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Das jüdische Literaturblatt · 1876-11-15 · Nr. 22. (15.11.1876) · p. Seite 86

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
5 (1876)
Issue
Nr. 22. (15.11.1876)
Date
1876-11-15
Page
Seite 86 (sequence 2)
Language
German
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86 gedacht." Und als ich vorhin sagte: es geschehen keine Wunder, es gibt keine Wunder — da haden Sie wohl gefragt: ״fehlt hier nicht ein Wörtchen? mich es nicht heißen: ״es geschehen keine Wunder mehr" — oder sind auch keine geschehen, und wie verträgt sich denn das mit der Religion?" — Sie haben ganz Recht. Im Sprachgebrauch des genieinen Lebens versteht man unter Wunder nicht das, was, nach demselben Sprachgebrauch, ״kein Wunder ist"; die Erörterung über diese Art von Wundern und über die biblischen Wunder gehört, obgleich ich nur über das Wunder, nicht ülW' die Wunder oder gar alle Wunder sprechen wollte, dach in weiterem Sinne zu meinem Thema, und — ich bin auch in der Thal noch nicht mit meinem Vorträge zu Ende. Unter Wunder im eigentlichen, d. h. banalen Sinne versteht man Erscheinungen, welche sich nach den Naturgesetzen über Ursache und Wirkung nicht erklären lassen, gegen diese verstoßen, die nicht allein seiten, seltsam, befremdlich, sondern unmöglich sind, also widernatürlich. Das Wort widernatürlich klingt indcß zu hart, daher haben viele Theologen statt dessen den Ausdruck ״übernatürlich" gebraucht. Ader das ist Spiegelfechterei. Eine Erscheinung ist entweder den Naturgesctzen entsprechend oder gegen sie, ein Drittes gibt es nicht; was von denDingen in der materiellen Welt über die Naturgesetze hinanSgeht, das ist widernatürlich. (Wie das Wort übernatürlich in ander»! Sinne, in Beziehung auf nicht materielle Dinge richtig gebraucht werden kann, davon gleich nachher.) Die Religion sagt nun aus den schon angegebenen Gründen: solche Wunder gibt es nicht, und solche haben nie geschehen können, das Widernatürliche ist ein Unding. Das sagt die vernünftige, die gottenistammte Lehre; denn was von Gott kommt, muß auch vernünftig sein, und was unvernünftig ist, kann nicht göttlichen Ursprungs sein. Aber wenn wir fragen: was sagen dazu die Religionen, die bekannten, vorhandenen, historischen? Dann stellt sich die Sache anders dar. Es versteht sich aber auch von selbst, daß ich nun von diesen Religionen im Einzelnen reden muß. Vorab noch die Bemerkung, daß wir uns nicht etwa auf die einfältige Einrede einlassen, ob denn Gott nicht auch solche widernatürliche Wunder thun könne, ob ihm etwas unmöglich sei. Darauf soll einmal ein Jude, dem man durch diese Frage seine Einwendung gegen die Menschwerdung Gottes abschneiden wollte, gcailtwortet haben: ״Nun freilich, Gott kann alles thun, was er will, aber nicht was du Narr willst." — Das heißt, um die Dissonanz diese! nicht eigentlich vortragssähigcn Grobheit in harmonischer Form aufzulösen: Gott kann alles, was er ivill, aber er will nur, was vernüuftig ist. Also zum Einzelnen. Der Katholicismus, das ist klar, kann ohne ividernatürliche Wunder nicht bestehen. Wie das neueste Dogma etwas Widervernünfliges statuirt, nämlich, daß ein Mensch rmsehlbar sei, so ist es mit allen Dogmen dieser Religion. Sie stützt sich daher aus Wunder und bedarf, um zu leben und sich zu entwickeln, immer neuer Wunder. Das ist'S, waS ich im Eingänge gesagt habe, daß die Jnsceuirung von Wundern durchaus zum Apparat des Katholicismus gehört lind zu seinem MobilistrungSplan, wenn es die Massen zu gewinnen oder zu begeistern gilt. Ich führe nur flüchtig einige Belege an. Je mehr das Christenthum sich von seiner Wurzel entfernte und heidnisch