Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 10 (1881)
- Issue
- No. 5. (2.2.1881)
- Date
- 1881-02-02
- Page
- Seite 19 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Literaturbericht. Reeeasio■(■. Weber, Dr. Ferdinand, Pfarrer in Polzingen. System der altsynagogalen palästinischen Theologie aus Targum, Midrasch und Talmud dargestellt. Nach des Verfassers Tode herausgegeben von Franz Delitzsch und Georg Schnedermann. Leipzig, Dörfling & Franke. 1880. (Fortsetzung.) Als das Formalprincip der Nomismus, bezeichnet der Verf. richtig das geschriebene Bibelwort und die mündliche Lehre. Dieser Abschnitt ist mit grossem Scharfsinn und mit einer nahezu überraschende Kenntniss des einschlägigen Materials zusainmengestellt. Aber auch hier begegnet uns die ungerechtfertigte Erhebung poetischer Ergüsse, phantastischer Aussprüche und tendenziöser Bemerkungen zu Glaubenssätzen oder zu allgemein gültigen Anschauungen. Wie wenig aus den sich oft widersprechenden Midraschim ein folgerichtiges System zu entwickeln möglich ist, sei an einem Beispiel klar gemacht. Der Verf. schliesst aus der überall anerkannten Göttlichkeit der h. Schrift auf deren Heiligkeit, Normativität und Unendlichkeit ״Es sei beachtenswerth, meint er, dass soweit von einer Kritik den h. Schriften gegenüber im Talmud die Rede sein kann, diese immer nur Theile der Propheten und Ketubim, nie aber die Thora zum Gegenstand hat.“ Das ist vorerst auch nicht ganz richtig, denn in den im Talmud vorkommenden Aussprüchen und Con• troversen über תורה מגילה מגילה נתנה über י׳ט אם למקרא und יש אם למסורת, über קרי und כתיב endlich über den Autor der Schlussworte im Pentateuch liegen doch sieher die Keime einer ziemlich weitgehenden Kritik. Aber selbst die unbedingte Normativität wird doch nur für den ethischen, moralischeh und gesetzlichen Theil in Anspruch genommen, während der historische Theil nicht nur in ausgiebigster Weise kritisirt, sondem manches Factum geradezu als Fictum hingestellt wird. Auf S. 54 und 55 hat der Verf. die Belege zu dieser unserer Behauptung gesammelt und wir könnten dieselben um das 3fache vermehren. Ja, liegt nicht in allen Abweisungen der Targumim vom Textworte eine Kritik desselben und ein Einspruch gegen dessen absolute Normativität? Jene oft in der Midraschliteratur wiederkehrende Meinung aber von der Heiligkeit jedes Buchstabens und Zeichens in der h. Schrift hätte der Verf. nur auf historischem Wege erklären müssen: in der Polemik zwischen Judenthum und Christenthum in den ersten Jahrhunderten nach Christi galt es, den Text der h. Schrift vor oft versuchten Interpolationen zu schützen und nur dieser Heiligkeitserklärung selbst der Striche und Punkte hat die Welt die Integrität des ältesten Schriftthums zu verdanken In der That ist uns die Thora norma normans (und wenn wir ״uns“ sagen, meinen wir nicht nur das gegenwärtige jüdische Bewusstsein) für alle und jede Auslegung, für alle und jede Herleitung von Gesetzen und Vorschriften, aber die Resultate sind keineswegs norma normata im absoluten 8inne nicht jede Schriftauslegung ist überall und zu jeder Zeit als authentisch betrachtet worden התורה נדרשת במ״ט פנים heisst ®8 Talmud, über die wichtigsten Halacha’s werden Abstimmungen vorgenommen, autorative Einmischungen bei Entscheidungen zurückgewiesen (אין טשניחין בבת קול), und den widersprechendsten Meinungen gleiche Berechtigung ertheilt (אלו ואלו דברי אלהים חיים). Einer späteren Zeit könnte viel eher eine