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Das jüdische Literaturblatt · 1876-12-01 · Nr. 23. (1.12.1876) · p. Seite 92

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
5 (1876)
Issue
Nr. 23. (1.12.1876)
Date
1876-12-01
Page
Seite 92 (sequence 4)
Language
German
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92 und Alexander Meyer den Charakter des Abraham*) als verfehlte und unmöglich bezeichneten. Ersterer vermißt sogar darin die traditionelle jüdische Familicnliebe. Sie sind der Erste, der sich mit freiem Blicke über so enge Anschauungen erhebt,!!nd was Sie über die Arbeit sagen, ist in der Thal überraschend treffend. Ich danke herzlich für das, was niir persönlich dabei zu gute kömmt. Nur Eines muß ich berichtigen. Sie sagen: ״daß zu den Lebensmomenten Abrahams schwerlich die Wirklichkeit etwas geliefert habe." Es ist dies ein sirrthum, deffe» Sie sich aber nicht zu schämen brauchen, da Sie ihn mit meiner.׳. Freunde Johann Jacoby theilen.**) Dieser trat, letzten Herbst, aus dem Bade zurückgekehrt, bei mir mit den Worten ein: ״Sie haben ja den ganzen Abraham von der Natur lediglich abgeschrieben." Sehr richtig! erwiderte ich, und wovon wiffen Sie das nun? — ״Ich habe im Bade täglich׳ neben einer Dame aus Brandenburg dinirt, die ihn ganz so, wie Sie, gekannt, und mir noch viel Neues und Wunderbares hinzuerzählt hat." — So ist es, sagte ich, und hier ist ein Brief seiner leiblichen Tochter, worin sie mir dankt für die Ehrenrettung ihres Vaters, den die Juden glühend haßten und verunglimpften. Alles ist abgeschrieben, Abraham mit jeder Aeußerung, Hans und Emanuelle, in der Ring eine Migilon finden will, und die meine Jugendfreundin war. Der Pastor, seine Tochter, alle sind abgeschrieben. Ich habe lachen müssen über Rings lächerliche jüdische Familienliebe. die so weit gehen soll, daß ein Vater einen lüderlichen Jungen nicht nach Amerika schicken soll. Nun so hören Sie: Abraham hat seinen Jungen zu mir***) in die Zwangsarbeits-Anstalt gegeben, wo ich ihn, im Gesangenanzuge (sic), habe Gips stoßen lassen. Es giebt auch unter den Juden tüchtige und strenge Familienväter, welche unsere Berliner jüdische zeunsss« dorde zu Paaren treiben würden. Und auch Sie, sagte ich, haben noch nicht den letzten Kern dieser Schrift gefaßt. — ,.Und welches ist der?" Nun es ist der Kampf Abrahams, den ich vorgeführt habe, gegen den unseligen Spruch des Talmud: ״Der Jude soll nicht arbeiten mit seinem Arm, mit seiner Brust, seinem Bein, seinem Leibe, sondern soll arbeiten mit seiner Zunge." In diesem unseligen Spruch liegt der Handelsgeist, der Schacher als gerechtfertigt. Wer gleich sein will, muß auch gleich sein in der Arbeit. Mein Freund reichte mir seine schwielige Hand, denn er arbeitet jeden Morgen ein paar Stunden an der Drechslerbank, und dankte mir für das ivarme Interesse, das ich für die Juden hätte. Ich kenne keine Juden und keine Christen als im Glauben verschieden, sonst kenne ich bei uns nur Deutsche. Nochmals meinen herzlichen Dank für Ihr Wohlwollen und seien Sie versichert, daß ich mit aufrichtiger Hochachtung bin Ihr ganz ergebenster (Schluß folgt.) Franz W. Ziegler. Lileraturbericht. Recrnsiouen. A. M. נתיבות ציון וירושלים Topographie von Jerusalem und seinen Umgebungen samt (?) viel (?) Ansichten und Artischtische (?!) beilagen (8ic!). Jerusalem 1876. kl. 8°. 