Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 5 (1876)
- Issue
- Nr. 23. (1.12.1876)
- Date
- 1876-12-01
- Page
- Seite 91 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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öl — ״von best Grundlagen der Religion" handelt, sich also auslägt.*) ״Die Israeliten glaubten an Moses nicht wegen der Wunder, die ec gethan; denn wer auf Grund von Wunder« glaubt, hegt in seinem Herzen Zweifel, weil das Wunder möglicherweise doch kein solches sein, auf Täuschung N. dgl. beruhen mag; sondern die Wunder (eigentlich: Zeichen) ivelche durch Moses geschahen, waren an sich erforderlich, aber nicht um für seine göttliche Sendung Zeuguiß abzulegen " Damit ist also zweierlei ausgesprochen. Erstens: Die Wunder sind nicht dazu da, um die Wahrheit der israelitischen Religion ju beweisen. Was könnte auch richtiger und vernünstiger sein?! Denn wenn ein Wunder oder eine Reih« von Wundern in der That zu einer gewissen Zeit den Glauden bewirkt hätte, so könnte dadurch nicht verhindert werden, daß später wieder Zweifel an der Wirklichkeit, an der Wahrheit, an der Wunderbarkeit jener Wunder aufsteigen. Da müßte dann der Glaube, der nicht durch innere Gründe gestützt ist, nothwendig erschüttert werden, unb cs müßten rteue Wunder z׳.׳r Beglaubigung eintreten, wie ich dies vorhin an Beispielen, die nicht dem Judenthum angehören, nachgewiesen habe. Noch größer aber wäre die Gefahr, daß ein auf Wunder gestützter Glaube durch neue Wunder, welche die alten sozusagen überbieten, erschüttert, ja umgestoßen würde. Dagegen hat ja Moses selbst feine warnende Stimme erhoben, und was ich von Moses Maimostides angeführt habe, das hat unser Lehrer Moses selber gesagt. (5. Mos. 13.2) ״Wenn unter Dir ein Prophet auftreten wird oder ein Träumer, und er gibt Dir ein Zeichen oder Wunder, und das Zeichen oder Wunder trifft ein — unb er spricht, wir wollen fremden Göttern dienest — so sollst Du nicht auf seine Worte hören." Und die Rabbinen erläutern: ״Siehe, wie die Torah die Zukunft kennt und die Versuche des Heidenthums, sich inuner von neuen: Eingang zu verschaffen. Ja, man wird Dir Wunder zeigen. Tu aber sollst zum Voraus dägegeu gewappnet sein, und wenn man Dir die Sonne stillestehen machte mitten am Himmel, so sollst Du Dich nicht irre machen lassen, nicht darauf hören und achten, so man durch solcherlei Wunderspuk Dich zum Abfall verleiten wollte von dem Gotte Deiner Väter."**) Und so hat denn die unermeßliche Mehrheit Israels sich gewappnet gezeigt, Halden Vorwurf der ״Hartnäckigkeit", womit man uns so oft zu schmähen gedacht, redlich verdient nnd die Stifter neuer Religionen samnit ihren Wunderthaten abgewiesen, ist zn seinem Heil taub gewesen. Zwei Briefe von Franz Ziegler.***) Vorbemerkung. Im Februar 1873 veröffentlichte ich in diesen Blättern') eine Besprechung über die Novelle ״Seite 1815" von dem jüngst dahingeschiedenen Veteranen des preußischen Parlaurntarismus, Reichstagsmitglied F. Ziegle.r. Mich bewog dazu vor Allen: der Umstand, daß Z. in der genannten Erzählung, die in Brandenburg und Umgegend spielt, einen ganz merkwürdigen Juden zum Träger und Verkünder der liberalen *) Maim hilc'11. Jes. hator. pap. V1II. Ankang. **) Synhedr. 90, a Sisri und Jalkut zu לאה• Die Lesarten sind verschieden, die oben gegebene Paraphrase geht von dem Gedanken aus, daß die richtige LeSart lauten möge: לפיכך נתנה [ל ך] תורה ממשלה בהם (בה »«׳>) שאפילו מעמיד וכר: ***) Nachdruck verboten. Oed.) *) Jüd. Literaturbl. 