Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Literaturblatt · 1881-02-23 · No. 8. (23.2.1881) · p. Seite 31

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
10 (1881)
Issue
No. 8. (23.2.1881)
Date
1881-02-23
Page
Seite 31 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/5367336-6488242-5991006--1760-5367705
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

bunden, die der Scharfrichter mit Reisig umgab; eia Geistlicher kam, hielt ihm das Leiden Jesu Christi vor, der Schächer bereute seine Sünden, ״aber,“ fährt der Chronist fort, ״etliche verfluchte und schnöde Juden haben da ihre Bosheit noch nicht lassen können, unangesehen, dass sie doch Gottes Strafe und den jämmer* lieh schmerzlichen Tod vor Augen gesehen, sondern haben nach dem Priester und anderen Christen öffentlieh gespieen. Daraus man genug hat ersehen können, dass sie unbussfertig sterben wollen, und sind also mit einem schnellen Feuer dahin gefahren.“ Der warmherzige Louis Schneider knüpft an den Bericht seine eigenen Betrachtungen. ״Man kann sich“, schreibt er, ״eines Schauders nicht erwehren, wenn man die Beschreibung der Procedur liest: dieser fiirchterliehe Hohn weitläufiger Formalitäten, den unglücklichen, von der Folter zur Verzweiflung gebrachten Juden gegenüber, die Alles gestanden, was man nur wollte, um sich von den Qualen der Daumschrauben, spanisehen Stiefel, der Recke und Wippe zu befreien! Diese fanatische Gier nach dem Blute Andersglaubender, Andersdenkender, denen man die unglaublichsten, abent6uerlich8ten Dinge aufbürdete und sich dazu berechtigt glaubte, nur weil sie keine Christen waren! Gott sei Dank, diese Zeiten sind vorüber, lange vorüber, und wahrlich nicht ebensovieler Jahre wird es bedürfen, um auch die letzten Schlacken ungerechter Vorurtheile abzustreifen? Wie urtheilen wir heute über das, was die Juden vor 363 Jahren an körperlichen Qualen erdulden mussten, und wie werden unsere Nachkommen über das urtheilen, was sie in späterer Zeit an Vorwürfen, Zurücksetzungen und Anschuldigungen geistig ertragen?“ Schneider ruht im Grabe. Könnte er daraus zurückkehren, was würde er empfinden und sagen, wenn er sich jetzt unter seinen lieben Berlinern umsähe lind die Nachricht von dem neuesten Autodafö zu Neustettin vernähme, woselbst der von Berliner Hetzern fanatisirte Pöbel in der Nacht vom 17. zum 18. Februar 1881 — zwei Tage nach Lessing’s hundertjährigem Todestage — die Synagoge anzündete und mit allen ihren heiligen Requisiten einäscherte?! Literaturbericht. Beceasioaeu. Kaufmann, Dr. David, Professor. Die Spuren M. Batlajüsi’s in der jüdischen Religions-Philosophie nebst einer Ausgabe der hebräischen Uebersetzungen seiner ״bildlichen Kreise“. Budapest 1880. Als Wissenschaftliehe Beigabe zum 3. Jahresbericht der Landes-Rabbinerschule in Budapest. 64 S. deutscher Text und 55 S. hebräischer Text des ספר העגולות הרעיוניות. Abdallah ibn Mohammed Es-Sid, der unter dem Namen Batlajüsi in Fachkreisen bekannte arabische Gelehrte, der zu Beginn des 11. Jahrhuudorls in Badajoz blühte, stand bisher wol den grösseren jüdischen Kreisen fern. Nur die kleine Gemeinde, die ohne Stein- Schneider nicht wissenschaftlich leben kann, hat diesen Namen wiederholentlich nennen gehört. Durch Professor Kaufmann ist er nunmehr auch in die grösseren Kreise eingeführt worden, bestens eingeführt worden. Wir lernen Batlajüsi als den Verfasser einer Schrift kennen, die vielleicht schon in ihrer arabischen Urschrift, sicherlich aber in der trefflichen Uebersetzung Mose Ibn Tibbon’s auf jüdisch-philosophische Schriftsteiler bedeutend eingewirkt hat. Die arabische