Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Literaturblatt · 1881-03-02 · No. 9. (2.3.1881) · p. Seite 34

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
10 (1881)
Issue
No. 9. (2.3.1881)
Date
1881-03-02
Page
Seite 34 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/5367336-6488242-5991008--1764-5367708
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

der That, der Unterschied zwischen der hebräischen und griechischen Frau war gross. Die Griechen warfen ihr Vermögen und ihre Verehrung einer Aspasia und Lais zu Füssen, die Juden verehrten Miriam und Debora. Der verfeinerte, geleckte und dabei kriegerische Hellene von den Zeiten Philipp’s von Macedonien bis zu der römischen Eroberung betrachtete den einfachen, demüthigen, aufrichtigen Juden, den eifrigen Beobachter des mosaischen Gesetzes, als ein uncivilisirtes, unge■ schlachtes, widerspenstiges Individuum, dem mit Waffengewalt bessere Manieren beigebracht werden und das für seine Widersetzlichkeit als ein unwissender Fanatiker strenge bestraft werden müsste. Der Hebräer sah auf den Hellenen herab als auf einen Heiden, der das Gesetz Moses nicht kannte, als auf einen ruchlosen Götzendiener, dessen unreine Sitten dem Gotte Israels ein Gräuel waren, als auch den Verunreiniger seiner Altäre, den Entehrer seiner Tempel, den Zerstörer seiner Religion. .... Die Griechen trugen viel zur Civilisation bei: sie schufen die Künste — vielleicht auch das Drama — sie förderten die Philosophie. Aber die Juden besitzen ein weit grösseres Anrecht auf die Dankbarkeit und die Anerkennung der Menschen überhaupt und der Christen insbesondere. Wenn die Hellenen der Welt Muster schriftstellerischer und künstlerischer Leistungen gegeben haben, so haben die Hebräer für einen beträchtlichen Theil der Menschen die Grundlage ihres Moralcodex und ihrer Religion geliefert. Wenn Jene Aesthetik gelehrt haben, so haben diese das Menschengeschlecht mit einem Messias und einem unvergänglichen Glauben bedacht.“ Wien. D r. Güdemannn. Das ״goldene Kalb“? In der jüngsten Zeit ist so oft von dem ״goldenen Kalbe“ die Rede, um welches von der Urzeit her bis heute die Juden und nach ihrem Beispiele die Christen tanzen, dass es nicht ohne Interresse ist, darauf hinzuweisen, dass die Juden vielleicht gar nicht einmal ein goldeucs Kalb angebetet haben. Das hebr. Wort עגל heisst nämlich etwas Rundes, die Bedeutung ״Kalb“ ist eine abgeleitete und bezeichnet zunächst die kngelartige, runde Masse des Embryo und daun ״Junges“, besonders ״junges Kalb“. Jedenfalls liegt hier eine Nachahmung des ägyptischen Götzendienstes vor, sowohl in der Wüste unmittelbar nach dem Auszuge aus Aegypten, wie bei Jerobeam, der, aus der ägyptischen Verbannung zurückkehrend״ den ägyptischen Götzencultus bei Israel einrichtele. Man denkt dabei an den ägyptischen Apis, indess war dieser kein Kalb, sondern ein ausgewachsener Zuchtstier (אביר), zur Darstellung der zeugenden Schöpferkralt der Naturgottheit. Er war dem Osiris, dem Gotte der Sonne, heilig, deren zeugende Kraft und deren Einfluss auf das Wachstlmm der Pllanzen- und Thierwelt darin verehrt wurde. Das Zeugungsglied (nembrum virile) des Osiris wurde sogar in bildlicher Nachahmung in einem Kasten aufbewahrt und in dem Tempel aufgestellt. Daraus entwickelte sich der unzüchtige Phallus• Dienst. Ausserdem war Apis ein wirklicher, nicht ein bildlicher Stier, sogar auch noch von besonderer Farbe. Die Anbetung eines Kalbes, zudem eines goldenen, bleibt somit hiernach unerklärt,. Vielleicht ist daher bei עגל an etwas ganz Anderes zu denken. עגל bedeutet nämlich etwas Rundes einen Kegel und bezeichnet die kegelförmige Nachahmun״ des Zeugungsgliedes des Osiris, wie ja auch die kegefförmigen Pyramiden und Obelisken Aegyptens eine nachahmende Darstellung desselben in colossalem Massstabe waren.