Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 10 (1881)
- Issue
- No. 3. (19.1.1881)
- Date
- 1881-01-19
- Page
- Seite 12 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 12 — erwarten lässt, dem Judenthum Esra’s und Nehemia’s fremd wird. ״Ihre Bücäer gründen in einseitiger Weise die Frömmigkeit auf die Thora, sia schweigen von der Prophetie, die אמוגה, der Glaube, wird ihnen zur אסנדי, zum Vertrage. Nun wohl, sofern uns die Thora der Inbegriff aller Ethik und Moral ist, muss sich alle Frömmigkeit zu jeder Zeit auf Thora gründen. Gottes Erbarmen aber, von dem auf jeder Seite in Esra und Neheroia die Rede ist, ist Gaadenthat, — Sündenvergebung Neh. 91,17 ist Gnadenthat, der Vorgang Neh- C. 5 ist nicht Gesetzeserfüllang, sondern Liebestbat, die Rc nennung Gottes als ״reich an Liebe“ Neh- 9, 17 klingt gar nicht nomistiscb, von der Prophetie sprechen beide Bücher ohne Aufhör (Esra 9, 11. Nehemia 6, 7, 14. 9,26. 9,30.) Die מנה*$ ist ihnen weiter Nichts als das zeitgemfisse praktische Mittel, אמונה zu verhrei- und zu befestigen. In der That ist uns die in die Erscheinung tretende Manifestation des göttlichen Wesens und Wissens die Thora; aber was enthält denn dieser Nomos? handelt er in der That nur über rein oder unrein odea* enthält er nicht die geläutertste Ethik, die reinste Maral, das ewige und unvergängliche Sittengesetz? In diesem Sinne lässt die Agada mit Recht die Thura der Weltenschöpfung vorangehen, insofern sie gleich Gatt ewig und von jeher existent sein, insofern ist Liebe zur Thora Frömmigkeit, insofern Gesetzlichkeit Religiosität im absoluten Sinne. Dass neben dem Sittengesetz auch dem Ceremonialgesetz hoher Werth beigelegt und z. B. den Erzvätern die Erfüllung talmudischer Vorschriften zugeschrieben wird, geht aus dem Bestreben der gesamtnton agadistischen Literatur hervor, die Männer der Vorzeit — oft in der geschmacklosesten Weise — zu glorificiren und die Tradition dein Schriftworte ebenbürtig zu machen. In dein Umstande, dass die tradirte Lehre nicht niedergeschrieben wurde, liegt die Erklärung für die von den Rabbinen oft betonte Höher- Schätzung der Beschäftigung mit der Tradition gegenüber der mit dem Schriftwort (חכמים עשו חיזוק לדבריהם יותר משל דברי תורה)• _ S. 27. ״Die Rabbinen nennen die Zizith Mittel zur Beobachtung der Gebote“; es heisst aber ausdrücklich 4. B. M 15,39: וראיתם אתו וזכרתם את כל מצות ד״. S. 28. Die Beschäftigung mit der Lehre, als Mittel geistige Vollkommenheit zu erwerben, ist ebenfalls biblische Lehre. (5. B. M. 6,7, Josua 1,8, Psalm 1,2.) S. 32. Dass das Studium der Lehre vornehmlich zur Läuterung der Gesinnung dienen soll, beweisen die Stellen wie Berachoth 17a, Ab. Sar. 17a, Sabat 31a und zahllose Midraschim. S. 33. מין ist nicht Christ schlechtweg, sondern Judenchrist (siehe Grätz IV, 114). S 37.!Die Anachronismen in Bezug auf Gesetzeserfüllung dienen überall dem bewussten Zwecke, die Vorfahren zu glorificiren und Einrichtungen durch angebliches Alter zu heiligen (Chajes מבוא האגדה in seinem מבוא התלמוד setzt diese Glorificirung guter und Depravirung schlechter Männer in der Hagada sehr lichtvoll auseinander und behalten wir uns vor, an dieser Stelle näher darauf einzugehen ) S. 40 lf. Die Lösung des religiösen Bewusstseins von dem Bedürfniss des Opferdiensles und die Gipfelnng des Cultus im Gebet ist der gläuzendste Beweis gegen den Vorwurf des starren Nomisinus und der Werkheiligkeit. S. 42. Die Erklärung von ״Am liaarez“ ist nur auf historischem Wege möglich (siehe Grätz IV, 85 ff.). Die Abstufung innerhalb des öffentlichen Lebens hatte nicht nur