Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 10 (1881)
- Issue
- No. 15 und 16. (13.4.1881)
- Date
- 1881-04-13
- Page
- Seite 58 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 58 — mit metaphysischen Speculationen und dem Zergliedern abstracter Begriffe sich befassten, konnten wohl den hellenischen Schönheitsbegriff als discutirbares Problem in ihre Kreise ziehen, nicht aber als ein befruchtendes, lebenskräftiges Prinzip, ein volksbildendes Element, wie er doch!!tatsächlich von den Griechen erfasst wurde. Der hebräische, der Symbolik feindliche Religionscultus trat der Entwickelung des Forrnensinnes auch hemmend entgegen, und so vereinigten sich viele Factoren, um einer vorwiegend ktihlen Verstundesrichtung Vorschub zu ieisten, die mit der frohen Lebensanschauung und der auf die Sinne wirkenden Poesie des alten Hellas unmöglich sich amalgamiren konnte. Zwar finden wir in der jüdischen Geschichte eine kurze Epoche, während welcher das Judenthum dem Hellenismus gar nicht schroff gegenüberstand, wo viele Gelehrte und Schöngeister Palästinas in der griechischeÄUeratur bewanderter waren, wie in der heimischen, der jonischen Mundart als Umgangssprache sich bedienten und eine Verschmelzung der griechischen Cultur mit der eigenen anstrebten. Wenn es aber auch hie und da einigen hellen Köpfen wie Flavius Josephus, Philo etc. gelang, in die fremdländische Anschauungsweise sich einzuleben, so waren das eben nur sporadisch auftretende Erscheinungen; und ob auch in grossen, von gemischter Bevölkerung bewohnten Städten, wie in Alexandria und anderwärts, eine Annäherung an's Griechenvolk stattfand, die das Aufgeben der jüdischen Observanzen, Namen und Sprache zur Folge hatte, so war diese Strömung doch nur eine vorübergehende, von den Rechtgläubigen streng verdammte Nachahmungssucht, Eitelkeit hatten die Juden zur Pflege einer fremden Culturblüthe veranlasst; eine Verfolgung, eine spontane Kundgebung des tiefwurzelnden Judenhasses, erzeugt durch die wesentliche Verschiedenheit in den Grundanschauungen, führte sie in’s heimische Lager zurück! und stärkte die gelockerten Bande der national-religi- Ösen Solidarität Das Christenthum, das aus dem Mosaisinus sich entwickelte, von seiner Wiege aber schon mit anderen, dieser Lehre fremden Elementen sich versetzte, machte es seinen Anhängern eher möglich, einen Vermittelungsweg zur Anschauungsweise des klassischen Alterthums zu finden. Zwei mächtige Factoren trugen dazu bei, dass die Christen leichter zum Verständnis der Tradilion und Eigenart derselben gelangten. Der Umstand einerseits, dass sie schon frühzeitig den Grübeleien der Neu-Platoniker ein williges Ohr liehen und deren Mysticismus in ihr System aufnahmen, und andererseits die stets lebendige Erinnerung an die Kunstschöpfungen der Antike, die im 15. Jahrhundert in den Gebilden der Frtth-Renaissance ihre Wiedergeburt feierte, beides, 1 und besonders das letztere Factum, machte sie fähig, jene gewaltige, dem goldenen Zeitalter angehörende Civilisation zu verstehen und deren fortlebenden Einfluss auf sich wirken zu lassen. So ergab sich im Laufe der Zeit eine Milderung des schroffen Gegensatzes und zuletzt ein nahezu voll• ständiger Ausgleich zwischen den christlich-germanischen und griechisch-heidnischen Völkergruppen, die die Juden als Bekenner des reinen Monotheismus, folgerichtig in ihren Schwesterbund nicht aufnehmen konnten. Was Wunder also, dass sie, die beständig in einer Atmosphäre geistiger Einsamkeit lebten und durch eine immer höher werdende Scheidewand von den halbhellenisirten Völkern sich getrennt sahen, um so enger in das Heim ihrer Innerlichkeit sich schlossen, um so zäher an ihren alten Formen und Gebräuchen festhielten und ihre Eigenartigkeit in immer prägnanterer Weise vertieften? Was würde angesichts einer solchen im Grunde des Wesens wurzelnden Verschiedenheit der zwar gut gemeinte aber übel erdachte Rath des Professor Moreimsen frommen, die Israeliten möchten durch die Taufe dem gegenwärtigen Zustand der Dinge zu entkommen suchen? Wir können es kaum begreifen, wie ein ernster, nach dem Causalverhältnisse der Dinge forschender Gelehrter einer so äusserlichen Handlung, wie die Taufe, die Kraft vindiciren mochte, zwei verschiedene, aber mit gleich elementarer Gewalt einherbrausende Geistes- Strömungen in ihrem Lauf zu hemmen und sie in der beliebten Richtung ineinander fliessen zu lassen. Aber wen es selbst möglich wäre, mit ein wenig Weihwasser eine durch die Macht der Verhältnisse erzeugte, durch Jahrhunderte vererbte, durch künstliche Zucht erhaltene Anschauungsweise wegzuwasclien, wäre dies auch gar so nothwendig und erspriesslich? Uns scheint vielmehr des Gegentheil der Fall zu sein, und dass die von Rdnan angeführte Aeusserung über die Entstehung und Erhaltung des Christenthums, bis zu einem gewissen Grade, auf jeden Staatsorganismus, sowohl in seinen ersten Entwickelungsphasen wie in seinem Eortbestand anwendbar sei. Ein Staat kann nur dann zur höchsten maleriellen Blüthe sich entfalten, wenn er ans vielen divergirenden Bestandteilen zusammengesetzt ist, die sich gegenseitig ergänzen, ein vielseitiges Streben möglich machen und in dem Bemühen nach Annäherung und Verständigung eine rege geistige Thätigkeit entwickeln. Wie in der Natur auf die Anziehungs- und Abstossungskraft der sich suchenden und fliehenden Elemente die Bewegung, das Leben, beruht, wie in der Musik aus vielen hörbar verschiedenen Tönen erst ein ganzes Tonstück wird, und die Malerei nicht ineinander' verschwüreinender, sondern deutlich getrennter Farben sich bedienen muss, um ein Gemälde auf die Leinwand zu bringen, so bedarf ein Staat vieler nicht ineinander aufgehender, aber parallel nebeneinander gehender Richtungen, um zu Macht und Grösse zu gelangen. Nicht der Staat wird daher das allgemeine Beste fördern, der eine gründliehe Verschmelzung der verschiedenen Anschauungen und Meinungen versucht, sondern derjenige, der allen zu ihrem Rechte verbilft, jeder eigenartigen Individualität Raum zur Entfaltung gewährt, jeder Körperschaft gestattet, den in ihr vorhandenen und nicht von aussen heraufgezwängten Bedingungen gemäss, nach Veredlung zu ringen, und der überhaupt die grösstmöglichste Varietät in den Ansichten und Bestrebungen nicht nur duldet, sondern nach Kräften schützet. Aus einzelnen Dissonanzeu ist die vollständige Harmonie zusammen-