normative Fixirung der Tradition zugeschrieben werden, Maimoni hat sie versucht, Joseph Caro ist sie — man möchte sagen leider — fast gelungen, in der talmudischen und gaonäisehen Zeit galt das Recht der freien Forschung und das glänzendste Zeugniss hierfür bilden die 12 Talmudbände eingehender Debatten und Controversen über den gesammten Inhalt der h. Schriften. So wenig wir demnach mit den entwickelten Hauptgedanken Ubereinstimmen konnten, so wenig erscheinen uns die citirten Beweissellen stichhaltig. S 83 מקרא heisst die Schrift nicht, weil sie gelesen werden soll, sondern weil nur sie gelesen werden konnte, משנה und גמרא waren mündlich S. 84. Der Widerstand gegen eine Uebersetzung der h. Schrift war in den schlimmen Erfahrungen begründet, die man mit der polemisch gefälschten Septuaginta gemacht hatte (siehe darüber Frankel u. Grätz), S. 85. אין מקרא יוצא מידי פשוטו heisst nichts anderes, als dass der einfache Wortverstand massgebender sei als jede Deutung. S. 87 Die Gleichstellung der Mischna mit der Thora geschieht wesentlich zur Glorification dar ersteren, niemals war das Bewusstsein von der historisehen Entstehung und genetischen Entwickelung der Mischna in Israel erloschen. (Schluss folgt.) Schire beth Jsicob. Israelitisches Schul- und Gameinde-Gesangbuch von L. Liebling und B Jacobsohn, Cantoren und Lehrer in Leipzig. Altona, Hermann Uflacker.*) 1880. Dieses Buch soll vor Allem dem Gemeindegesänge in der Synagoge dienen, als Schulbuch dient es, um die Jugend für den Gemeindegesang vorzubereiten. So sonderbar es klingt, Gemeindegesang ist ein Bedürfniss, aber ein neues, in Israel. Die alte Synagoge kannte nur den Vorbetergesang, die Gemeinde antwortete in gesprochenen, nicht gesungenen Responsen. Die moderne Synagoge, auch die orthodoxe, hat nur Chorgesang, gemischten oder Knabenchor. Das Bedürfniss für den Gemeindegesang hat sich durch zwei Faktoren herausgebildet; erstlich dadurch, dass selbst in grossen Gemeinden der Chorgesang schwierig und unausführbar wird, entweder durch den Mangel an Betheiligung, und zweitens dadurch, dass durch den Chorgesang die Gemeinde zur Theilnahmlosigkeit verurtheilt ist. Theilnahmlosigkeit aber ist das Grab des Gottesdienstes, sowohl was Bestand, als Erfolg und Wirksamkeit anbetrifft. Die Vereinfachung des Gesangs durch einstimmigen Gemeindegesang — wie ein solcher im vorliegendem Buche angestrebt wird — ist daher auch nach dieser Richtung hin eine rettende That. Was dem Vortrage dabei an kunstgerechter Form abgeht, gewinnt er durch bewältigende Massenwirkung. — Auf einen andern Umstand machen wir noch aufmerksam. Der geordnete Gesang, Chor- und Gemeindegesang, verlängert den Gottesdienst; derselbe kann mit Gesang nicht so schnell beendigt werden, wie wenn die Gebete gesprochen werden, zumal wenn manche Gesangstücke doppelt vorgetragen werden, vom Cantor und von der Gemeinde, und ausserdem noch der inusikalische Rhytmus auch Wiederholungen und ,amplificirende Coloraturen fordert. Die Einführung des Gesangs fordert die Entfernung mancher Gebet- und Gesangstucke zur Abkürzung de9 Gottesdienstes. Wir wollen ao dieser Stelle dieser Reform nicht das ]VVort reden, zumal es durchaus nicht in der Tendenz (jer Herausgeber des vorliegenden Gesangbuchs lag, eine solche zu bewerkstelligen. — Wir weisen übrigen» auf *) Laut Inserat ist das Bach durch die Herausgeber selbst, wahrscheinlich der schnelleren Effectuirang der Bestellungen wegen, su beziehen. (Red.) ‘ >