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Das jüdische Literaturblatt · 1881-06-08 · No. 23. (8.6.1881) · p. Seite 90

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
10 (1881)
Issue
No. 23. (8.6.1881)
Date
1881-06-08
Page
Seite 90 (sequence 2)
Language
German
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9Ü — Jacob Bernays. Mit Jacob Hernays ist am 26 Mai einer von den Männern geschieden, die detn gebildeten Deutschen eine Achtung einflössten, die Freund und Feind zwang, den Juden in ihm init in den Kauf zu nehmen. Und Jude war Bernays mit Leib und Seele, hielt sich doch der sonst liberale Professor Jürgen Bona Meyer in der ״Deutschen Revue“ darüber auf, dass sein College in seiner Steilung als Oberbibliothekar in Bonn am Sonnabend das Ritualgesetz seiner Religion respectire. Mit Bernays ist einer von denen geschieden, denen als Juden der steile Pfad zur akademischen Profcsssur noch durch kein modernes Nivellement, nicht einmal durch eine Geldheirath geebnet wurde. Bernays zwang durch seine wissenschaftlichen Leistungen den Culiusminister von Bethmann-Hollweg, mit ihm, als durch RitBchl's Berufung nach Leipzig eine klaffende Lücke in der philosophischen Facultät entstand, telegraphisch zu unterhandeln, denselben Cultusminister, der in der Kammer erklärt hatte (mit deutlichem Hinweis auf den Historiker Jaffd, der sicli dann das Leben nahm, und auf Bernays), dass ausser in Berlin und Breslau Juden keine Professur erhalten könnten. Bernays war der Sohn des Hamburger Rabbiners, den die Geschichte der deutschen Judenheit unter dem Epitheton ״Chacham“ kennt. September 1824 geboren, erhielt Jacob Bernays seine klassische Vorbildung auf dem Johanneum seiner Vaterstadt und wurde 1849 Privatdocent in Bonn mit den Aussichten auf eine ziemlich entsagungsreiche Laufbahn, doch schon damals zu glänzenden Hoffnuugen berechtigend, die ihm die Mitarbeiterschaft am ״Rheinischen Museum“ verschaffien. 1854 wurde Bernays an das neu begründete theologische Seminar in Breslau berufen, um den angehenden Rabbinern klassische Philologie und Reiigionsphilosophie zu lesen. Diesen Disciplinen gehörten seine in den Jahresberichten des Frankel’schen Seminars verüffentlichten Arbeiten an, die heute in Separatabdrucken weithin den Fachgenossen bekannt sind. Seine Untersuchungen über ״Por p hyrios’Schrift von der Enthaltsamkeit‘' und ״Th eophrast 0s’Schrift über Frömmigkeit“, über Phokylides“, sowie über ,,S u 1 p i c i u s Severus“ gehören hierher. Bernays blieb zwar sein Leben lang ausserordentlicher Professor — vielleicht auf eigenen Wunsch — aber er erlangte die höchste wissenschaftliche Ehre der deutschen Gelehrtenrepubük, er wurde in Folge seiner genialen Abhandlung ״Ueber die pseudophiionische Schritt von der Unzerstörbarkeit der Welt — die 1876 mit deutscher Uebersetzung erschien — Mitglied der Berliner Akadeuiie der Wissenschaften. Bernays schrieb 1855 sein Werk über Jos. Scaliger, 1869 die ״Herakleitischen Briefe“, 1872 ״Aristoteles’ Politik“ — 3 Bücher —; 1879 erschien ״Luciun und die Cyniker“, 1881 ״Phokion und seine neueren Beurtheiler.“ — Am berühmtesten sind seine Arbeiten über Aristoteles, über den er wie überLucrez auch in Bonn las. Seine beiden Abhandlungen über die aristotelische Theorie des Drama schlossen sich an Lessings Forschung an. Bei der Wichtigkeit der Frage nach den wahren Wirkungen der Tragödie, ob sie mit Lessing eine moralisclie Besserungsanstalt ist oder nach Göthe das Gemüth nur in Unruhe versetzt, ist das Buch von Bernays, das sich in fesselnder Sprache namentlich bemüht, den ״landesüblichen Kunstrichterjargon“ über die Phrase von der ״tragischen Reinigung der Leidenschaften“, einen jener ״ästhetischen Prachtuusdrücke, die jedem Gebildeten geläufig und keinem Denkenden deutlich sind“, aufzuklären, ganz gewiss auch dem Laien einen Genuss bereiten. Es bedarf nach Bernays ״blos gewöhnliche Ehrlichkeit zu dem Bekenntniss, dass man eine moralische Wirkung von Tragödien unmittelbar nicht verspüre, um so weniger verspüre, je besser die Tragödien sind.