Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 10 (1881)
- Issue
- No. 8. (23.2.1881)
- Date
- 1881-02-23
- Page
- Seite 30 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Cultur mitarbeiten in Gewerbe, Handel, Wissenschaft und Kunst. Einhundertunddreissig Jahre, vom Beginn des neuen deutschen Geistreiches an, sind wir mitbauend, mithelfend, initaufrichtend und man hatte die Kühnheit — ich will hein herberes Wort gebrauchen — zu fragen, ob wir Deutsche sind. Was gehörte dazu, um eine solche grosse Geschichte von einhundertunddreissig Jahren Theilhaberschalt am Besten, was die deutsche Nation geleistet hat, mit einem Male negiren zu wollen! Doch, da ist er schon wieder, der Wermuthstropfen, der bittere. Frischauf! Freuen wir uns und sehen wir auf das Reine und Grosse hinauf. In Zeiten der Noth und Verdüsterung giebt es eine Form, welche das ideale, das höchste Vertrauen zu erhalten strebt: es ist die Form des Gebetes. Eür die anderen, denen diese Form versagt ist, ist gegeben die Form der Erkenntniss. Wenn das Pincip und das Gesetz in Frage gestellt wird, so dass man selbst vielleicht daran zweifeln und fragen würde: ist es denn nicht doch ein falsches Ideal, an das Du Deine Hoffnung gesetzt hast? — da ist es gut, sich klar zu machen, was ist denn die Humanität, die Leasing und nach ihm und mit ihm die grossen Geisser der deutschen Nation verkündet haben V Es wird vielleicht am schnelllsten und kürzesten klar, wenn wir auf die Frage, was ist Humanität, uns den Gegensatz veranschaulichen. Der Gegensatz von Humanität ist Brutalität, Thierheit. Es giebt in der Entwickelung des Lebens ein Etwas, wo erst der Mensch beginnt. Die Grundanlage, aus der er sich über das Thier erhebt, ist eben das Menschliche, das kein Thier hat: die Selbstführung, die Erhaltung Anderer, die Förderung Anderer, die Liebe zu dem Nächsten, mit einem Wort das Humane. Wer wiederum zurücksinkt, die Humanität verleugnet, und alles Leben blos in das Thierische, ins Blutleben zurückversetzt, der sinkt eben wieder zurück in die Brutalität. Die Humanität erscheint im Reiche Gottes als das, was die Sonne in der physikalischen Natur ist: das reine, weisse Licht. Das reine, weisse Licht bricht sich in der Erscheinungswelt in Farben. Diese Farben sind die verschiedenen Nationen, die verschiedenen Confessionen. Das Urlicht, das weisse Licht aber empfangen sie aus der Humanität. Die Humanität ist die Religion der Religionen; und ein Bannerträger des weissen Liehtes, des Lichtes der Humanität, ein Bannerträger der weissen Fahne, selber lichtslrahlend, ist Gotthold Ephraim Lessing! — Wir knüpfen hieran den Schluss eines von Berth. Auerbach in der ״Wiener Presse“ CNr. 43 und 45) ״Zu Lessings lOOjährigem Todestag“ veröffentlichten, seines Autors würdigen Aufsatzes, der wie folgt lautet: Lcssing’s ״Nathan“ uud Goethe’s ״Faust“ sind absohlt deutsche Schöpfungen, die wir aus keiner andern Nation hervorgegangen uns denken können. Aber wenn Nathan heute unter uns Deutschen erschiene, dürfen wir ausdenken, was er wohl sagen würde? Es sei! Nathan könnte sagen: Ich sehe einen Manu, der berufen ist, die Religion der Liebe zu verkünden, aber Hass und Neid und alle niedrigen Leidenschaften gegen die Juden aufstachelt; ich sehe einen Andern, der die thatsächliche Wahrheit erforschen soll und den Mutli hat, vor Augen liegende Tlmtsachen zu verleugnen. Ich sehe traurigen Verderb der Gemüther. Aber ich fürchte schliesslich weit weniger, dass ein Seelenverderbniss im deutschen Volke christlicher Abstammung einwurzle; die Rechtschaffenen und Einsichtigen werden nicht davon berührt, die Braven schämen sich, duss