religiöse, sondern auch sociai-politische Gründe. S. 47■ Die Auffassung von Achcrs Apostasie ist falsch. ״Rabbi Apher“ darf man, ihn nicht nennen. EUsoha b. Abuja hiess nach seinem Abfall: Acher. S. 48 Die Lehre vpn Lohn und Strafe ist biblisch und jüdischer Glaubenssatz aller Zeiten, wird in den Midraschim besonders betont gegenüber der saddueäisehen Irrlehre und bildete Israels Trost in allen Nöthen. Gegen die Erstrebung von Lohn aber für treue Gesetzeserfüllung richtet sich das Wort Abot 1: אל תהיו כעבדים וכ׳ S. 49. Die talmuffische Erzählung von dem Kerkermeister, dem das jenseitige Leben gewisser ist als allen Prie6tern uad Talmudgelehrten, weil er gegen seine Gefangenen freundlich ist, widerlegt sämmtlicho Behauptungen des Verf’s über das Verhältnis^ Gottes zum Menschen, welches sich nur nach dem Grade der Gesetzeserfüllung gestalten 601L (Schluss folgt.) Stftcker’s angeblich ethisch-sociale Judenfrage. Eine allseitige Beleuchtung derselben vom politischen und sittlichen Standpunkte aus mit besonderer Berücksichtigung der Mischehe. Von Dr. Fr. Mülle r. 2. verbesserte Auflage. A Stuber’s Bucbh. Wurzburg 1880. ״Die ganze Hetze wird vom Neide und der B ekeh rungssucht getrieben.“ Dieses Zweite ist’s, was die vorliegende Besprechung der Judenhetze zu einer originellen macht. Stöcker, meint der Verf., ärgert sich über die Abnahme der Judentaufen. Es liegt kein äusserer Zwang mehr dazu vor — also muss der wieder hergescliafft werden, damit die Judenmission nicht einschlafe. Möglich, dass das richtig ist. ״Viel sind ja der Gedanken im Herzen des Menschen.“ Prächtig sind die Ausführungen über das Unselige der Mischehe und ganz entsprechend dem von diesem Blatte vertretenen Ansichten. Im Uebrigen stellt der Verf. mit vielem Geschicke bedeutsame Aeusserungen über die Judenfrage zusammen, so dass das Büchlein auch als eine Zusammenfassung der Hauptfragen empfohlen werden kann. Interessant ist’s, dass der katholische Verfasser dein orthodoxen Judenthuine so sehr das Wort spricht und die arge jüd. Presse (den allgemeinen Prügeljungen) den Reformern zur Last legt. Das ist entschieden ein Irrthum. Denn die Reformer, welche Orgel, Musik, Choral erstreben, werden niemals ihre und Anderer Religion schmähen und verspotten. Die Solches thun, wollen weder von Orgel noch von Maamodaus wissen, sind Indifferente, oder Atheisten. Diese Herren sind auch in der Synagoge keine Juden. Nur missbräuchlich werden diese Irrreligiösen den Reformern zugesellt. Die Mannigfaltigkeit der Formen beeinträchtigt die warme Anhänglichkeit an den von dem Verf. so prachtvoll geschilderten Glauben in keiner Weise. ״Nimmermehr können wir also wollen, dass durch die Zerztörung des Glaubens eines namhaften Theils unserer Mitbürger die destructiven Elemente der Gesellschaft vermehrt werden; wir müssen auch, wider den Wunsch der Mission, dem Israeliten seinen Glauben und damit seine Besonderheit lassen, die uns nicht schädlich wird, wenn sie ehrlich bewahrt bleibt.“ Das aber ist's, was vom Siaate — vielleicht der Mission zu Liebe — nicht geschehen ist. Man hat dem Judenthum es erschwert und nicht erleichtert in religiösem Sinne auf Jung und Alt einzuwirken und damit hat man die destructiven Elemente und nicht die Täuflinge gemehrt. Denn was die Herren, weil’s ihnen so beliebt, ״jüdisch“ nennen, das ist ״der Herren eigener Geist!“ Coblenz. Dr. Lewin. Dlf Dieser Kr. liest ein K»taI0g der Ackrr״ man1*'seh«n Burhb, In JUttnelien ״IJebrsle» ״ 4ud*lea“ bei. Verantwortlicher Redacteur Dr. Rahmer iu Magdeburg. Druck von H Horbach in Barby. Verlag von Robert Friese in Leipzig.