Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 5 (1876)
- Issue
- Nr. 24. (15.12.1876)
- Date
- 1876-12-15
- Page
- Seite 94 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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94 ende des lobten Meeres, in dem die Israeliten Jahre lang umhergezogen sind. Waren da Magazine für sie angelegt, sind Proviantcolonnen ihnen gefolgt? Es giebt dort hier und da, viele Meilen auseinander liegend, eine Oase mit ein paar Quellen und Fruchtbäumen; hat das ausgereicht, um Zehntausend zu erhalten?! Wir wisien doch, was dazu ge-׳ hört, um eine Armee — die aber nur aus rüstigen Männern besteht — auf dem Marsche durch fruchtbarste, bestangebaute Gegenden zu verpflegen: und nun ein Volk mit Greisen, Säuglingen, Schwachen und Kranken. Man sage uns, wie das ohne Wunder möglich gewesen! Dieses Wunder ist aber an sich wieder nichts Unnatürliches, Widernatürliches. Das Manna, sagt schon Josefus, sei noch in der arabischen Wüste zu finden; neuere Reisende und Naturforscher haben es da gefunden und mitersucht. Nur daß dies Manna so wenig ausreicht, ein Volk zu ernähren, wie etwa eine Armee monatelang im Walde lagern und dort von Brombeeren sich ernähren könnte, weil wohl einmal verirrte Knaben ihren Hunger mit Waldbeeren gestillt haben. Zur erforderlichen Zeit ließ die Vorsehung jenes Naturprodukt, Manna, so Massen- Haft und andauernd sich bilden, daß es zur ׳Nahrung für ein Volk ausreichte; und Moses sagte dies Wunder voraus. Da haben Sie die Merkmale des Nothwendigen, des zugleich Natürlichen und Wunderbaren, des Glaubhaften, weil gar nicht anders Erklärbaren und die Voraussage durch den Propheten. Das besagen auch dis Ausdrücke, mit welchen die hebräische Sprache das Wunder bezeichnet: אות, ein Zeichen, מופת ein glänzendes, leuchtendes Beispiel, C: eine Fahne, Siguum, Signal-Zeichen und Beweis des göttlichen Wirkens und Waltens, ein durch seine Seltenheit, Eigenthümlichkeit und Wunderbarkeit leuchtendes, eindringliches. Dazu פלא, das Verborgene, Unbegreifliche; aber die letzten Gründe auch der alltäglichsten Naturerscheinungen sind uns verborgen. Wenn die Kompaßnadel sich nach Norden wendet und Eisen anzieht, so erklärt man: das ist Magnetismus; was aber Magnetismus ist, und warn m der Magnet und das gestrichene Eisen also ist und wirkt, das ist verborgen, unbeg«iflich. Denken Sie nun noch an die egyptischen Wunder, jene zehn Plagen. Wie Hagelschlag und Heuschrecken, so sind's insgesammt natürliche Dinge, in Egypten zum Theil nichtswe- Niger als unerhört, sie folge» auch auf einander in der natürlichen Reihe der dortigen klimatischen Ereignisie, vom Eintreten der Nil-Hochfluth im Sommer bis zum Frühjahr (unserer Zone); aber daß sie so nach einander auftraten und zu immer härteren Schlägen wurden, daß hinter einander rasch folgte, was sonst nur einzeln dann und wann sich ereignet, und daß )edes durch Moses vorherverkündet, angedroht wurde, das ist das Wunder und des Wunders genug. Und so war's wieder nothwendig; Pharao sollte belehrt, überführt werden, daß er nicht in Egypten Gott und Herr sei, dem der Hebräer Gott keine Vorschriften zu machen habe. Tenn wenn Pharao spricht: ״ich kenne den Ewigen nicht," so soll das ja nicht heißen: ich glaube nicht an eine Gottheit — sondern: hier in» Land« hat der Gott nichts zu sagen, ich kenne ihn nicht: hier regieren meine Götter und an ihrer Statt ich. Soll nun MoseS ihm Vorlesungen über Religion halten, ihn katechesiren