Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 10 (1881)
- Issue
- No. 23. (8.6.1881)
- Date
- 1881-06-08
- Page
- Seite 92 (sequence 4)
- Language
- German
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92 — Amos zwei Jalire vor dem Erdbeben zu prophezeien begann und unter Jernbeams Regierung auftrat, und Jerobeam schon 13 Jalire vor dem Tode des Usiah starb, so müssen wir wohl annehmen, dass zwischen Erkrankung und Tod des Usiah ein Zeitraum von zwanzig Jahren gelegen habe. Es lag also zwischen der Zeit, wo Usiah den Rath des Secharjah einholte und der Zeit, wo ihn Jesajah zum Zeugen rief, ungefähr ein halbes Jahrhundert; indess es ist sehr gut erklärlich, dass Jesajah gerade diesen hochbetagten Greis, der eine glorreiche Vergangenheit hinter sich hattte, zum Beistände bei der Cap. VIII erwähnten symbolischen Handlung erwählt hat; er fühlt sich gleichsam als den Geisteserben dieses Propheten, dessen unserhaltene Reden nach Grätz in der Zeit des Jotam gesprochen worden sind. Schwieriger wird die Sache schon, wenn Sie die Vision des Jesajah Cap VI mit dem Erdbeben und der Erkrankung des Usiah in Verbindung bringen. Denn war Jesajah unter Usiah mehr als zwanzig Jahre, unter Jotham sechzehn, unter Alias sechzehn und unter Chiskiali auch zwanzig Jahre thätig; das giebt zusammen siebzig Jahre; indess Jesajah war am Beginn seines Wirkens noch sehr jung; aus jeder Silbe seiner ersten Rede haucht uns die Begeislerung der Jugend entgegen, und so spräche dieses Additionsexempel nicht gerade gegen die Wahrscheinlichkeit, dass er durch das Erdhoben zum Propheten erweckt worden sei. Dagegen kann ich mich der exegetischen Notiz, S. 13, dass Jes. Cap. V, 30 zum Capitel VI gehöre, nicht anschliesseri, Sie fühlen wohl die Schwierigkeit, diesen Vers mit den folgenden zu verbinden, und sagen darum nur, er gehört ״inhaltlich“ zu ihnen. Aber daraus kann ich mir wieder keinen Vers machen: entweder man kann einen Satz logisch und grammatisch mit dem andern verbinden oder man kann es nicht *) Ganz ausgezeichnet ist Ihre Interpretation des Amos; hier werden nicht nur Worte, sondern Sachen und Sätze erklärt. Die Notiz, Amos habe zwei Jahre vor dem Erdbeben mit seiner prophetischen Thätigkeit begonnen, ist Ihnen mit Recht keine blos chronologische Be- Stimmung, sondern der Schlüssel zum Verständnis« aller seiner Reden; es ist eine Freude zu sehen, wie viel unklare Stellen licht und deutlich werden dadurch, dass wir sie am das Erdbeben beziehen, und nichts ist natiirlicher, als dass ein so gewaltiges Ereigniss einen Mann wie Amos, der mit der Natur gleichsam verwachsen war, dessen Natursinn und dessen religiöser Sinn gleiclmiässig durch eine solche ausserordentliche Gottesthat erregt wurde, zum C'entralpunkt seiner prophetischen Beredsamkeit werden musste. Richtig scheint mir, wenn Sie (gegen Grätzj Cap. IV, V, 13 übersetzen: es werden gerettet werden, die gerade im Winkel eines Sopha’s oder auf einem Lager sitzen. Besonders aber verdient es meines Erachtens Beifall, dass sie die recipirte Ordnung des Kanons, nach welcher Joel dem Amos vorangeht, gegen Grätz aufrecht erhalten. Sie haben liecht, wenn Sie den Satz, mit dem die Prophetie des Amos beginnt, als Citat, gleichsam als dem Joel entlehnten Text ansehen. Die Heusehrcckenschwärme waren dem Erdbeben vorangegangen und kleine Erderschütterungen, die Joel erwähnt, waren Vorboten der grossen Zerstörung. Joel 11.11 wie Grätz aufzuiässen (Seminarprogramm 1873 S. 20) ״Gott hat meine Stimme vor seinem Heere erhoben“, er brachte erst das Erdbeben und dann kamen die Heuschrecken, entspricht nicht dem exegetischen Takte, den dieser scharfsinnige Bibelforscher sonst bewährt. ״) Wir werden auf diesen Punkt im Zusammenbau ge mit noch anderen uns zugegangenen Bemerkungen über