Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 10 (1881)
- Issue
- No. 7. (16.2.1881)
- Date
- 1881-02-16
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— 27 — Behauungen und Systeme der jüdischen Relfgionspbilosophen aller Zeiten bringen. Die Materien, Uber die iner verhandelt ■wird, sind vorherrschend exegetischer Matur nad1 so werden wir, wenn die Arbeit bis?um Schlüsse -gediehen sein wird, einen höchst anregenden «xegetiseb-philosophischen Umblick und Rückblick in alle!Phasen unserer bedeutsamen Literaturepochen ge• winnen. Diese Arbeit involvirt eine völlige Beherr- ■chnng des gesummten literarischen Stoffes, welchen die verschiedenen Zeitabschnitte der jüd. Cülturgeschichte aufweisen. Sie hat sich zum Vorwurfe genommen, die Stellungnahme des Judenthums zum Aberglauben za prüfen und zwar in Bezug auf: A. die fünf Bücher Moaa’rt, B. die übrigen biblischen Bücher, C. die Mischna, D. die Gemara, E. die Geonim, F. die Rabbinen der arabisch-spanischen Literaturperiode, G. die Rabbinen der deutsch-polnischen Literaturperiode. — Das uns vorliegende Heft 1 schliesst ab mit der eingehenden Würdigung der Stellung, welche zumal die babylonischen A^neraim, von pärBiechen, astrologischen, angClologisehen und eschatologischen Anschauungen angehaucht, zum Aberglauben ihrer Zeit genommen. Dass der Verf. ebenso gründlich und eingehend wie übersichtlich und anschanlioh sein Thema behandelt, legt uns schon ein Blick auf seine klar und treu durchgeführte Disposition nahe. Die Schrift verbreitet sich des Weiteren im Abschnitt 'A Uber die Schriftstellen gegen den Aberglauben, Uber Stücke, die anscheinend der Superstition das Wort reden, Teraphim und über Bileam, den Zauberer oder Propheten; im Abschnitte B Uber Stellen gegen den Aberglauben, über scheinbare Begünstigung desselben, über die Todtenbeschwörerin zuEndor und die Volkszählung Davids, im Abschnitte C überstellen gegen den Aberglauben, über dessen scheinbare Förderung, über Wundergeschichten und Wunderkuren, Dämonologisches, מזיקץ!חח רעה, Suggoth, ,עואול עץ הרע, Magie und Nekromantie, im Abschnitte D über mysteriöse B!oraitot und, Agadoth, Suggoth-Scheu, Dftmoneri-Furcht, Gespenster-Glaube, Empfänglichkeit babylonischer Amoräer für Mystik, Eiufluss persischer Anschauungen, über Aussprüche vegen den Mysticismus, Magie und Blendwerk, über Heilung dnreh Talismane, über Vorbedeutungen und Astrologie, über das Rationelle gewisser astrologischer Vorurtheile, über Inconvenienzen im geselligen Verkehr in Folge dftmonologisehen und astrologischen Walm’s, Besprechungen von Wunden und Krankheiten, Tr&ume und Traumdeutungen. Wenn man frftgt: welche wissenschaftliche Berechtigung liegt vor, eine Geschichte des Aberglaubens, der menschlichen Fehler und Verirrungen zu schreiben?, so lässt sich darauf antworten מלאך רע בע״כ יענה אמן. Es ist das alte, ewig neue Lied vom Geiste der Verneinunf?> »der stets das Böse will und stets das Gute schafft“. So steht auch der Irrthum im Dienste der Wahrheit, 80 ist aus der Astrologie, wie bekannt, die Astronomie, aus der wahnbefangenen Alchemie, die das moderne Leben zum Theil umgestaltende Chemie hervorgegangen. Di® These des Verf, die israelitische, ungetrübt monotheistische Anschauung weise principiell den Aberglauben a limine mit aller Entschiedenheit zurück, ist ebenso unanfechtbar, wie der von ihm ausreichend begründete Satz, der reine Monotheismus im Judenthume sei auch in Zeiten der Gefahr, in denen auswärtige Geistesströmungen auch die Träger unserer Literatur mächtig beherrscht, ein Bollwerk gewesen gegen das Ueberwuchern des namentlich die Grundanschauungen unseres lauteren Glaubens schädigenden Aberglaubens. Je we- “18er unser Volk mit anderen Nationen in Beiührung kam, desto weniger Aspirationen zum Aberglauben treten hervor. Daher erklärt es