Literaturgeschichte hat die ״Baumgärten* Batl.'s fast mit Stillschweigen übergangen, Philosophen von der Bedeutung eines Gazzäli selbst konnten, nach Verf.’s Ansicht, die Schrift plagiiren, ohne dadurch in den Ruf oder auch nur in den Verdacht des Plagiators zu gelangen; aber jüdisches Schriftthum hat dankbar das Angedenken an den Verfasser der ״bildlichen Kreise“ bewahrt und erhalten. Während der arabische Name des Originals die ״Baumgärten für den Inhalt der Schrift in keinerlei Weise bezeichnend ist, charakterisirt der hebräische Titel ם׳ העגולות הרעיוניות den überwiegenden Theil des Inhalts der in 7 Capitel zerfallenden Abhandlung. Herr Prof. Kaufmann hat nun zweierlei geboten : einen kritisch zuverlässigen hebräischen Text und den Nachweis der Einwirkung auf jüdische Autoren, nebst einer kurzen, aber trefflichen Einleitung und einem genauen Rechenschaftsbericht über seine Quellen. Seit Munk s. A. ist wohl kein Herausgeber auf diesem Arbeitsgebiete mit so vielem handschriftlichen Material ausgerüstet, an seine Arbeit getreten, wie unser Herausgeber, dessen Umsicht und Rührigkeit in der Herbei- Schaffung und Verwerthung so reichen Materials alle Anerkennung verdient. Ihm standen für diese Arbeit zur Verfügung 2 Handschriften des arabischen Originals, 7 Handschriften der hebräischen Uebersetzung Mose Ibn Tibbon’s, 4 Handschriften des משובב נתיבות, eines Jezira-Commentar’s Samuel ibn Motot’s und endlieh 2 Handschriften des מאוני העיונים Gazzäli’s. Referent darf es nicht verhehlen, dass er es lieber gesehen hätte, wenn der gelehrte Verfasser, der sich Vorbehalten hat, später noch die arabische Urschrift herauszngeben, schon jetzt einen bilinguen oder gar trilinguen Text edirt hätte, d. h. wenn er zugleich und in Einem die arabische Urschrift mit der hebräischen Uebersetzung und vielleicht auch einer deutschen uns vorgeführt hätte. Es sei hier nur eines Momentes gedacht, welches so und nur so zur rechten Geltung gelangen kann. Jeder, der nur einmal die hebräische Uebersetzung eines arabischen, muslimischen Religionsphilosophen gelesen, hat ein Interesse, zu sehen, wie der jüdische Uebersetzer mit den Citaten verfährt, die der muslimische Autor seinen Religionsquellen entnimmt. Lässt er das Citat aus dem Korän oder der Sunna stehen, oder snbstituirt er dafür ein Citat aus der Bibel oder dem Midrasch und Talmud? Oder fügt er von selbst — der Geläufigkeit halber — ein Citat hinzu, ohne dass die Vorlage ihn dazu bestimmt hat? Das Verhältniss der Bibel zum Korän und die Analogie der Einwirkung Beider auf die beiden denkgläubigen ßekenntnisskreise würde dadurch in volles Licht gestellt werden. Da Ref. dem Herausgeber noch öfters auf diesem Boden zu begegnen gedenkt, dürfte diese Anregung wohl nicht ohne Werth sein. Ref. wird in einer mehr fachwissenschaftlichen Zeitschrift noch darauf zurückkommen. (Schluss folgt) Rabbinowicz, Dr. Israel Michael, Ldgislation civile du Talmud, les femmes, les payens selon le Talmud, nouveau commentaire et traduction critique des traitös Berakoth, jusqu’ ü Khethouboth, Ghitin, Kidouschin de tous les passages des 20 traitds des 3 premi- Öres divisions (sedarim) qui concernent la legislation, les femmes, les payens etc. T 0 m e 1. Paris, chez l'auteur, Rue du Seine 63. 1880. Mit diesem ersten Bande, der zuletzt vom Verf, herausgegeben wurde, ist die in diesem Blatte schon mehrfach iu rühmender Weise besprochene kritische Uebersetzung derjenigen talmudischen Parthieen, welche sich auf die bürgerliche Gesetzgebung des Talmud | beziehen, beschlossen. Wenn auch der Verfasser die ver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.