unseie Schrift — die übrigens ursprünglich den Titel: ,Das Erdbeben in der Bibel“ führte — zurückkommen. Da hätte ich nun Einiges aus Ihrer Schrift ansgeschrieben; es Hesse sich noch viel Interessantes daraus excerpiren. Selbst wenn ich die talmud. Regel beobachte, einetn Menschen nur einen Theil des Lobes ins Gesicht zu sagen, darf ich getrost behaupten, dass di« exegetische Literatur eine wesentliche Bereicherung durch Ihre Arbeit erfahren hat. :c k. Rippner. The Ilebrew Keview. Published by the Rabbinical literary association of America. Bloch ct Co. Publishers and Printers. Cincinnati. Volume I, Number 1. Oclober 1880. ״ אין מוקדם ומאוחר בתורהEs gibt kein früher oder später in der Wissenschaft.“ Wir haben in Nr. 12 a. Bl. das 2. Heft dieser Zeitschrift angezeigt und wollen nun das erste Heft besprechen Zu unserer Freude können wir ein viel günstigeres Urtheil über das letztere fällen. Der Willkomm-Gruss des Präsidenten Dr. Lilienthal ist herzlich und würdig abgefasst und setzt die Ziele dieser Vierteljahrsschrift deutlich auseinander. Der zweite Aufsatz: the law׳ (das Gesetz) (p. 12—32) mit dem Motto: אין בארון רק שני לוחות האבנים betont die Präponderanz der Thora den Propheten und Hagiopraphen gegenüber in Bezug auf halachische Normen. Doch will er das Gesetz nur in dein Decalog sehen, d h. das göttliehe Gesetz, während alles Uebrige nur veränderliche Menschensatzung sei. Dass diese Ansicht nicht einmal den Vorzug des Neuen hat, ist sattsam bekannt. Im 3. Aufsatz behandelt M Ellinger ״Die Stellung der Juden im 19 Jahrhundert“ (p. 32—44). Verfasser datirt die freiheitliche Stellung von der Unabhängigkeit Amerika’s, nach ihm waren die Versuche Friedrichs II., Joseph’s II. von Oesterreich eben nur Versuche (der Druckfehler Joseph I statt Joseph’s II. auf Seite 34 sollte nicht Vorkommen). Erst durch den Berliner Vertrag wurde nach Ellingers Ansicht die Gleichberechtigung sämmtlicher Juden in Europa anerkannt. Wie weit wir leider davon entfernt sind, lehrt in trauriger Weise die Gegenwart. Ellinger plaidirt natürlich, wie Dr. Köhler, für die Abschaffung der auf Palästina bezüglichen Gebete Der ganze Aufsatz zeigt Flachheit und Oberflächlichkeit. Der 4. Aufsatz: The Talmudic Sjdiogism or the inference of Kal Vechomer (Der talmudische Syllogismus oder קל וחומר d. 11. der Schluss de minore ad lnains) von Dr. M. M i e 1 z i n e r (p. 42 bis 53) erfreut durch klare und lichtvolle Dsrstellung. Es ist bekannt, dass der קל וחומר auf die Stelle Numeri 12 Vers 14 vom Talmud zurückgeführt wird, und daran schliessen sich die Erläuterungen Dr. Mielziner's, der die entsprechenden termini technici aus der Logik mit der danebenstehendeu taimudischen angibt. Hierauf werden die Beschränkungen des V'p angeführt und ilinstrirt und zwar I) אין עונשין (2 ,דיו לבא מן הדין ובו׳ מן הדין und 3) אין דנין דברי תורה מדברי סופרים oder אין דנין ק״ו מהלכה. Hierauf wird der Charakter einer פירכא als Widerlegung des argumentum a fortiori durchgeführt. Dann spitzfindige Syllogismen, wie der Synhedrin 17 mitgetheilte, der aber daselbst als Geistesübuug־ bezeichnet und uueb auf der Stelle widerlegt wird. Es ist diese Arbeit Mielziener’s werth, ins Deutsche übertragen zu werden; sie reiht sich würdig an M. Plungians Arbeit über גורה שוד׳ (unter dem Titel תלפיות, Wilna 1869, veröffentlicht) an. Dieser Arbeit Dr. Mielziner’s folgt die des Prof. Moses Bloch aus Budapest ״Ueber das mosaischtalmudische Strafgesetz“. Die Üebersetzung von J. W. Lilieuthal ist eine gute. Das Heft beschliesst ein eingehender Bericht Uber die in Detroit abgehahenen Sitzungen der Gesellschaft vom 13., 14. und 15 Juli 1880. Dr M. Grünwald- Breslau. Verantwortlicher Redarteur Dr. kihmer in Magdeburg. Druck von H. Horbach in Barby. Verlag von Robert Friese in Leipzig.