Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 10 (1881)
- Issue
- No. 3. (19.1.1881)
- Date
- 1881-01-19
- Page
- Seite 11 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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— -11 — Dar die Anforderungen gestellt werden können, die sieh mit der Situation, der es entsprossen, in harmonischem Einklang befinden. Nichtsituationsgemässe Forderungen sollte der ästhetisch exegetische Richterstuhl einem solchen Geistesproduct gegenüber keineswegs zur Geltung bringen. Unter diesen Gesichtspunkt das Klagelied gestellt, wird ihm der theilweise hervortretende Mangel an Symmetrie nicht zur Last gelegt werden können, da geradezu darin die Situation in naturgetreuer Weise sich ab• Spiegelt. Der persönliche und nationale Schmerz ist gleichsam verkörpert in dieser Foim. Solchergestalt — so darf man sich wohl ausdrücken — offenbart sich die Kunst begabter edler Natürlichkeit, Zur Erklärung des eigenthümlichen, vielfach ge* deuteten, der Conjectur nicht entgangenen *)מגן שאול בלי משוח בשמן bemerken wir, dass darin eine zarte, feingeführte Anspielung enthalten ist auf die in schwermüthige Düsterheit gehüllte Stimmung, die sich Sauls vor dem Kampfe so gewaltig bemächtigt hatte und die der Wahrnehmung des zum Kampfe berufenen Volkes nicht entgehen konnte, die wohl auch in der That, da eine solche Stimmung des Führers den Krieger grauenhaft anwehs, auf die Entscheidung des Kampfes nachtheilig eingewirkt hat. Es war das kein Kriegszug mit Lust und Jubel unternommen, nicht hochgestimmte fröhliche Begeisterung führte in den Kampf, am allerwenigsten war der Führer in einer Gemüthsverfassung, der der Prophet Jesajas 20, 2 eine so kräftige Beleuchtung angedeihen liess, da seinem prophetischen Geist die Rüstung, der Aufmarsch der Völkerheere gegen Babylon vorschwebte: (**ערקי השלחן צפה הצפית אכל ושתה קומו השרים משחו מגן Aus Sau 1*8 an Verzweiflung grenzender Missstimmung, die so lebhaften Farben in der geschichtlichen Darstellung geschildert wird, waren solche Lebensgeister des Frohsinns gebannt, und diese Missstimmung — ein böses Omen — war aufgeprägt auf dem Schild, ״der nicht gesalbt mit Oel“. Es findet sich sonst im Klagelied kaum noch eine Anspielung auf die nähern Umstände des Kampfes, jedoch diese auf die Stimmung des Führers und Hauptes, die als böse Vorbedeutung für den Ausgang des Kampfes erschien, sollte nicht vermisst werden. Sie könnte uns gesucht erscheinen, weil wir sie erst aus Büchern suchen müssen; auf die Zuhörer des Dichters konnte der Eindruck durch das tiefe Schwarz des Hintergrundes und durch ihre Anschaulichkeit überwältigend sein. Zn V. 22-J-) finden wir ungezwungen den Sinn, dass die Ströme Bluts, die ringsum auf die VVahlstätte flössen, dass die auf dem Kampfplatz umhergestreuten Fettstücke der Helden — natürlich ist nur von Israeliten die Rede *) Es ist von Auslegern בלי in כלי verwandelt worden und sollte etwa als Apposition zu מגן bedeuten die Waffe, eine seltsam erscheinende Zuthut, da doch wahrlich nach dem concreten מגן das abstracte כלי nicht am Platze ist. Und משיח בשטן? der gesalbte König (Grätz a. a O.). Ist es nun denkbar, dass David, der doch ganz erfüllt ist von dem aus Gottes Gnade stammenden Königthum, den König so bezeichnet hätte? Für ihn giebt es nur einen 'משיח ד. Und wenn ein anderer in seinem Namen gesprochen hätte — was nicht im Entferntesten anzunehmen ist — wie würde er den Geist dessen verkannt haben, für den er das Woit genommen! בלי משיח בשמן ist, wie von den meisten Ausleeern hervorgeboben, grammatisch ganz correct, משוח משיח. **) Auf diese Stelle haben die ältesten bis auf die neuesten Exegeten hingewiesen, aber dieselbe in anderer Weise