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Das jüdische Literaturblatt · 1881-07-06 · No. 27. (6.7.1881) · p. Seite 106

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
10 (1881)
Issue
No. 27. (6.7.1881)
Date
1881-07-06
Page
Seite 106 (sequence 2)
Language
German
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106 — vielmehr begrabene Pamphlet seine Auferstehung und jetzt ist es eines der heiligen Bücher der Antisemiten. In den ״Bayreuther Blättern“ setzt Wagner sein antisemitisches Werk fort. Paulus Casse 1, der schlagfertige und kampffrohe, der als Judenmissionär seinen eigensten Beruf durch die antisemitische Racentheorie bedroht sieht — denn welcher Jude 8011 sich noch taufen lassen, wenn nicht einmal dasWasserderTaufe den Juden rein wäscht —, hat sich nun in einer besondern Broschüre direkt gegen ihn gewendet. Wagner ist in diesem jüngsten Elaborat auch gegen seine eigene Nation nicht gerade liebenswürdig; er redet von der Verwüstung, die durch den dreissigjährigen Krieg über Deutschland gekommen ist und sagt: ״Nachdem die männliche Bevölkerung in Stadt und Land zum allergrössten Theil atisgerouet, die weibliehe aber der gewaltsamen Schändung durch Wallonen, Croaten, Spanier, Franzosen und Schweden zum nicht minder grossen Theil unterlegen war, mochte der in seinem persönlichen Bestände verhältnissmässig wenig angegriffene Adel mit dem Ueberbleibsel dieses Volkes sich kaum als ein geschichtlich Zusammengehöriges fühlen, und ferner; .,die Machtverhältnisse verschoben sich aus dem eigentlichen Deutschland nach dem slavischen Osten“; ״degenerirte Slaven, entartete Deutsche, bilden den Boden der Geschichte des achtzehnten Jahrhunderts.“ Abgesehen davon, dass jeder dieser Sätze eine Unwahrheit und eine Schmähung des deutschen Namens ist, widersprechen sie sich auch,, (welchen Widerspruch Cassel nicht urgiert), denn wie Wagner in dem ersten Satze annimmt, hat es auch im eigentlichen Deutschland nach dem dreissigjährigen Kriege zum allergrössten Theil nur ein Mischlingsgeschlecht von Croaten, Wallonen u. 8. w. mit Deutschen. Man sieht, wohin diese Urteutonen steuern, ganz Ostdeutschland bis zur El be, heut’ zu Tage dieStütze und der Mittel punkt des nationalen Lebens, gilt ihnen als die Heimath entarteter Deutschen und Slaven; wie man im Jahre 1813(1 in Suddeutschland nicht von Preussen, sondern nur von Wenden und Obotriten gesprochen hat. Die gr0 ss-gerinanische Cu! t ur - arbeit, dieses Land zwischen Elbe und Weichsel civilisirt und germanisirt zu ha־ ben, wird von Wagner geschändet. Die Degenerirung der Bevölkerung durch den 30jährigen Krieg, die Wagner in’s Masslose übertreibt, war jedenfalls stärker in Thüringen, in Franken, in der Pfalz, in Sachsen, in Württemberg, kurz im ״eigentlichen Deutschland“, um mit Wagner zu reden, als im Osten; denn gerade in der Mitte und im Westen Deutschlands hat die Kriegsfurie am heftigsten gewüthet. (Auch diesen Punkt berührt Cassel nicht). Jedoch diese ganze Ahnenprobe ist an sich lädierlieh; wer unbefangen prüft, der erkennt in der durch Kaiser Wilhelm herbeigeführten Einigung der deutsehen Stämme auch den Vortheil, dass die durch harte Arbeit und den kargen Boden spröden und eckigen Bewohner des Ostens (die ״Bettelpreussen“ des bayrisehen ״Vaterlands“) allmählich die Liebenswürdigkeit und Gemüthlichkeit des Westens annehmen werden, während der Westen gut thun wird, an dem Ernst, der Arbeitslust und dem Sinn für Disciplin, dieser Preussen sich ein Muster zu nehmen. Hauptsächlich inde98 wendet sich der Artikel Wagner’s gegen den Judengott, und will am liebsten Jesus zum Nichtjuden, und das Christenthum zu einer vom Judenthum ganz unabhängigen geschichtlichen Erscheinung machen. Was Cassel dagegen von seinem Standpunkte sagt, bitten wir in seiner interessant und geistreich geschriebenen Broschüre nachzulesen. Wir wollen hier nur darauf hinweisen, dass Wagner in diesem fruchtlosen Streben, das Christenthum von seinen jüdischen Wurzeln loszureissen keineswegs originell ist, sondern allerdings sehr ungeschickt den Spuren Schopenhauers folgt. Schopenhauer fühlt sich vom Judenthum, das eine Religion der Lebensfreudigkeit und der Arbeit ist, abgestossen, während ihn die Askese, die Weltflucht, die müssige Beschaulichkeit des christlichen Lebens ganz ebenso wie die Lehre Buddha’s anzieht; hier ist in der That e^n Cardinaluntersehied zwischen Judenthum und Christenthum, wie schon ganz koncret darin sich zeigt, dass ־nach־ dem Judenthum die Ehe die sittliche Ordnung auch für die Priester und die Frommen ist, während nach christlicher Anschauung das Cölibal heiligt und dem Menschen, der es auf sich nimmt, einen Vorzug giebt. Schopenhauer ist ein Feind des Juden th ums und Wagner ist' sein Satellit. Daneben redet Wagner von dem ״Judengott, weleher dass fette Laintnopfer Abels schmackhafter fand, als das Feldfruchtopfer Kain’s, und behauptet: in Israel sei nie eine eigene Kunst gewesen, nie ein Leben von kunstfähigem Inhalt, und leistet noch eine ganze Reihe von andern Sätzen, die zuerst durch den Wortschwall ganz unverständlich Vorkommen; hat man sich lange geplagt den Sinn zu erkunden, so merkt man, dass sie unverständig sind. Cassel erweist ihm die ausserordentliche Ehre, diese Sätze einzeln, glänzend und geistreich niederzulegen. Z. Die Schriften Raschi’s. (Fortsetzung von Nr. 20.) A. Zur Hai ach ah und Agadah sind zu zählen: Seine Erläuterungen zu fast sämm!liehen Tractaten des babylonischen Talmud’s, unter dem Namen Konteros*) bekannt. Viele seiner Erklärungen, die er mündlich gab, haben dessen Enkel Raschbain, und wahrscheinlich auch andere Hörer in ihren Werken aufgenommen.**) So ist es bekannt, dass Raschi’s Schwiegersohn R. Jehudu ben Natan den taimudisehen Tractat Makkot von Kol. 16 b an ergänzte und vervollständigte.f) Die Thatsache aber, dass Raschbam ausdrücklich mittheilt, er habe in seinem Connnentare mündliche Erklärungen Raschi’s aufgenommen, berech- *) Schon Zum wies nach, dass Konteros קונטרס nichts anrteres als das Wort ״commentarius“ in verstümmelter Form sei. **) Siehe Dr. D. Rosi n'e, ״R.Samuel ben MeVr“,p. 10, Anmkg.3, f) Siehe Dr. D. Roain’s. RSBM, p. 3, Anmkg. 4.

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