man wagt, eine sogenannte Judenfrage aufzustellen und damit allerlei Gehässigkeiten gegen die Juden auszuhecken; die noch im Unklaren stehen, werden zur Erkenntniss kommen — ich furchte weit mehr, dass unter uns Juden eine Verbitterung eintrete, Lässigkeit im Vaterländischen und Verdrossenheit in humanen Bethätigungen; hat man ja sogar den Wohlthätigkeitssinn und das Bildungsstreben der Juden verleumdet. Haltet fest, lasst Euch von keinem Ungemach und keiner Bosheit die Menschenliebe rauben! Seid zu stolz, Euch unglücklich zu denken! Aus allen Erschütterungen des Gemüths, aus allen Versuchungen der Verzweiflung heraus ruft mit mir: Und doch ist Gott! Und doch wird der Geist der Humanität siegen! Aas der grossen Leidensgeschichte des Judenthums. In den ״Schriften des Vereins für die Geschichte der Stadt Berlin“ (Heft VIII, 1873) findet sich die Erinnerung an ein Autodafd, welches 1510 in der damals kurfürstlichen Residenz veranstaltet worden. Ein Kesselflicker aus Bernau, Namens Paul Frohm, der eingeständig einen Kirchendiebstehl in dem havelländischen Dorf Knoblauch verübt hatte, und siebenunddreissig Juden waren die Opfer, die man dem Scheiterhaufen überlieferte. Die Hebräer sollten dem Kirchenräuber die entwendete Hostie abgekauft, ״geschändet und gemartert“ haben, und gleichzeitig hiess es in der Anklage, sie hätten Christenkinder geschlachtet, um das Blut der Kleinen zur Bereitung einer Heilsalbe z:1 verwenden. Der Erzähler des Vorgangs ist der jüngst verstorbene, langjährige Vorleser unseres Kaisers, Louis Schneider. Geschöpft hat er ihn aus dem alten Chronisten Angelus, der da berichtet, dass jenes grosse Schauspiel nicht allein alle Bewohner Berlins, sondern auch die der Umgegend meilenweit herbeigezogen Hans Brackow, der Richter von Berlin, hatte auf dem neuen Markt an der Marienkirche drei geräumige Gerüste übereinander bauen lassen zur Abhaltung des letzten ״hochnolhpeinlichen Halsgerichts‘■. Auf dem obersten Gerüst standen etliche hochgelahrte und rechtsverständige Leute, bei denen Richter und Schöppen sich im Nothfall Raths erholen konnten; auf dem mittleren sass Brackow mit den Schöppen, daneben die Gerichtsschreiber, Zeugen und Sachwalter; auf das unterste wurden die Angeklagten geführt, die gelbe und weisse spitzige Hüte trugen. Brackow liess dass ganze Protokoll des Pro• zesses laut vor dem Pnblikum verlesen, Keiner der Beschuldigten wagte eine Silbe zu seiner Rechtfertigung, das genügte den Schöppen, dem Richter eine Belobigung zu ertheilen und dem Scharfrichter die Missethäter zu überantworten. Der Kesselflicker ward, halbentkleidet, auf einen niedrigen Wagen gesetzt, augeschmiedet, durch die vornehmsten Strassen beider Städte rierlin und Cölln gefahren, mit glühenden Zangen gerissen und schliesslieh auf den Hochgerichtsplatz geschleppt, eine wüste Heide, an deren Stelle heut die Weberstrasse in die Frankfurter mündet. Die siebenunddreissig Juden mussten dem ״Schinderkarren“ zu Fuss folgen. Ein Rabbi unter ihnen stimmte auf dem Todesanger religiöse Gesänge an, die Uebrigen üelen ein; das nachdrängende Volk, welches die hebräischen Trostlieder nicht verstand, hielt dieselben für Lästerungen gegen den Christengott und ging, um sich zu rächen, dem Scharfrichter aus freien Stücken zur Hand, half ״ein hoch Tabernakel, dreier Mann hoch, als starke Rosten übereinander gebauet“, errichten, belegte jede Roste mit Holz, Stroh und Pech, den Verurtheilten schloss man die Hälse in Eisen, warf sie auf das Gebälk, kettete sie fest und zwar so, dass der Eine noch Oben, der Andere nach unten sah. Getrennt von ihnen wurde Paul Frohm allein an eine Säule ge-