verwerthet. , +1 מדם חללים וחלב גב ורים wird auch verknüpft mit כי שם נגעל (V. 1צ) und 7.um Mittelpunkt beider Verse erhoben (Grätz a. a. 0.) Das wäre gerechtfertigt, wenn V. 22 für sich allein keinen guten Sinn gäbe und wenn noch überdies V 21 das drastische כי שם נגעל durch die Erläuterung מדם חללים statt zu gewinnen an Eindruck nicht bedeutend verlieren würde. Vollständig verkannt hat Thenius die Stelle. — keine Muthlosigkeit zur Fortsetzung des Kampfes hervorgerufen haben. Vor solch schauderhaftem Anblick erbebten nicht die Heldenherzen. ״Der Bogen Jonathans wich nicht rückwärts, das Schwert Sauls kehrte nicht leer zurück. Verzagtheit hatte sich ihrer nicht bemächtigt. Mit dem Ausdruck ״sie kämpften bis anf den letzten Mann‘‘ stellen auch wir das Zeugnis8 aus für unentwegte Tapferkeit. V. 23 empfiehlt sich entschieden das erste Versglied mit הנעימים abzutheilen — zu beider Namen werden diese Epitheta liebevoll beigefügt — בחייהם ובמותם zu verbinden, weil darin die innige Zusammengehörigkeit im Leben und im Tod hervorgehoben wird. (Thenius’ Comment.) Das Sprachliche zu V. 24 ist bereits oben S. 10 in der Anm. erörtert. V. 25 ist wahrscheinlich der Name ושאול wie dies bei Namen nicht selten ist, ausgefallen.״') Es ist doch schwer denkbar, dass Jonathans Name in diesem Zusammenhang sollte allein genannt worden sein, zumal V. 26 ihm ausschliesslich gewidmet ist. שאול ויהונתן Wäre ungefähr das Concrete für das Abstracte הצבי V. 19. V. 26 und 27 bedürfen keiner weiteren Erklärung. Wir hätten das Ende des Klageliedes erreicht ohne Verschiebungen und Versetzungen vorgeschlagen, ohne einzelne Satzglieder aus Reih’ und Glied gestellt zu haben. Das ist nicht die Art jener masslosen Bibelkritik, die einen streng objectiven Standpunkt einzunehmen behaup« tet, die aber in Wirklichkeit von subjectivsten Vorausset■ Zungen und Einfällen geleitet ist. Unter ihrer Hand hat auch das Klagelied schwere, ja mitunter lebensgefährliche Operationen **) zu bestehen gehabt. Mögen unsere Zeilen ein klein wenig dazu beitragen, ihm sein schweres biblisches Dasein zu erleichtern. Literaturbericht. Recensionen. Weber, Dr. Ferdinand, Pfarrer inPolzingen. System der altsynagogalen palästinischen Theologie aus Targum, Midrasch und Talmud dargestellt. Nach des Verlässers Tode herausgegeben von Franz Delitzsch und Georg Schnedermann. Leipzig, Dörfling & Franke. 1880. (Fortsetzung.) Als das materiale Princip der jüdischen Theologie wird in Cap. I—VIII der unter Esra dein Volke eingepflanzte und im Verlauf der Zeiten erstarkte Nomismus bezeichnet; hinter diesem, meint der Verf., trat selbst der nationale Gedanke weit zurück. Wir bestreiten den nomistischen Charakter der jüdischen Religion zu allen Zeiten nicht, aber konnte Esra mit abstrakten Ideen und mit Gefühlsschwärinereien einen Staat gründen; war es nur, wie der Verf. meint, das bedrohte Gesetz, das die Makkabäer in den Kampf gegen Syrien trieb oder war es nicht vielmehr die Bedrohung jüdischer Gewissenhaftigkeit, judäischen Ernstes, jüdischer Sittenstrenge, Keuschheit und Züchtigkeit durch den frivolen hellenischen Geist, der mit aller Begeisterung abgewehrt wurde? Waren die Juden unter den Flaviern etwa an der Ausübung ihres Gesetzes gehindert oder war es einfach der nationale Gedanke, der sie dem römischen Coloss todesverachtend gegenübertreten liess? — Der Vf. behauptet S. 4 ff ,dass der Geist der Prophetie, welche das Heil von göttlichen Gnadenthaten *) Für die Annahme, dass ישראל als Vocativus ausgefallen und durch יהונתן des folgenden V. ersetzt worden wäre (Grätz a. a. 0.) liegt durchaus kein zwingender Grund vor. **) Um nur ein Beispiel anzulühren: C. Meier hatte ganze Stücke ausgeschnitten.