Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 10 (1881)
- Issue
- No. 10. (9.3.1881)
- Date
- 1881-03-09
- Page
- Seite 38 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Eine Predigt über zwei Texte: über Psalm LXXIX, 6 ן ״Schütte Deinen Grimm auf die Heiden und auf die j Königreiche, die Deinen Namen nicht anrufen“ und Uber Matth. XXII, 36 ״Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst. Von Yorik, aus dem Engli* sehen übersetzt. Ausserdem enthielt der Bogen nur noch einen Theil der Vorrede. Alberti erschrak. Es wusste, wer der Verfasser war und er sagte sich, dass diese dem Anschein nach im Druck befindliche Predigt, wenn sie ▼eröffentlicht würde, die Schaar seiner Feinde nur vermehren musste. In seiner Besorgniss eilte er zu Lessing, der ihn sogleich umarmte, indem er lächelnd versicherte, er habe sich nur einen Scherz erlaubt. Mit der Veröffentlichung war es allerdings nicht Ernst gewesen — Lessing hatte nur in der Druckerei seines Freundes Bode, auf dessen Verschwiegenheit er rechnen konnte, denjenigen Theil absetzen lassen, welchen Alberti gelesen hatte — aber die Predigt war fertig und das Manscript lag auf dem Tische des Verfassers. Was würden wir darum geben, wenn wir sie lesen könnten! Aber es ist, wie es scheint, Nichts mehr davon vorhanden und was wir von dem Inhalt wissen, beschränkt sich auf die Veranlassung, die Yorik gehabt haben sollte, eine solche Predigt zu verfertigen. Wir verdanken diese Mittheilung einem der wenigen Freunde des Verfassers, denen es damals gestattet war, einen Blick in die Arbeit zu thun, und die das, was sie gelesen hatten, wie ein Geheimniss bewahrten. Erst zwanzig Jahre später kam Nicolai, in der Befürchtung, dass das Manuscript verloren gegangen sei, auf den Einfall, wenigstens soviel davon auf die Nachwelt zu bringen, als in seinem GedächtnisS noch lebte. Lessings Bruder, der einmal ein Bändchen seiner theologischen Schriften herausgab, scheint diese merkwürdigste unter denselben gar nicht gekannt zu haben. Was uns Nikolai überliefert hat, ist, wie gesagt, nur ein Bruchstück, denn er gesteht, von der Predigt selbst, obwohl er sie zweimal mit unbeschreiblichem Vergnügen las, nichts in einigem Zusammenhänge behalten zu haben. Aber selbst dieses Wenige genügt, um uns erkennen zu lassen, dass es sich hier um einen der genialsten Scherze handelt, welche sich jemals ein überlegener Geist gestattet hat. Die Manier Yoriks — unter der Maske dieses Geistlichen und Humoristen lieferte Sterne bekanntlich einen Theil seiner Erzählung ״Tristram Shandy“ —war nach der Versicherung Nicolai’s völlig erreicht, das ganze Erzeugniss in seiner Weise ein Meisterstück. Die Art, wie Yorik auf die Idee gekommen sein sollte, eine solche Predigt zu verfassen, war folgende: Der Oberst Shandy geht eines Tages mit seinem getreuen Diener Trim spazieren. Sie finden am Wege einen halb verhungerten Menschen in einer zerlumpten französischen Uniform, der 6ich auf eine Krücke stützt, weil der eine seiner Füsse verstümmelt ist. Er nimmt stillschweigend den Hut ab und bittet mit kummervoller Miene um eine Gabe. Der Oberst giebt ihm einige Schillinge, ungezählt wie viele. Trim zieht einen Penny aus der Tasche, und indem er ihn darreicht, sagt er: French dog! Der Oberst schweigt einige Sekünden, dann sagt er: ״Trim, es ist ein Mensch und nicht ein Hund!“ Trim zieht wieder einen Penny hervor, giebt ihm den inzwischen ihnen nachgehinkten Franzosen, indem er abermals sagt: French dog 1 ״Trim, dieser Mensch ist ein Soldat!