Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 5 (1876)
- Issue
- Nr. 23. (1.12.1876)
- Date
- 1876-12-01
- Page
- Seite 90 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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90 verwerfen, interessant oder langweilig, erweckend oder einschläfernd sinken, den will ich dann auch nach dem Naturgesetze fragen, kraft dessen eine Offenbarung GottcS an den Men׳ schengeisl unmöglich widernatürlich sei. Und ferner: wer mir darthvn kann, auf welchen Gesetzen, auf welchen Zusammen׳ setzungen, Bildungen und Gestaltungen des Körperlichen die individuelle Anlage M'es eiuzelneu Menschen beruht, etwa das musikalische Genie eines Mozart, wer mir das erklären kann — mir, meine ich, und jedem, der gleich mir z«var nicht Naturforscher von Fach ist, aber durch einige Fremdwörter und unverständliche Phrasen sich nicht irre machen läßt, von dem will ich dann auch den Beweis hinnehmen, daß die Gabe der Prophetie naturwissenschaftlich eine Unmöglichkeit sei. DaS Geistige gehört nicht in den Bereich der Naturforschung Läng net man nun frischweg den Geist überhaupt, so habe ich mich darauf nicht einzulassen, möchte mai» aber wirklich die Geislesfunktionen aus Gesetze» der Leiblichkeit erklären, so ist man noch nicht zu dem Schatten eines Anfanges gelangt. Alle ernsten Forscher, denen es nicht um religionsfeindliche kecke Behauptungen oder Possenreißerei zu thun ist. spreche» das offen aus; ich erinnere nur an Dubais Raymond, der dies unlängst in einem öffentlichen Vortrag gethail hat. — Offenbarung und Prophetie gehören also nicht in den Bereich des hemigen Vortrags. Lassen Sie mich mm zu der Frage zurückkehren, die ich vorhin aufgeworfen habe: wenn keine Wunder mehr geschehen, find dann auch keine geschehen? Erzählt nicht die Bibel von solchen? Wir wollen mit dem letzten derselben beginnen. Der Talnmd sagt,*) da-; im Buche Esther Erzählte bilde den Schluß, sei das letzte Wunder. Also Wunder wird das genannt. Sie misten aber, daß da nicht eine Spur von einem Wunder im vulgären Sinne vorhanden ist. Es ist eine Verknüpfung von Umständen, die wir Fügungen der Vorsehung zu nennen berechtigt, ja bemüßigt sind, die aber unter den gegebenen Verhältnissen, da die Geschichte am altpersischen Hofe, nicht an einem hentigen europäischen spielt, nicht im mindesten unerklärlich sind. Wie sehen also, was ein Lehrer des Talmud unter ״Wunder" versteht. Jene Bemerkung eines Rabbi ist freilich von Anderen angefochten worden, und es ist, wie ich schon gesagt habe, das spätere Jndenthnm sehr wundcrgläubig gewesen, sodaß man wiederum die einfachsten biblischen Geschichten mit den seltsamsten Wundern ausgeschmückt, aus allen Zeiten zahllose Wunder erzählt hat und der Wunder gar nicht satt werden konnte. Was aber den Talmud betrifft, so gehören die Wunder-Erzählungen und Ausschmückungen bcm sog. agadischen Theile an; es ist da überall schwer zu sagen, was wörtlich und was allegorisch ausgcfaßt sein will. Es gehen in der talmudischen Literatur selbst zwei Richtungen, eine rationalistische und eine mystische, neben einander her, ebenso ist es in der Folgezeit, und was die gesetzliche Entwickelung, die Halacha, also den wesentlichen Jnhalk des Judenthnms anbetrifft, so kann man rundweg be׳ haupten, daß Wunderglaube und Wundergeschichten auf sie keinen Einfluß geübt haben. Berufung aus Wunder, um danach eine halachische Entscheidung sestzustcllen, wird auf das Entschiedenste und ohne alle Widerrede zurückgewiesen. Die Thorah, heißt es da, ist jetzt nicht mehr im Himmel, *) Joma 2!), a. d. h. (so könnte man's wohl ausdrücken) der Himiüel hat uns jetzt nicht mehr darein zu reden, mir lasten nur Vernunftgründe und Beweise gelten.