Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 10 (1881)
- Issue
- No. 8. (23.2.1881)
- Date
- 1881-02-23
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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No. 8. Das Jahrg, X. Jüdische Literaturblatl L Star Belenchtnng aller Jadentham nnd Jaden betreffenden literarisch. Erscheinungen an f dem Gebiete der Philosophie. Geschichte,Ethnographie,Theologle,Orlentalia, Exegese, Ho- ■fletlk, Litargik, Pädagogik. Herausgegeben V«ll Rabbiner l)r. Moritz Knhiner. Magdebur׳״, S3. Februar 1881. Bücher der einschlägigen teratnr, welche der Bedactlon sagesandt werden, finden dlesemBlatte eingeh. Bespreehnag. Be!Einsendung ron נ Becenaiouexemplaren erfolgt auch Erwähn, i. d.Wochenschr. I LI- I tion I ג in I ■prech- | 1*wel I erfolgt I enschr. 1 Das ,, Jüdin•!•• Msltcrmäa1*hls1Att4 erscheint wöchentlich in einem halben Bogen; Preis bei allen Buchhandlungen (ic Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang:8 Mk. Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift“ (die vierteliährl. bei allen Postanstalten nnd Bnclihandlungen 3 Uk. kostet) erhalten das ״Jüdische Literaturblatt“ gratis. — InaePfoAe werden mit 25 Pt für die dreigespaltene Petitzeile berechnet und ausschliesslich entgegengenommen durch die Central-Annoncen-Expeditiön von G. T.- Daube de Co., Frankfurt a. M, Magdeburg, Berlin, Hamburg, Cöln, München, Zürich, Wien, Paris. Inhalt! Wissenschaftliche Aufsätze: Aus Berthold Auerbach's Tischrede. — Aus der grossen Leidensgeschichte des Judenthums Literaturbericht: Recensiouen: Kaufmann, Dr. David. Die Spuren M. Batlajüsi's in der jüdischen Religions-Philosophie etc. — Rabbinowicz, Dr. I. 11. Legislation civile du Talmud, les femmes, les payens selon le Talmud etc. — Drei Reden von Dr. M. Horovitz. Notiz. Nachdruck nur ■It voller Quellenangabe gestattet. Aas Berthold Auerbach’s Tischrede gehalten bei der diesjährigen Generalversammlung des ״Hülfivereins für jüdische Studirende“ in Berlin am ü>. Januar 1891.*) Heute ist der Geburtstag Leasings. Indem ich dies in Ihr Gedächtniss zurückrufe, darf ich Sie in höherem Sinne Festgenossen nennen, denn sie alle feiern unzweifelhaft aus innerster Seele mit das Fest der Geburt Gotthold Ephraim Lessing8. Es gab eine Zeit, da man erkannte, und es wird wiederum eine Zeit geben, wo man erkennen wird, was es heisst, den Cultus des Genius pflegen. Es soll kein anderer Cultus damit angegriffen werden, und ich hoffe, dass ich nicht missverstanden werde und keines Mensehen Andachtsempfindung damit verletze, wenn ich sage: der Geburtstag Gotthold EphraimLessings wird gefeiert wereen von der Menschheit als der grosse Versöhnungstag der Menschheit. Jeder wird sich verpflichtet fühlen, an diesem Tage sich zu bekennen zu Dem, was Lessing verkündet hat und ewig aus ihm verkündet werden wird: die reine Humanität. Es darf nicht verschwiegen werden, es fällt ein bitterer Werniuthstropfen in den Festeskeloh, den wir an die Lippen führen wollen. Wer hätte je geglaubt, dass es dahin kommen könne, dass die Verkündigung Lessings angezweifelt, in Frage gestellt, verhöhnt, ins Gegentheil verkehrt werden könnte? Das ist der bittere Wermuthstropfen, der in den Festesbecher fällt, den wir zur Lippe führen wollen. Aber schwingen wir uns darüber hinweg! Die Schlechten, die Verdorbenen und Verderbenden sollen es nicht dahin bringen, dass sie uns die Seele verbittern, dass sie un9 selber damit verschlechtern, dann hätten sie ja gesiegt. Nein, wir stehen in dem reinen Vertrauen, dass das Reine und das Gute immerdar wieder siegreich durchbrechen wird. *) Der ״HUl&verein für jüd. Studirende“ hält seine jährliche Generalversammlung am Geburtstage Lessings. (Deo ersten Toast hatte Prof. Dr. Lazarus auf den Kaiser, den Beschirmer der Wissenschaften, ausgebracht.) Ich erinnere Sie, dass auch Lessing die Sage vom Faust dichterisch bearbeiten wollte. Wir besitzen von ihm das Fragment seines Faust. Sie erinnern sielt wohl, dass er die Geister citirt, sieben Teufel, und fragt: Wie schnell bist Du? Wie die Pfeile der Pest. — Bist mir viel zu langsam. — Und Du? Schnell wie der Gedanke. — Und Du? Schnell wie die Rache. — Nicht genug. — Und Du? So schnell als der Uebergang vom Guten zum Bösen. Ha! Du bist mein Teufel. So schnell als der Uebergftng vom Guten zum Bösen. Ja, der ist schnell, schneller ist Nichts. Ich hab’s erfahren. . . . . So ruft Faust. Und auch wir können es ausrufen. Wer hätte denn geglaubt, dass so schnell sich das Gute ins Schichte verwandeln könnte, wie wir es erlebt haben? Aber die Ruckwandlung wird wiederum kommen, unzweifelhaft, die Schlechten siegen dennoch nicht. Von Lessing selbst nun haben wir den Schluss seiner Dichtung ״Faust“ nicht; aber seine Freunde, Professor Engel und Hauptmann von Blankenburg, berichten, dass am Schlüsse, da Faust von den Teufeln geholt wird, da tönt eine Stimme vom Himmel, eine Engelsstimme, und ruft: ״Den Ihr zu besitzen glaubt, den Ihr besiegt zu haben glaubt, den kennt Ihr nicht; Das, was Ihr zu besitzen glaubt, was Ihr zu unterjochen, zu verderben, in die Hölle zu werfen geglaubt habt, ist ein Phantom. Der reine Faust, der reine Geist lebt.“ So mögen sie verunglimpfen den reinen, den hohen, den herrlichen Lessing, sie haben ein Phantom. Der wirkliche Leasing — er lebt und lebt ewig. Es ist eine wunderbare oder eigentlich vielleicht eine innerlich nothwendige Folge der Geschichte, dass mit der Errichtung des neuen deutschen Reiches, ich meine mit der Errichtung des neuen deutschen Geistes* reiches in der Mitte des vorigen Jahrhunderts, die von Lessing an datirt, zu gleicher Zeit mit ihm eintrat ein Jude, Moses Mendelssohn. Sofort am Beginne unserer neuen Geschichte des Geistes, ist ein edler Jude, der sich heraufgearbeitet hat aus den trübsten Verhältnissen, Mitarbeiter an dem grossen Werke des deutsehen Geistes. Dreiundzwanzig Jahre war Lessing alt, als er Moses Mendelssohn kennen lernte, zweiundfünfzig Jahre wqr Lessing alt, als er starb, und die Treue und die Liebe und die Innigkeit und die Einheit mit seinem vertreffliehen, edlen Geiste9freunde Moses Mendelssohn blieben sich gleich. Er erkannte in ihm den Mitarbeiter im deutschen Geiste. Es sind hundertunddreissig Jahre seitdem, von Moses Mendelssohn bis heute, seit wir deutschen Juden un allen Thätigkeiten der deutschen