“ fährt der Oberst fort. Trim greift wieder in die Tasche, giebt einen Penny und sagt, den Bettler starr ansehend, wiederum: French dog! ״Und Trim, er ist ein tapferer Soldat. Du siehst, er hat für sein Vaterland gefochten und ist schwer verwundet worden“ Trim drückt den! Franzosen die Hand und, indem er noch einen Penny giebt, sagt er mit zitternder Stimme: French dog! ״Und Trim, dieser Unglückliche ist ein braver Ehemann, der vier unerzogene Kinder hat!“ Trim, eine Thräne im Auge, giebt Allles, was er noch hat, indem er leise hinzufügt: French dog! Als der Oberst nach Hause gekommen ist, spricht er mit Yorik über diesen Vorfall. ״Es ist klar“, sagt Yorik, .,Trim hasset die Nation, welche seinem Vaterlande feindselig ist, aber er kann jedes Individuum aus derselben lieben, wenn es Liebe verdient.“ So entstand die Predigt. Wir sehen, von welchem Geiste sie gewesen ist. Wie dürftig diese Ueberreste auch sind, so geht doch als unzweifelhaft daraus hervor, dass dies der Sinn der Lehre war: Nicht auf das alte nnd das neue Testament kommt es an, nicht auf den Psalmenspruch oder das Evangelium, sondern auf den Charakter unseres Handelng; der Hass treffe nur Den, der ihn verdient, Liebe werde nur dem geschenkt, der ihrer würdig ist. Was verschlägt es, ob einer Franzmann oder Brite ist? Nicht in der Nationalität beruht der Werth, sondern in der B eschaffenheit des Einzelnen. Wer nur die Tugend zu üben versteht, verdient als Mensch geehrt zu werden, gleichviel, ob er im Norden oder im Süden wohnt, gleichviel, welche Sprache sie sprechen, ob heisses oder kaltes Blut in ihren Adern rinnt: die Guten aller Länder dürfen sich die Hände reichen, denn sie gehören zu einander. Für sie giebt es keine Schranke, die nicht fiele, sobald sie es wollen. Wie? Ist das nicht derselbe Lessing, der uns im ״Nathan“ Duldung predigt? Schlägt er nicht hier die Brücke von V 01 k zu Vo 1 k, wie dort von Reli gi o n zu Religion? Ja, das ist er im ganzen Reichthum seines Geistes, in der ganzen Tiefe seines Wesens, der rüstige streitbare Held, welcher den Kampf mit dem Vorurtheil unermüdlich fortsetzt und der Wahrheit nachgeht bis zu ihren verborgensten Quellen. Der Hass, mit welchem sich die Nationen befehden, lehrt er, ist ein Wahn: Diejenigen, welche sich verfolgen, kennen sich nicht; sie sind fähig, sich zu lieben, ohne dass sie es wissen. Wer wollte leugnen, dass hier den Völkern der Weg gezeigt wird, wie sie die Kriege vermeiden oder wenigstens vermindern können? Hundert Jahre sind jetzt seit dem Tode Desjenigen verflossen, der den Samen dieser Erkenntniss ausgestreut, und noch heute erscheint das Blutvergiessen wie eine Nothwendigkeit, noch heute ist der Glaube an die Logik der Waffen nicht erschüttert, im Gegentheil, er wird erst recht in ein System gebracht. Auch hier ist Lessings Verstand Jahrhunderten voraufgeeilt, denn noch lebt der Völkerfriede nur als Phantom in den Köpfen gutmütiger Schwärmer und dichter Nebel verhüllt bis jetzt den Tag, da er sich zeigen soll. Bemerkungen zur Massorah anf Onkelos. Von S. B. Schefftel in Posen. II. Ex. 21,8. אם רעה בעיני אדניה אשר לא (לו קרי) יעדה 0. ,אם ביישת בעיני ריבונה ריקימה ליד. So ed. Sab. und die meisten Ausgg. Hierzu eine Notiz in Massorah parva S. 82. 'דק ימה דאיק לסור׳ ולנהרד corrump. für (* ד;_קןמה ךקיטה (יי ist keinesfalls correct; vor einem Vokal muss ך mit Schwa kommen, ך kommt nur vor Schwa oder י. Der Strich bei ד kann nicht Metlieg sein, da dieses bei der Accentuation des Targum nicht gebräuchlich ist. Der Strich ist höchst wahrscheinlich aus dem Schwa zu dem darüber fehlenden 'י entstanden.