Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 10 (1881)
- Issue
- No. 4. (26.1.1881)
- Date
- 1881-01-26
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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14 — legentlich und nebenher aussprechen? — Der gelehrte Verfasser wird es selbst finden, wie das, was er für seinen Glauben in Anspruch nimmt, im Judenthume nicht allein im Keime gelegen hat, sondern 7011 erblüht und gereift ist. Dass z. B. die Kindschaft Gottes edler gedacht ist als das Gesammteigenthum aller Bekenner des einen Gottes, als eines einzelnen Menschen. Ks ist Menschenloos, dass allem Ringen nach Wahr• heit, Irren und Fehlen zur Seite steht Aber wo die Wahrheit den Haupttheil daran trägt, wie in diesem Buche, da mögen alle Einsichtigen kommen und sich daran laben. Coblenz. Dr. Lewin. Der neaedirte Commentar za den Proverbien — von Ibn Esra?*) Von Dr. Grünwald in Breslau. ״Die Resultate einer wissenschaftlichen Untersuchung, sagt der grosse Chemiker Justus von Liebig in seinen Schriften, lassen sich meist in wenigen Worten darstellen, wenn auch die Untersuchung selbst ungemeine Mühe, Zeit und Hilfsmittel benöthigi haben mag“ Genau so, wie die Wahrheit dieses Satzes in Bezug auf die Naturwissenschaft nicht angezweifelt wird, verhält es sich mit der Textkritik. Nüchternheit, Besonnenheit und Vorsicht sind Grundbedingungen, die mit rastloser Ausdauer verbunden, ein sicheres Resultat erwarten lassen. Oft aber wird trotz alledem das von uns als wahr erkannte als unwahr erwiesen; war aber etwa unsere Arbeit, deswegen nutz- und fruchtlos? Gewiss nicht; dient doch jede ernste wissenschaftliche Arbeit zu ferneren Untersuchungen und sind wir im Grunde genommen doch nur Handlanger filr das kommende Geschlecht Der erste, der mit seltenem kritischen Scharfblick und in ehrlicherAbsicht an die Kritik der mittelalterlicheu Autoren heranging, ist der in Sczbreszin (Gouvernement Lublin) unter den grössten Entbehrungen lebende Gelehrte Jakob Reifmann. Ein trauriges Geschick bannte ihn in eine Gegend, wohin der erleuchtende Strahl der Wissenschaft nur selten dringt. Und doch, wss hat dieser Nestor echter Kritik in den letzten & Jahren geleistet! שרה אדם (Berlin 1875) und אור בקר *) (Berlin 1879) sind wahre Ariadnefäden in *) A commentary on the book of Proverbs (טשלי שלטה) attributed to Abraham Ibn Esra. edited from a manuscript in the Bodleian library by S. R. Driver, fellow of New College, Oxford. Clarendon Press. 1880. *) Ich kann mir nicht versagen, die herrlichen und beherzigenswerthen Worte aus der Schrift אור בקר hierberzusetzen (p. 31), wo er darüber spricht, wer an eine Textkritik sich heranwagen kann: לא יכשר לבא בהם אך הלך לאטי במשפטיו ומתמהמה הרבה בחקרי לבו ומגמתו הראשית בהם היא רק לדעת ולא להודיע" לראות ולא להראות. למצא האטת ולא לטצא חן וחסד כי הבקרה היא סם החיים ואף גם סם המות ♦ * * בידי הראשונים היא נר חופש כל חדרי תעלומה לטצא האטת וביד האחרונים היא כשיל וכילפות להלום כל קדש ומערצה לסעף כל ״ פארה אשר בעדן גן דתנוNur der ist nung uud würdig, Textkritik zu üben, der langsam in seinem Urtheile, zögernd und vorsichtig selbst in seinen Gedanken ist, dessen heissester Wunsch ist das Wissen, das Lernen und nicht das Lehren; Einblick zu erhallen in den Autor, nicht aber durch seine Kritik auf sich die Aulmerksainkeit zu lenken, der die Wahrheit und nicht die G u n 8 t sucht. Denn die Kritik, sie ist das Lebenselement oder das Lebenegift .... Im erste Falle ist sie eine Leuchte, im letzteren ist sie blossAxt und Hacke, niederzuschmettern alles Heilige und jedesGezweig mit Ge walt zu entwurz ein, wel• hes in dem herrlichen Garten unserer heiligen Schriften er- ״blüht.