*) Und inr Mittelalter, denr sonst überall so wundergläubigen, findet sich nur ein paarmal, ddß sich jemand in halachischen Fragen und Zweifeln auf eine Belehrung dürch deä Propheten Elias oder eine ״Traumanfrage" beruft, man hat Derartiges nicht zur Geltung kommen lasten. Die aufgeklärten Rabbinen des Mittelalters — und ich bitte Sie. sehr wohl zu beachten, daß im I u d e n t h u m das M i t t e l a l t e r die Zeit der Aufklärung gewesen ist, und daß jene aufgeklärten Rabbinen nicht etwa die der Ketzerei oder des Mangels an Rechtgläubigkeit verdächtig sind, sondern die gefeierteste» und maßgebenden Autorilä'en — also diese großen Lehrer, Schriftsteller und Erklürer haben die wörtliche Auffassung der Wunderberichte der Agada zurückgcwiesen und stets natürliche oder allegorische Auslegung gegeben. Für den großen Haufen aber brauchen wir uns seines Wunderglaubens nicht zu schämen; es war eine Zeit, da alle Welt Wunder glaubte und suchte, da man das Natürliche auf Wunder zurückführte und das Wunder ganz natürlich fand. Wie hätte denn jeder jüdische Handelsmann ein Philosoph und seiner Zeit um Jahrhunderte voraus sein sollen?! Dagegen können wir mit berechtigtem Stolze darauf Hinweisen, daß die großen Lehrer Israels im Mittelalter, ohne von der heutigen Entwickelung der Natunvistenschaft eine Ahnung zu haben, aus dem gesunden Verstände heraus erkannt haben, daß Gott die Gesetze seiner Schöpfung nicht ändere. Man sagt wohl, daß Spinoza der erste gewesen, der die Möglichkeit der Aenderung der Naturgesetze in Abrede gestellt habe. Ihm ist Gott nichts als die Gesammtheit der Natur und ihrer Gesetze, daher ist es ihm Gotteslästerung, zu sagen, daß diese Gesetzlichkeit und Ordnung gestört werden könnte. Die Rabbineil waren von dieser Ansicht weit entsernt, aber die Sache selbst haben sie lange vor Spinoza gelehrt. Und dabei konnten sie sich auf die ältesten Lehrer der Mischna, des Talmud und Midrasch stützen, welche schon erklärt haben, daß die Wunder der Schrift, d. h. die außergewöhnlichen Erscheinungen, welche dort berichtet werden, ״Bedingungen" sind, welche beider Schöpfung festgestellt worden;**) das will sagen: es sind nicht willkührliche, den Umständen nachträglich angepaßte Eingriffe, sondern sie mußten im Laufe der Dinge eintreten; das Mmder liegt darin, daß sie zu der rechten Zeit eintreten und eben darum ihren Zweck erfüllen und, wo dies zu dem Zwecke gehört, auch vorher verkündet werden konnten. Ich könnte nun, meine Geehrten, auch wenn ich noch eine Stunde zu reden Zeit hätte, doch nicht auch nur den kleineren Theil der biblischen Wunder im Einzelnen betrachien; ich kann nur Nachweisen, welche Stellung sie in der Religtonslehre des Judenthums einnehmen und dies dann an einigen Beispielen erläutern. Was aber im Allgemeinen hierüber zu sage» ist, das hat Maimonides in einen einzigen Latz zusammen gefaßt, indem er im erste.« Abschnitt seines großen Werkes, welcher *> In der vielbesprochenen Streitigkeit zwischen Rabbi Elieser und seinen Genossen Bab. Mez. 59, 6 und in vielen Parallel stellen. **) Hierher gehört die Mischna Abot V, 6; der Midrasch Rabb. Bresch. cap. V und viele andere, zu!» Theil bei den Erklärer« der Mischna Abot besprochene Stellen und Maimon. Moreh II, 29.