Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 5 (1876)
- Issue
- Nr. 24. (15.12.1876)
- Date
- 1876-12-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/5367336-5990818-5990994--0645-5367666- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Wische Alnatmblatt. Jur Befruchtung aller Judenthn« «. Juden betreffenden titerarischen Erscheinungen aus dem Gebiete ber Philvsophie.Geschichte, «thnagraphie,Theologie, Brientali«, Exegese, Homiletik, Liturgik, Pädagogik. ^---/ Herausgegeben von Rabbiner Di». Moritz Rabiner. Magdeburg, IS. Deeember 187«. Bücher »er einschlägigen Literatur, weiche der «eb. de» ״Iü». KtteraturdlaU" in Magdeburg (oder der ״Joraei. «ochenschr » in Stettin) sugesandt «erden, finden in diesem Platte «ingehende Besprechung. Nr.24. Erscheint am 1. n 18. des Monats. Preis pro Jahrgang 4 Marl. Für die Abonnenten der ״Israel. Wochenschrift" (die jähri. 9 Mark kostet) g r a t i S. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen; in Leipzig durch Robert Fries«. 5. Jahrgang. DasWunder in feinerBeziehung zur Religion. Bortrag vom Rabbiner vr. A Treuen fels. (Schluß.)*) So hat denn Israel in seiner unermeßlichen Mehrheit sich gewappnet gezeigt, hat den V o r m u r s der ״Hartnäckigkeit", womit man uns so oft zu schmähen gedacht, redlich verdient und die Stifter neuer Religionen sammt ihren Wunderthaten abgewiesen, ist zu seinem Heil taub gegen die Verlockung und blind gegen die Hülle und Fülle von Wundern, wonlit man um die Wette neue Lehren zu be-׳ weisen trachtete. Maimonides aber hat gerade im Hinblick auf die beiden anderen Religionen, welche sich von Anfang an auf die Wunder beriefen, die ihre Stifter gethan haben sollten, den Satz betont: wir glauben an die Wahrheit unserer Religion nicht um der Wunder willen. Ebenso hat dann wieder der dritte Moses, wie man Mendelssohn genann hat, die Streitigkeiten, in die Lavater ihn hineingezerrt hatte, dadurch abgeschnitten, daß er hervorhebt: ״Nach meinen ReligionSlehren sind alle Wunderwerke kein Unterscheidungszeichen der Wahrheit und geben von der göttlichen Sendung des Propheten auch keine moralische Gewißheit".**) Nur die ״öffentliche Gesetzgebung" d. h. die Offenbarung am Sinai, betrachtet er als Grundlage und Creditio — wie auch ich hecoorgehoben habe, daß Offenbanmg und Prophetie unentbehrliche Voraus¬ *) I» vor. Rr. ist aus Berschen der Bortrag unvollendet geblieben; wir geben unter Wiederaufnahme des inmitten abgebrochenen Satzes nunmehr oben den ״Schluß«. (Red) Auch ist in vor. Nr. S. 89 Sp. b Z- 29 v. u. statt ״Propheten« zu lesen: Prophetie. **) Ebenso in seinem Schreiben an den Erbprinzen von Braunschweig: ״Ich kann sie (die christlichen Dogmen) mit dem, waS mich Vernunft und Nachdenken .... gelehrt haben, nicht in Harmonie bringen, und bin also gezwungen, sie zu verwerfen. Wenn ich diese Lehren im A. T. fände, so müßte ich auch dieses verwerfen, und wenn ein Wunderthäter, um sie zu bewähren, alle Todten erweckte, die seit einem Jahrhundert begraben worden, so würde ich sagen, der Wunderthäter hat Todte erweckt, aber sein« Lehre könnte ich nicht annehmen.« Und schon vor Maimonides hat Saadia Gaon (Emun. wedeoth III.) fast wörtlich dasselbe gesagt. Er bedient sich dabei auch noch eines GleichnisseS. Wenn Jemand eine Cioilklagc vorbringt, so wird der Richter Zeugen verlangen, vernehmen und danach erkennen. Ist aber die cingeklagte Sach« an sich etwas Unvernünftiges und Unmögliches, so wird der Richter sich auf Zeugenbeibringung und Vemehmung gar nicht einlaflen. So laflen wir uns auf Wunder u. dgl. als Zeugnisse für Unvernünftiges nicht ein. setzung des Judenthums sind, aber auch mit Naturgesetzen und Naturwundern nichts zu schaffen haben. Welchen Zweck hatten denn nun die Wunder? Sie sind eben nur darum geschehen, weil sie zur Zeit nothwendig gewesen, lautet der zweite von Maimonides aufgestellte Satz; mithin sind auch nur da Wunder geschehen, wo sie erforderlich waren. Und daraus folgt wieder die Naturgesetzlichkeit der Wunder, denn wäre es wohl glaublich, daß Gott, um einen bestimmten Zweck zu erreichen, sich gleichsam nicht anders helfen könnte, als daß er die Ordnung der Natur aufhebt? Wird er nicht in seiner Weisheit den Weg innehalten, den er in dieser Weisheit einfürallemal den Dingen vorgezeichnet hat? Die wahren Wunder, d. h. die Wunder, an deren Wahrheit wir glauben können, müffen also nothwendig sein und den Naturgesetzen nicht wiedersprechen. Um dies näher zu erläutern, führe ich Ihnen das erste*) der im Neuen Testament erzählten Wunderwerke an und stelle ihm ein Beispiel aus unsrer heiligen Schrift gegenüber. Dotz ist es die Verwandlung des Wassers in Wein bei der Hochzett zu Cana. Da fragen wir doch wohl vernünftigerweise: wozu denn das Wunder? mußten die Leute Wein trinken? was hing davon ab? Und wenn sie schon Wein haben sollten, meinetwegen zum Tischgebet und den sieben SegenSsprüchen — hat etwa nicht schon tausendmal ein armer Jude Wein zum Sederabend bekommen, aber ohne jegliches Wunder? So könnte also das Hochzeitswunder nur den Zweck haben, daß es Glauben bewirken sollte an den, der es vollführte. Nun, dann erkennen wir wieder klar, daß ein Wunder dem Zwecke nicht entspricht. Wär's wirklich geschehen, daß aus den Wafferkrügen Wein stoß, dann müßten wir uns diejenigen die dadurck überzeugt werden sollten, als überaus naiv vorstellen. Solche Productionen können wir alltäglich sehen die sie vorführen, wollen nichts damit beweisen als — ihre Geschicklichkeit. Nun halten sie dem gegenüber das Wunder des Manna, mit dem Israel in der Wüste gespeist wurde. Da haben wir Nothwendigkeit; wovon hätte ein ganzes Volk Jahre lang leben sollen in einem Lande, welches nichts hervorbringt? Es ist der Einöde ödester Theil, vom Sinai bis gegen das Süd- *) Als da« erste wird e« im Eoang. Joh. 2, 11 ausdrücklich bezeichnet, »ei den anderen Evangelisten ist es nicht erwähnt. Für unsere Besprechung kommt es darauf nicht an.