und ihm beweisen, daß es nur Einen Gott gebe, und daß die Hebräer auch Menschen, Kinder Gottes seien, und soll er ihm dann weiter einen eindringlichen und beweiSkräftigen Vortrag über Menschenrechte und Königspflichten halten?! Ein Pharao hört nicht! Ihm muß die Lehre fühlbar gemacht, und sein Eigenwille und seine Herzensverhärtung müsien gebrochen werden. So sagt ihm denn MoseS voraus, daß die eine und dann die andere Plage kommen, von dem Gotte, den er nicht kennen will, über Egypten geschickt werden wird. Er, Pharao, mags nun in seinem Lande wehren, wenn er kann. Anfangs hilft er sich mit der Einrede: daS können meine Priester. Zauberkünstler. auch, dadurch laste ich mich nicht irre machen. So folge» die Zeichen, die Signale, die leuchtenden Beispiele nach einander, sie werden ihm immer wunderbarer, unerklärlicher, auch immer härter und unabwendbarer, sie folgen nicht nur in der Reihe der klimatischen Entwickelung des Jahres, sondern in sozusagen logischer Ab- Wickelung, wie das schon das dreitheilge Merkwort der Peßach- Hagada, Dezach, Adasch u. s. w. andeutet, und wie es danach verschiedene alte und neue Erklärer nachgewiesen haben. Es wird die Allherrschaft und All-Obmachl des Einen über die verschiedenen Bereiche der Natur und die angeblichen Herrschaftsbereiche der egyptischen Götter vor Augen geführt und zu Gefühl gebracht, bis Pharao das zunächst Erforderliche gelernt hat. Die Israeliten haben es nebenher auch gelernt, gesehen und eingesehen, beide Theile nicht auf die Dauer. Ich eile zum Schlüsse. Wollen Sie noch einen Beleg für das Wunder in! richtigen Sinne haben? Sie selbst sind es, meine Geehrten, und ich und alle Israeliten. Das Dasein, das Noch-Vorhandensein der Israeliten ist ein Wunder. ״DaS Wunder aller Wunder, mehr als der Kasten Noäh, mehr als MosiS flammender Busch (sagt Hamann, der Magus im Norden) ist jeder lebende Jude." Und viel früher schon schrieb der Verfasier des Choboth hallebaboth, (II, 5) ״Wenn der Mensch in der jetzigen Zeit etwas sehen will, was jenen Dingen (nämlich den Wundern der Natur und der biblischen Geschichte) ähnlich ist, so schaue er mit dem Auge der Wahrheit auf unser Bestehen unter den Völkern seit der Zeit des Exils und die Art unsrer Stellung unter ihnen." Dies Wunder ist vorausgesagt von Moses und allen Propheten, ״ihr werdet nicht untergehen und nicht aufhören". Hier ist nichts zu leugnen und zu zweifeln; wir sind da. Hier ist ein Wunder, und doch ist Alles natürlich, mit rechten Dingen zugegangen. Oder ist es widernatürlich und w dervernünftig, daß wir noch da sind? Sollen wir der Raison zu Liebe verschwinden? Man hat es uns oft genug zugemuthet; aber ich denke: wir überlegen es uns noch! Zwei Briefe von Franz Ziegler. II. (Schluß.)*) Berlin. 26. Febr. 1873. Charlottenstr. 3. Hochzuehrender Herr! Um des Himmels Willen lasten Eie meinen ersten Brief nicht abdrucken!**) ES wäre dies von *) Nachdruck ohne Erlaubniß der Redaction d. Bl. verboten. In vor. Nr. ist der Titel der Ziegler schen Novelle falsch angegeben; nicht ״Seite" sondern: ״Seit 181b" lautet ihr Name: sie befindet sich im 2. Bande der ges. Novellen und Brief« aus Italien von Fr. Ziegler. Verlag von Franz Dunker in Berlin. — Auch ist Z. S des 1. Briefes st. Invention zu lesen: Jnvective. **) Da der im folgenden Satze von Z. angegebene Grund der Nichtverösfmtlichung auf vollständig« Unrichtigkeit beruht — niemals -oben die Juden Johann Jacob, angefeindet, sie sind vielmehr stolz auf