wurde, desto mehr Wunder geschahen. Als Jesus nicht mehr Mensch sein sollte, sondern Gott, da »rußte er ja wunderbarer Weise geboren worden sein und nach seinem Tode wieder anserstehen und Wunder thun. Als man die Götter und Halbgötter den Griechen und Römer in Heilige verwandelte, da mußten diese Heiligen Wunder thun unv es mußten ihre Bilder und Knochen Wunder thun, damit sie sich als halb-göttlich erwiesen. Als nian die Germanen bekehrte und Freia in die Jungfrau Maria verwandelte, da tauchte der Mariencultus auf, die Jungfrau!vard Himinelskönigin nub that Wunder. Als die Slaven bekehrt wurden, und zuni Beispiel ihr Götze Swantefitz jitnt Sanct Vit wurde, da mußten wieder die neuen Heiligen sich legitintiren und neue Wunder geschehen. Als die Priesterherrschast begründet wurde, als gelehrt und geglaubt werben sollte, daß in der Hand des Priesters, aber nur einzig unv allein in der Hand des von Rem geweihten Priesters die Hostie und der Wein sich wirklich verwandle, um täglich neu die Sünder zu erlösen, da »lußte die eonsecrirte Hostie Wunder thun. O dos ist mit Strömen von Blut eingeschrieben in die Geschichte der Juden! Die Hostie war da, den Juden reichte man den Leidenskelch, und er wandelte sich in ihr Blut. (§. f.) Literarische Notizen. Lun Dr. L. Lewysohn, Rabbiner in Slockhotin. (Fortsetzung aus Nr. 15.) 17) Kabbala und Grammatik stehen gewöhnlich nicht auf dem freundschaftlichsten Fuße, gleichwohl zeigt das folgende Beispiel, wie der Kabalist in gründlicherer Auffassung des Gegenstandes seinen systematischen Gegner überholt hat. Bekanntlich wird Ex. 20, 11 כי ששת ימים mit כששת erklärt, so Michlal z. St., ebenso Jbn Esra zu Klaget. 1, 7 und besonders zu Jes. 27, 4; das כ Hütte soulit den Inhalt gar nicht alterirt, dahingegen Sohar zn Hoasinu (S. 575): כי ששת ימים עשה ד׳ את השמים ואת הארץ כי ששת ימים ולא בששת והא אוקמוה, welches der Verfasser des נחלת שבעה (Kellal 0, a zum Schluß) so erklärt, ששת ימים bezeichnet die continuirliche Dauer von 6 Tagen, כששת hingegen soviel wie ״irgend wann im Laufe von 6 Tagen." 18) Die Worte לכך מאשר יושיט לן (®t'tt). 4, 11) bieten den Commentaren eine Schwierigkeit, da die Eonstruction von רכה N'.it vor- oder nachfolgendem מ immer ״anßerdenr", d. h. inrplicile bedeutet, während hier die exclusive Bedeutung gemeint sei, ״der, welchem der König u. s.w. wird nicht getödtet." Ter Biur sieht es sür eine Ausnahme an und sag! והזרים אינן זרות כלען,ץ• och möchte es auf folgende Weise erklären. Das מ von מאשר wird vor לבד zurückgezogen, soviel wie מלכה- Solche Zurückziehungen sind durchaus nicht selten, ich erwähne nur לא ימוש מפר ה תורת הזה מפיך (Jos. 1, 8), wo gewöhnlich erklärt wirb, es sei so viel wie -לא ימוש מכפר ה׳ ת׳ 2ין und in der Thal findet sich im später» Hebraismus כלבה mit völlig exclusiver Bedeutuug und zwar in Dan. 11, 4; da übersetzt Fürst, wie ich glaube am richtigsten, ולאתרים מלכה אלת «kür Andere nicht für jene" (da die Söhne Alexanders getödtet wurden und das Reich nicht erbten), liniere Stelle im Buche Esther bildet also nicht die einzige Ausnahme. 19) Die Dccisoren sind ungleicher Ansicht, ob das Sefirazähleit nach Buchstaben (z. B. ייד für ארבעה עשר u. dgl.) als rituell genügend angesehen werden darf (s. Peri Ehadasch zu Or. Ehaj. §. 489). Ich wundere »!ich, daß hierbei nicht einmal andeutungsweise auf Aden haeser tz. 126, S. 4 hingewiesen wird, da hier sogar bei der strengen Norm des Get die Buchstabenzahl geltend gelassen wird. Der Unterschied in beibcit Fragen läßt sich wohl mannigfach erklären, ich beinerke nur die völlige Unbeachtsanrkeit einer so nah anstreisenden Seit e.

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