“ Die Forderung des Aristoteles von der Katharsis verlange nichts weiter, als dass die Tragödie dem Zuschauer einen Stoff biete, an dem er die Doppelempfindung von Mitleid und Furcht auslassen könne. Auch zu den Grundanschauungen Göthe’s, ״die doch, wie sich ehrlicherweise nicht leugnen lässt, Gemüther und Köpfe aller echten Söhne unseres Jahrhunderts beherrschen'•1, stelle sich ein erwünschtes Einvernehmen bei dieser Auffassung des vielumstritlenen Aristoteles heraus. Wie fast immer bei Aristoteles, ״legt er auch hier eine empirische Thatsache zu Grunde; sie fällt in den Bereich der ekstatischen Erscheinungen, welche im orientalischen und griechischen Alterthum um so häutiger vorkamen, je tieferen Reiz ein solches Ueberwallen der gesatnmten Gemüthskrüfie auf die lebhafte Erregbarkeit jener Völker üben musste. Wo aber der Menschengeist sich noch nicht in sich selber eingewohnt hat, da wird das Aussersichsein für heilig und göttlich gehalten; und der öffentliche Cultus nahm daher diesen Taumel in seinen weihenden Schutz und bestimmte ihm feste Formen der Besänftigung.“ Wie kathartische Mittel den krankhaften Stoff aus dem Körper hervorlocken, so lässt die Gewalt des Gesanges das ekstatische Element-hervorrasen, dass sich dann wieder in die Ruhe des geregelten Gemütszustandes einordnet, während es sonst in unablässigem Wühlen die Grundvesten des Gemüths untergraben hätte. An die Stelle des enthusiastischen Taumel3 setzte die fortschreitende hellenistische Cultur, die auf eine Erregung universal - menschlicher Affecte angelegte Darstellung der Welt- und Menschengeschicke Der ekstatische Schauer vor den unabänderlich ehernen Gesetzen, nach denen wir unseres Daseins Kreise vollenden, durchrieselt uns in der Tragödie mit Lustgefühlen. Furcht und Mitleid mit dem Leid des tragischen Helden lassen uns aus unserem Selbst heraustreten und führen die Katharsis herbei, indem ein lustvolles Schaudern die Menge von der drückenden Empfindung eines gigantischen Schicksals für Augenblicke befreit, während die edleren Gemüther sich gegen die Wucht dieser Empfindung an Religion und Philosophie aufzurichten streben.“ ״Im Erstaunen such’ ich nicht mein Heil, Das Schaudern ist der Menschheit bester Theil.“ Bernays war ein wahrhaft religiöser Mensch, jedoch allezeit beflissen, den billigen Ruhm der Orthodoxie von sich fern zu halten. Ein tüchtiger Talmudkenner ״lernte“ er in freien Stunden d. h. in solchen, die er für diesen Zweck aus seiner reichen Thätigkeit frei machte. Eine volle harmonische Lebensführung war Bernays nicht beschieden, er blieb unverheirathet und entwickelte einige Anlagen zum Sonderling. Tief erschüttert hat den festen Anhänger seiner mütterlichen Religion der Uebertritt seines Bruders Michael Bernays, des gefeierten Götheforschers, der in München eine einflussreiche akademische Professur bekleidet, zum Christenthum. J. Bernays liebte seinen Bruder und hatte ihn auferzogen; doch seit jenem Tage des Uebertritts — am Jomkippur soll es gewesen sein — kannte er ihn nicht mehr. Jacob Bernays und mit ihm die Reihe bedeutender jüdischer Philologen: Lehrs, Lazarus Cohn, Friedländer, G. und 0. Hirschfeld, Jaffd u. s. w. bildet ein glänzendes Zeugniss gegenüber dem seichten Gerede von dem materialistischen Zuge moderner jüdischer Wissenschaft, von den destructiven Tendenzen und dem anderen Gefasel, mit dem man jene Zeiten zurückrufen möchte, in denen ein Theil der Obengenannten aus äussern Gründen, da die wissenschaftliche Fortbildung ihnen gehemmt wurden, Renegaten werden mussten. Heute wirft inan ihnen überdies ihr Semitenthum vor. Vollends lächerlich wirkt eine

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