sich, da68 der Pan- *®*«uch und biblische Kanon im Ganzen auf abergläu- ' bische Anschauungen sehr wenig reagirt, dass die Mischna im Verhältnisse zar Gemara, dass die Tannalm im Verhältnisse zu den namentlich von persischen Einflüssen beherrschten babylonischen Amoraun wenig mystischen, dem Aberglauben Vorschub leistenden Reflexionen1׳ Ütäa Theorien huldigen. Dass der Aberglauben bisweilen auf eine gesunde, rationelle, später erst mystisch getrübte oder missverstandene Grundanschauung zurückzuführen ist, wird man sicherlich allseitig zugeben müssen. So ist die rationelle Erklärung des Satzes, dass der Nekromant sehe, aber nicht höre, der Befra• gende höre, aber nicht sehe, die Unbetheiligten von dem angeblich citirten Todten weder etwas sehen noch hören, nicht nur plausibel, sondern auch acceptabel. Verf. meint, das Thatsäckliehe an diesem Aussprache sei nur das Eine, dass der Fragende eine dutnpfe, hohle Stinjtoe, etwa durch Bauchrednerei provocirt, vernommen habe. Dass die Unbetheiligten, geflissentlich Ferngehaltenen weder etwas gesehen ..noch gehört, sei ganz natürlich. Die Angabe des Nekromanten, deü Citirten Todten gesehen zu haben, habe sich ja nie cdntrolliren lassen und sei jedenfalls aus taktisohen Gründen erfolgt, um den Beiragenden die Autorität des Todtenbeschwörers glauben za machen. Es ist setbstverständlich, dass es dem Verf. nicht möglich gewesen, trotz der strengen Gliederung seiner Abschnitte nach bestimmten Epochen sich völlig zu iscliren und nur die iq Betracht kommende Zeit etwa aus ihrer Anschauung heraus reden zu lassen. Er muss vielmehr oft spätere Exegeten und Commentatoren zu Rathe ziehen, so dass z. B. Abschnitt A oder B in innigem Contacte mit Abschnitt E oder F steht. Um Wiederholungen zu rermeiden, findet sich bisweilen etwas später erörtert, was man vielleicht an früherer Stelle״ erwartet hätte. So vermissten wir ursprünglich im Abschnitt A die Bespfechung der Schriftstellen, welche den Sieg Israel’s im Kampfe gegen Am&lek an die Bedingung von Mose’s jn <Jie Höhe gehobenen Hand knüpften, sowie die Rettung der gefährdeten Israetiten in der Wüste vom Aufblicke zur kupfernen Schlange abhängig sein lassen. Allein dieser Passus wird naturgemäss in Abschnitt C erledigt, weil die Mischna sich mit ihm ebenso eingehend wie rationell auseinandersetzt. Als eine Lücke betrachten wir es, dass der Verf. zu den Träumen, welchen im 1. Buche der heiligen Schrift eine so gravirende, typische Bedeutung vindicirt wird, nicht Stel-, lung nimmt. Mit Hülfe der Psychologie halten wir deren rationelle Erörterung für möglich. Die Schekelzählung und die Volkszählung unter David hat bekannt• lieh schon den Nachmanides zu einem sehr interessanten Excurse veranlasst. Verf. stellt manches Beachtenswerthe hierüber zusammen. Indess ist das letzte Wort über diese schwierige Angelegenheit doch noch immer nicht gesprochen. Der Erklärungsversuch, die Scheu vor Suggot auf das ethische Postulat der Mässigkeit zurückzuführea, vermag nicht zu befriedigen, weil es sich hier nicht um die erste gerade und ungerade, sondern um sämmtliehe geraden und ungeraden Zahlen handelt. Auch die sehr schwierige, von Schorr im ״Hechaluz“ urgirte Talmudstelle hat der Verf, wie er selbst fühlt, etwas gewalt9am und wohl auch nicht ausreichend erklärt. Sehr ansprechend finden wir die pg. 15 in der Anmerkung im Namen des sei. Directors Lazarus gegebene Deutung des Bi bei verses לכה איעצך אשר יעשה העם הזה לעמך.*) Wir legen diese treffliche, hochinteressante und •) ״Komm! ich will Dir einen Rath ertbeileo, der dieses Volk zu dem Deinigen machen wird im Laufe der Zeiten.“ — Eine andere Erklärung ist: ״Geh’ —will ich Dir rathen —was diese« Volk Deinem Volke thun wird, geschieht eret in zukünftigen Tagen.“ Der Rath liegt sonach in dem ״ לכהGeh'* d. h. sei unbesorgt (Red.)