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Das jüdische Literaturblatt · 1881-06-08 · No. 23. (8.6.1881) · p. Seite 91

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
10 (1881)
Issue
No. 23. (8.6.1881)
Date
1881-06-08
Page
Seite 91 (sequence 3)
Language
German
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91 — moderne Ausrede, die wir bei Professor Grau ״die Judenfrage und ihr Geheimniss“ finden Es heisst da von Lehrs, einem der bedeutendsten Philologen der Neuzeit: ״Lehrs war, wie Spinoza, aus einem Juden ein Heide geworden, aber ein gläubiger Heide. Eine wunderbare Erscheinung, wenn man diesen Mann von echt jüdischem, aber sehr edlem Gesichtstypus in seiner Studirstubfe unter griechischen Götterbildern sitzend fand. Gehören andere jüdische Gelehrte unserer Zeit, welche durch kluge Benutzung des Zeitgeschmacks und die geschickte ״Mache“ weite Kreise anzielien — (welche jüdischen •Gelehrten sind das, etwa der getaufte Ebers und wer denn sonst ausser ihm?) — mit Pilatus und seiner Frage: ״Was ist Wahrheit?“ zusammen, am Ziele des verlorenen Sohnes sieh wohl fühlend, so wandelte Lehrs, ein Hölderlin aus jüdischem Stamm, nur ohne dessen krankhafte Weichheit, mit Aeschylos und Platon auf den Höhen des griechischen Lebens, suchend nach dem Morgenroth des Tages der Ewigkeit, der diese vergängliche Welt in eine ideale und bleibende umwandeln wird.“ Und das Alles soll zur Unverbes- 8erlicl1keit der semitischen Race stimmen? Wohl giebt es zwei verschiedene Typen in der modernen Judenheit, wie sie überall geschieden sind, das ist der Mann der Praxis, des Goldes, der auf gemeionützige industrielle Wege sein Vaterland fördert, 1 und der Mann der Wissenschaft, dessen Leben sich dem Idealen zugewendet und darin den Genuss vollkommener harmonischer Ausbildung für sich und andere erstrebt. Wohl ist — ein Beschönigen führte zu nichts — in der modernen Judenheit der Commerzienrathtypus etwas über Gebühr in den Vordergrund getreten. Der Name eines so bescheidenen Mannes wie Bernays, von so hellem Klang unter den deutschen Forschern, dürfte mancher jüdischen Familie auf der Höhe der Situation, ob sie gleich mit ״Künstlern“, mit ״Bildung“ kokettirt, unbekannt, sein. Aber alle diese Dinge, einen so weh• müthigen Epilog sie zu dem Leben eines Jacob Bernays bilden, gehören zu den natürlichen Uebergängen in der Geschichte der deutschen Judenheit, M. Friedeberg. Wir schliessen hieran die Einleitungssätze eines trefflichen und ausführlichen Nekrologs, mit welchem die ״Köln. Zeit.“ den Verstorbenen ehrt. Sie lauten: ״Durch den Tod des Oberbibliothekars und ausserordentlichen Professor Dr. Jacob Bernays hat die Universität Bonn einen Mann verloren, dessen grosse Leistungen auf dem Gebiete der Alterihumswissenschaft ihn einen auch über die Grenzen Deutschlands hinausgehenden Ruf verschafft haben; ein Verlust, der von unserer rheinischen Hochschule, ja in der gesummten gelehrten Welt um so schmerzlicher empfunden werden wird, je mehr es den Anschein hat, al6 ob gerade das Feld der klassischen Philologie, dessen Blüthe seit nunmehr einem Jahrhundert der Ruhm und Stolz Deutschlands gewesen ist, an tüchtigen jüngeren Vertretern nur noch einen verhältnissmässig spärlichen Nachwuchs hervorbringe .... ״Alles, was Bernays schrieb, legt ebenso von seiner weitschichtigen Gelehrsamkeit, wie von seinem eindringenden Scharfsinn Zeugniss ab.“ Literatujbericht. Recensionen, Die biblische Erdbebentheorie. Eine exegetische Studie von Dr. M. Rah 111 er, Rabbiner in Magdeburg. Robert Friese. Leipzig. 