*) Die Verehrung des 09iris fand besonders im Hochsommer statt, wo die zeugende Kraft der Sonne sich besonders mächtig zeigte, wo aber auch gleichzeitig Typhon, der Gott der Finsterniss (um die Zeit der Sonnenwende) den Lichtgott besiegt hatte und die leuchtende und zeugende Kraft der Sonne wieder abnahm. Osiris war dann der Mythe nach vernichtet und spurlos verschwunden; man hatte ihn gesucht und nur dessen Zeugungsglied aufgefunden, welches für kommende Zeiten als heilig aufbewahrt und verehrt wurde. Dieser Cultus war der unzüchtige Phallus-Dienst, Phallus erectus, dem auch eine weibliche Gottheit mit Darstellung des unzüchtigen Naturdienstes gegenüberstand, die תרעתא (Derketo), welches Spalte, Oeffnung (weibliche Schaatn) bedeutet. Hiernach ist עגל die kegelförmige Darstellung des Phallus. Die Anlehnung an diese Art des ägyptisehen Götzendienstes ist freilich noch scheusslicher und verabscheuungswütdiger, als eine etwaige Nachahmung des Apis-Cultus; aber Mosis Aufregung und sittliche Entrüstung wird uns nun auch um so erklärlicher. So verstehen wir nun auch die Bedeutung des bis jetzt unerklärt gebliebenen und bei dem Apisdienste auch unerklärlichen קול ענית (Exodus 32,18), dessen Bedeutung Beziehungen zum sexuellen Umgänge hat (Gen. 34,2, Deut. 22,24); so begreifen wir auch den Tanz (ומחלה v. 19), der bei dem Kälberdienste keinen Sinn hat, wohl aber bei dem sexuellen Naturdienste, welcher mit ausgelassener Fröhlichkeit, unzüchtigem Tanze und sinnlichen Ausschweifungen verbunden war Auf diese sittenlose Zügellosigkeit deutet auch das רוע» und der sittliche Verruf (שמצדי) bei der Aussen weit hin |(v. 25). Moses erkennt daher die Art des Geschreies und Gesangs (קןל) ganz richtig und erklärt: Was ich da höre, ist nicht Geschrei von Streitenden (קול מלחמה), nicht der Wechselruf von Siegenden (קול ענות גבורה) und Unterliegenden (חלושה —), sondern es ist קול ענות das frivole Geschrei und unzüchtige Gejauchze sinnlicher Ausschweifung. Dies sind die unzüchtigen und buhlerischen Scheusslichkeiten Aegyptens. Die ständige Hin- Weisung anf die Versündigung Israels durch Jerobeam hat auch erst dann den rechien Sinn, wenn sie einen sittlichen Hintergrund hat und unter עגל dei (Kegel-) Phallusdienst verstanden wird. Denn Abweichungen vom Monotheismus und Hinneigung zum Bilderdienste ohne solche sittliche Verirrungen kommen in der Geschichte Israels überall vor, ohne dass sie zu solchen ständigen Klagen und Nebenbemerkungen Veranlassung gäben, wie bei Jerobeam und dein durch ihn eingeführten עגל Dienste. Dies sind die unzüchtigen und buhlerischen Scheusslichkeiten Aegyptens (תונותיה and גלולי מצרים) bei Ezechiel, welche Israel nachahmte und womit sie sich verunreinigt und entsittlicht haben (Ezecli 20,7, 23,3 ff.) Diesein niederdrückenden Gefühle gegenüber wirkt aber die sittliche Entrüstung erhebend, welche uns wegen solcher Verirrungen überall in der Bibel entgegentritt. Dr. R 01 h s c 11 i 1 d-Alzey. *; Unser deutsches ״Kegel“ ist sprachlich mit עגל verwandt, denc ״Ain“ ist das gutturale g, wie in Gemorrha (.״״ (עמודהd Gaza (עזה); das g hat sieh dann spater dialektisch in k verhärtet.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.