom Sommer 1759 ab verhindert war, daran theilzunehmcn, las er mit Damm noch mehr als ein Jahr lang den Plato und der Nutzen, den er daraus zog, war so beträchtlich, dass er sümmtliche Werke dieses Philosophen später ohne jede Beihilfe in der Ursprache studiren konnte. Wie gut er mit der Ilias sowohl als mit der Odyssee bekannt geworden war, bewies seine in der ״Allgemeinen Deutschen Bibliothek“ veröftentlichte Reccnsion der ersten Ausgabe von Bitaubä's französischer Uebersetzung des Homer. Als er darin willigte, sich auf diesen Weg führen zu lassen, hatte er nicht ein Wort Griechisch verstanden und jetzt lagen die Geistesschälze der Hellenen, von denen er geglaubt, dass sie ihm für immer ein Buch mit sieben Siegeln bleiben würden, ausgebreitet vor ihm. Und dass es ihm möglich geworden war, bis in diese Tiefen zu dringen, das verdankte er fast ausschliesslich dem alten Rector vom Köllnischen Gymnasium, der sich ihm uneigennützig als das von ihm begehrte ״lebendige Lexikon“ zur Verfügung gestellt hatte. Vergessen konnten 6ich beide Männer niemals. In Mendelssohn lebte das Dankgefühl, in Damm aber die Erinnerung an das prophetische Wort, das Jener in Betreff der Herausgabe des Neuen Testamentes gesproeben hatte, Auch der Sturm, welchen letztere erregt hatte, legte sich übrigens bald. Als Diejenigen, welche dieseloe erzürnt hatte, suhen, dass ihr Groll machtlos blieb, dass das Buch nach wie vorgelesen wurde und der Verfasser auch ferner seines Amtes wuliete, beruhigten sie sich endlich und der alte Rector konnte seine letzten Tage noch in Krieden verleben. Er starb am 27. Mai 1778. I)r. Julius Oppert. ür. Juliu8 Oppert aus Paris, wohlbekannt durch seine Korschungen auf dem Gebiete der alten assynsehen Geschichte, ist — wie bereits berichtet — vou der Academy von Krankreich fAcaddinie des Inscriptiow et helles lettres) auf den durch den Tod des Egypieologeu Mariette erledigten Sitz unter die 40 Mitglieder dieses Instituts gewählt wurden. Eine kurze Biographie dieses unseres hervorragenden Glaubensgenossen dürfte darum hier wohl am Platze 8ein.*J Julius Oppert, von Geburt ein Deutscher, aber nationalisirter Franzose, wurde um 9. Juli 1825 in Hamburg geboren und ist mütterlicherseits ein Neffe de9 Rechtsgelehrten Eduard Gans. Nachdem er seine klassischen und mathematischen Studien in Hamburg beendigt und einige Zeit in Heidelberg ״jus“ gehört I *J Wir geben lie nach dem ״Jew. Chronicle*.