“ — Wahrhaft goldeue Worte! dem Labyrinthe unserer kritiklosen Kritik und der conjecturreichen Hypothesenjägerei. Was Reifmann aber mit dem zu besprechenden Buche zu thun habe, wird wohl mancher der Leser fragen. Nun ich will die Antwort darauf nicht lange schuldig bleiben. In der Finleitung spricht der Herausgeber Driver davon, dass Reifmann es war, der zuerst die Behauptung aufstellte, der in der Bibliotheca rabbinica dem Ibn Esra zugeschriebene Commentar gehöre nicht Ibn Esra, sondern dem Mose Kimchi, Bruder des berühmteren David Kimchi (ר׳ד׳ק) *). Driver will nun nur den negativen Beweis führen, dass dieser Commentar von Ibn Esra nicht sein könne; den wahren Autor wagt er nicht zu bestimmen. Driver ist mit den Ibn Esra-Forschungen Dr. Michael Friedländer's vertraut und hat wohl, wie er es ausdrücklich in der Einleitung pg. XV dankend hervorhebt, dessen Meinung darüber eingeholt, die auch dahin geht, dass der nun von Driver edirte Text auch nicht dem Ibn Esra zuzuschreiben ist. So schwierig es auch in Wirklichkeit ist, so will ich dennoch versuchen, das nun edirte Buch (Commentar zu den Sprüchen) dem Ibn Esra zuzuschreiben. Wer den Lebenswandel Ibn Esra’s kennt, weiss zur Genüge, dass er bald hier, bald dort in den verschiedensten Ländern weilte und aller Wahrscheinlichkeit nach nicht immer Gelegenheit hatte, seine Commentare, die er bereits abgefasst, zu vergleichen. So werden uns selbst innere Widersprüche, wenn wir sie bei Esra finden, noch durchaus nicht zwingen, die Autorschaft dem Ibn Esra abzusprechen. Solche Widersprüche würden bei Raschi (Rabbi Salomo ben Jizchak de Troyes) oder R S. b. M. (R. Samuel ben Meir)**), obwohl auch hier die grösste Vorsicht zu üben ist und die Zeit der Interpolationen und der verschiedenen Arten derselben noch immer nicht hinlänglich festgestellt 6ind, entscheidend sein. Früher glaubte man, der Commentar sei dem Josef Kimchi, dem Vater des Moses und David Kimchi zuzuschreiben und wollte dies aus der von Geiger im Ozar Nechmad II (1857) p. 21 ff. angeführten Stelle aus dem Pugio fidei von Raymund Martin (1275) beweisen. Ich aber glaube, dass diese Stelle gerade für Ibn Esra spricht. Wenn ein Gelehrtei von der Bedeutung Raymund Martins schon i. J. 1275 eine Schrift dem Ibn Esra zuschreibt, so gehört sie ihm wahrscheinlich. Josef Kimchi mag den Commentar Ibn Esra’s benutzt und vielleicht Einiges hinzugefügt oder manches verändert haben, und ein Kopist hat dann den ganzen Commentar dem Kimchi zugeschrieben, bald dem Josef, bald dem Mose Kimchi, denn die Kimchi’s erlangten bald eine solche Autorität, dass man das geistreiche Sprichwort auf sie anwandte: ״ אם אין קמח אין תורהWären keine Kimchi’s, so gäbe es keine gute Schrifterklärung.“ Ibn Esra, nach Zunz der ״Lessing der Juden“, mag nicht sehr beliebt gewesen sein, und so kam es daher, dass man seinen Commentar mit einigen Veränderungen den beliebteren Kimchi’s zuschrieb. (Schluss folgt) *) Herzerfreuend sind die anerkennenden Worte Driver s über die Leistungen Reifmanns. Seite 5 der preface sagt D. wörtlich: The merit of having first recognized this, belongs to Jacob Reifniann, a born critic, whose native genius enabled him to overcome great disadvantages of birth and positiou, and who has since made himseff known as the author, of a series of acute suggestions of the text both of the Old Testament and of later Jewish whritings. **) Siehe über letzteren die abschliessende Monographie des Dr. David R 0 8 i n : Rabbi Samuel ben Meir als Schrifterklärer, Breslau 1880.