92 S. Auf sonderbare Weise rechtfertigt der Zufall die orthographischen Verstöße in der Aufschrift; denn was der Berf. uns vorlegt, sind keineswegs beachtenSwerthe Beilagen und noch viel weniger artistische Blätter. Ueberhaupt gereicht dieser recht lesenswerthen Schrift die äußere Ausstattung zum größten Nachtheile. Schlechtes Papier, noch schlechtere, kleine, anscheinend schon verbrauchte Typen, schlechte Druckerschwärze und incorrecte Ungenauigkeiten gestalten dieses Buch zu einem wahrhaft gefährlichen ״Augenpulver" und verleiden uns die Lectüre in beträchtlichem Maße. Wenn, wie wir wünschen und hoffen, der Vers, den angckündigten zweiten Theil seiner Schrift zum Abdrucke bringt, möge er es sich aus das Ernsteste angelegen sein lassen, für eine gefällige, correcte, weniger augengefährliche, typographische Ausstattung zu sorgen. Abgesehen von diesen allerdings schwer in'S Gewicht fallenden Acußerlichkeiten verdient vorliegende Schrift unsere volle Beachtung. In logischer Aufeinanderjolge bespricht sie nach einer längeren Einleitung der Reihe nach die geographische Lage Jerusalems im Allgemeinen, die einzelnen Thors der Stadt, ihre Straßen und Plätze, Gestalt der Häuser und Art der Hauseinrichtung, ihre klimatischen und sanitären Verhältnisse, die Berge, Hügel und Thäler im ganzen Weichbilde der Stadt. Die Diction ist eine klare, gewandte, oft sogar wahrhaft elegante, jedoch nicht immer ganz correcte. Außer manchen uilstaithaften Metaphern wirkt bisweilen störend dem Genius der hebräischen Sprache gegenüber der zu häufige Gebrauch etwas geschraubter Passiv-Constructionen. Die Dar!ellung selbst, im Ganzen recht übersichtlich, verräih nicht nnr des Verf. detaillirte Lokalkenntniß, sondern auch einen gewissen anmuthenden, auf wissenschaftliche Gründlichkeit zurücksührenden Zug Wenn mit den Lokalitäten früher nicht bekannte Leser sich gleichwohl noch nicht zur Genüge orientiren können, so trägt der Verf. mittelbar die Schuld davon, weil er es unterlassen hat, seine Angaben den Lesern zu veranschaulichen durch einen ausführlichen, sorgfältig ausgeführten Plan der Stadt Jerusalem, den wir von vornherein als artistische Beilage erwarteten, und der dem Schriftchen einen bleibenden wissenschaftlichen Werth hätte verleihen können. Vielleicht bereichert der Verf. den zweiten Theil seiner Schrift noch damit. Was wir aber gern lobend an diesem Buche hervorheben, das ist der unbefangene Sinn des Verf., welcher nngescheut ein offenes Auge hat für die socialen und moralischen Krebsschäden des heutigen Jerusalem. Sehr interessante Aufschlüsse giebt uns hierüber das 4. Kapitel, welches über- Haupt das gelungenste und werthvollste der ganzen Arbeit ist.*) Für das so häufig und furchtbar in Jerusalem grassirende Fieber macht der Vers, ganz unumwunden neben der Dürftigkeit der Bewohner ihre Unsauberkeit und verkommene Unfläthigkeit verantwortlich (S. 31). Die statistischen Angaben über den Verbrauch der Chinarinde, als des Remediums gegen Fieber, verdienen wirklich volle Beachtung und Würdigung (S. 36—38). Auch über andere, häufig dort vorkommeude Krankheitserscheinungen wird orientirend in diesem Kapitel berichtet. Bei der Erklärung der Namen bekundet der Verf. oft einen natürlichen, nüchternen Sinu, der aus einen gewissen philologischen Tact schließen läßt. Dahin gehört, was der Verf. S. 4 Anmerkung 1) über שער השבטים sagt. Die früheren Angaben bis auf Binjamin Tudela wissen Nichts von einen! שער השבטים. Wohl aber kennt man seit der Seldschuckenzeit ein באב אל סבאט, hebräisch ,שער האריות ״Löwenthor". Spätere Unwissenheit hat anscheinend in dem arab. טבאם das hebr. שבטים gefunden. Möge es dem Verf. gelingen, bald den versprochenen zweiten Theil folgen zu lassen, möge es aber auch uns gelungen sein, ihn mit Erfolg auf seine typographischen Unterlassungssünden aufmerksam gemacht zu haben! Sohr au O/S., im November 1876. vr. Immanuel Deutsch, Rabbiner. *) So heißt der Held jener Novelle. **) Dies ist etwas unklar, da doch Jacoby sich, wie aus dem Folgenden hervorgeht, vom Gegentheile persönlich überzeugte. ***) Ziegler war Oberbürgermeister von Brandenburg. _ *) Vgl. S. 20-40. Verantwortlicher Redakteur: Dr. M. Stahmer. Druck vonC. Dcharnke in Barby. Verlag von Robert Friese in Leipzig.

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