1881. Preis 1 Mark. Sehr geehrter Redacteur! Was ein echter Recensent ist, fühlt sich bekanntlich nicht als literarischer Richter, sondern als literarischer Staatsanwalt und betrachtet es beinahe als eine persönliche Schädigung, wenn er irgend einen Deliquenten, will sagen ein Buch, das ihm ▼orgeführt wird, ohne weiteres entlassen soll. Ja, wie man sagt, sollen auf diesem Gebiete selbst die kleinen Kunststücke mittelalterlicher Tortur noch nicht ausser Gebrauch gekommen sein, um dem Buche ein Schuldbekenntnis^ zu erpressen. Wie ich mir nun Ihre Schrift mit der Grossinquisitormiene ansah, so hatte ich schon am Titel mein Missfallen. Freilich muss ich sogleich hinzufügen, dass meine Kritik beim Titel anfängt, aber bei ihm trotz alles vorhandenen bösen Willens auch aufhören muss. Die Ueberschrift: ״Die biblische Erdbebentheorie“, ich kann es nicht leugnen, dass sie in mir selbst ein gelindes Erdbeben hervorgerufen hat. Wie, so dachte ich, sollten schon in den Tagen des Usiah sich die Juden nicht damit begnügt haben, dass ihnen so ein Erdbeben die Köpfe und die Häuser einschlug, sondern sollten sie so viel theoretisches Wissen gehabt haben, dass etwa die Akademie der Wissenschaften in Jerusalern eine Preisaufgabe über die beste Erdbebentheorie gestellt habe. Preis in Gold auszahlbar, Jerusalem, Bankhaus Rothschild sen., Ring dem Rathhaus gegenüber? Und fand sich da irgend ein Humboldt und Falb, der die Aufgabe löste und dessen bisher unbekanntes Manuscript jetzt unserem Autor in die Hände gefallen ist? Ich war bisher der Meinung, dass man sich dazumal mit naturwissenschaftlichen Theorien sehr wenig den Kopf zerbrochen hat. Gott sei Dank, die Schrift hält nicht, was der Titel verspricht, sondern liefert etwas viel Besseres, nämlich eine sehr gründliche und an überraschenden Resultaten ausserordentlich reiche exegetische Abhandlung über die Bibelstellen, welche von dem Erdbeben zur Zeit des Königs Usiah reden oder auf dieses Ereigniss anspielen. Die Schrift ist in einigen Punkten auch ein Duell mit Grätz und dass ich nur vorweg erkläre, dieses Duell endigt mit dem Siege des berühmten Professors; denn giebt es einen schönem Triumph für einen Lehrer, der auf grosse Erfolge zurückblicken darf, auch noch den Erfolg zu erfahren, dass sein eigener Schüler in Anwendung der von ihm gelernten Methode den Lehrer meistern und ihn eines Besseren belehren kann? Die wissenschaftliche Niederlage wird da gleichsam zum pädagogischen Siege, und der Talmud erzählt, die Gottheit selbst hätte sich gefreut, dass sie ausrufen konnte: meine Kinder haben mich besiegt. Doch nun sind der Worte genug gewechselt und ich will Ihren Lesern etwas von dem reichen Inhalt der Schrift mittheilen. Der stolze Recensent, der nichts zu thun hat, will sich in den bescheidenen Referenten verwandeln Als Zeuge für das Erdbeben, das in den geschiehtliehen Büchern der Schrift nicht erwähnt worden, ist zuerst Ainos zu nennen, der, nach der Ueberschrift zu schliessen, seine prophetische Thätigkeit geradezu um dieses Ereigniss gruppirt; ausserdem weisen Sie auf den Propheten Sachariach hin, dessen Darstellung eines Erdbebens nach ihrer ebenso geistreichen wie richtigen Vermuthung der Schilderung des Josephus vom Erdbeben des Usiah zu Grunde liegt. Und wenn Sie den älteren Propheten Secharjah, dessen Reden uns im biblischen Kanon erhalten sind, mit Secharjah, dem Sohn Jeberachjahus, und sodann mit dem Secharjah, der Chron. 16, 26, 5 ״als kundig göttlicher Gesichte“ und als Rathgeber des Usiah erwähnt wird, identificiren, so ist auch dies eine haltbare Hypothese. Jene symbolische Handlung, zu der Jesajah den Secharjah zum Zeugen rief, fand im Anfang der Regierung des Achas statt, d. h. die siebenzehn und achtzehn Jahre nach dem Tode des Usiah. Das Erdbeben ereignete sich, wie sie der talmudischen Tradition folgend an nehmen, zugleich mit der BirkrftnkiijigjtgaJlaiaKt.

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