1873, Nr. •'!. Ideen gemacht hatte, während söstst deutsche NobeMen es lieben, die Juden ist ihren ErzMstntzen entweder älS nichtswürdige Charaktere oder als Catricaturen vörzuführest. Dies hatte ich den» auch st: meinÄ: Besprechung als besonderrühmenSwerth hervorgehobrn. Letztere sandte ich dem Verfässtr ein and erhielt umgehend den etilen der beiden unten folgendest Briefe als Antwort. Das ist demselben üngefübrtr Pseu dücitat aus dem Talmud veranläßte mich, sofort in einem längern Briefe die irrige Ansicht über die jüWche Arbeitsscheu zu widerlegen durch Uebersetzung der bekannten wundbrschönest Aussprüche des Talmuds Über den Werth der Arbeit, durch die Darlegung der Ursachen, aus denen dis gegenwärtigen socialen Verhältnisse der Juden hervorgegangen find, und tzndsich durch ein wirksames Beispiel, den Hinweis auf die mir am nächsten liegende jüdische Bevölkerung der ungarischest Hauptstadt, von der ein ganz beträchckichec Ähiil vö» kSrperlicher, und dazu oft schweren körperlicher Atbeit lebt. Akts diesen Bries*) nun antwortete Ziegler mit dem Schreibest 11t. 2. Der Schluß desselbest ließ nicht zu, daß ich auch diesem die nöthige Widerlegung zu Theil :«erden lüffe. Auch hat die in Aussicht gestellte persönliche Zstsämmenkanft Mt Z. istcht stattgefunden. Soviel zur Genesis der beiden Briese. Jetzt, da ihr Schreiber nicht mehr unter den Lebenden weilt, halte ich rS sür gestattet, die in vieler Beziehung intereffänteN Schriftstücke vor die Oeffesttlichkeit zu bringen. Es sind Bekestistniffe eisttS bedeutenden Zeitgendssen über sein Verhältnis zu Inden irtib J.identhum. Diese Bekenntnisse machen keinen wohlthstendest Eindruck. Ein streügeS Gerechtigkeitsgefühl, das deMwch Übst alten Vorurtheilen sticht los werden kann, eine übertriebene Vorstellung von der Macht der hentkgen Juden, zu welcher die Uebertreibung histörischer Daten hinzuttiit, Wohlwollen und dennoch auch Erbitterung, aüs solchen Momenten setzte sich Airgler'S Anschauung über die Juden zusammen, wobei Man aber nicht aüs den Augen laffen darf, daß die beiden Briefe in einer Zeit geschrieben sind, in welcher der Grüstdungsschwindel mit den in feinem Gefolge auftretestden Etscheinungcn in der neuen Hauptstadt DeütichlästbS seinen Gipfel erreicht hatte und ungemein viel dazu beitrug, die alten Geister des Rischus allenthalben zu wecken und auch das Urtheil besonnener Männer ungünstig zu beeinflussen. Daß Z. ein ״Rosche" war, wogegen er sich wiederholt verwahtte, läßt sich nicht behaupten, dagegen spricht hauptsächlich seine Itövellr, sowie seine eigene ausdrückliche Erklärung. Doch lässt er sich von jene»: sozusagen theoretischen Rischus nicht freijprechen, dem in neuerer Zeit viele deutsche Gelehrte — siehe Billrvth, Gtbinann rc. — verfallen sind. Daß seine Berliner Freunde nicht genügend seine Ansichten anfklärten und berichtigten, ist bedauerlich. Jedenfalls werfen seine diesbezüglichen Mittheilungen ei» kleines Streiflichts auf daS moderne jüdische Berlin. — Sonstiges aus den Briefen hervorzuheben und was Berichtigung erheischt, zu berichtigen, ist nicht nöthig; der kundige Leser wird nicht in: Unklaren darüber sein, von welchem Gesichtspunkte man die beiden Briefe betrachten muß. Sollte aber unter de:: Leiern dieser Blätter ein Brandenburger sein, der jenen ״aus der Wirklichkeit abgcschriebenen" Abraham gekannt hat, so wäre eine genaue Mittheilung über den nach der ihn behandelnden Novelle Z.'s gewiß sehr merkwürdigen Mann, ein willkommener Beitrag zur Geschichte des innern Lebens der Juden im Anfänge unseres Jahrhunderts. Szegedin, 5. November 1876. I)r. Wilhelm Bacher. I. Berlin, 24. Februar 1873. Charlottenstr. 3. H. H.! Ihre Zusendung vom 20sten d. M. hat mir viel Freude gemacht. Es ist kaum glaublich, daß die hiesigen Juden die Novelle ״Seite 1815" sür eine Invention gegen ihren Stamm halten, und daß selbst Männer wie Max Ring *) Indem ich auch bat, Z.'S erstes Schreiben nebst meinen Aus« sührungen über die Arbeit bei den Juden veröffentlichen zu dürfen.