Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 5 (1876)
- Issue
- Nr. 22. (15.11.1876)
- Date
- 1876-11-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Das Jüdische Litmlmblitt. Jur BNkuchtung aller Juden- Ihum ». Inden betreffenden titerarischen Erscheinungen auf dem Gebiete der Philosophie,Grschichte,Ethnographie,Lheoioqie, Brientati«, Exegese, Homitelik, Liturgik, Pädagogik. Herausgtgcbcn von Rabbiner Di׳. Moritz Nahmer. ־־><״• Magdeburg, IS. November R87S. Bücher der einschtägigen Literatur, weiche der Ned de» ״Jüd. Kteraturbtatt" in Magdeburg (oder der ״Israet. Ivochenschr." in Stettin);ugrsandt werden, finden in diesem Dtatte eingehende Besprechung. Nr. 22 Erscheint am 1. u lü. des Monats. Preis pro Jahrgang 4 Mark. Für die Abonnenten der ״Israel. Wochen- X ÄrlllpIlrlNll schrift" sdie jährl. 9 Mark kostet) gratis. Zn beziehen durch alle Buchhandlungen; in Leipzig durch Robert Friese. Das Wunder in feinerBeziehung zurReligion Vortrag vom Rabbiner Nr. A. Treuenscls. (Fortsetzung.) Oder ist Plan und Zweckmäßig keit nicht vorhanden, ist Alles nur eine Kette von Zufälligkeiten? Allerdings ist das die Ansicht mancher modernen Forscher, und sie ist alles eher als neu; aber es würde zu weit sichren, wenn ich sie widerlegen wollte, und es gehört auch nicht hierher, da ich ja nicht eine Begründung der Neligionslehre und eine Zurückweisung der Theorien des Atheismus und Materialismus zit geben habe. Hier genügt es, wenn ich den Satz ausspreche: Eine Summe von blind und gebunden waltenden Naturkräften, das ist nicht der Gott, den die Religion lehrt, den unser Herz, unser unveräußerliches Bewußtsein glaubt, denn dieses befriedigt sich nicht bei der Existenz eines Gottes, sondern es sucht eine göttliche Vorsehung, einen Gott, den mir lieben, dem wir vertrauen, zu dem wir beten können; einen Gott, der der Natur Gesetze gab, an ihnen zu ändern, nach Willkür und jedesinaligen Umständen hineinzugreifen, zu verschieben und zu vesetzen, nicht nöthig hat, weil alles ein für allemal und in dem BorauSwissen aller von uns sogenannten Eventualitäten wohl geordnet ist — und der dennoch nicht in den Naturgesetzen gebunden liegt, sondern frei waltet. — Das Wie dieses zugleich freien und gesetzmäßigen Wallens, sagt die Religion, begreifen wir nicht; darum sagt sie, daß Gott kein Mensch sei, und daß dieser ihn nimmer ergründen, sein Thun und Lenken nicht begrifflich so darstellen und nachconstruircn könne, wie ivir dies in Beziehilng auf die Bewegungsgesetze der irdischen und der Himmelskörper wohl vermögen. Und gelangen wir nicht in der Erkenntniß der Naturgeietze, selbst der alltäglichsten Erscheinungen, auch überall an eine Grenze unseres Begreifens, kommen wir nicht, von Ursache zu Ursache fortschreitend, stets an einen Punkt, wo wir ein nochmaliges Wie? Wodurch? Warum? nicht mehr beantworten können? ״Es ist in allen Naturdingen etwas Wunderbares," d. h. es bleibt in ihnen ein Nest von Unbegreiflichem, sagt der alte Aristoteles*). So haben wir auch hier ein Unbegreifliches, daß ist das Wunder, an welches die Religion glauben lehrt, ohne welches sie allerdings nicht bestehen kann, nämlich: Gott, *) Ai'iutot de part. anim. I, 6., durch die Naturgesetze und nach ihnen waltend, und dennoch nicht a n sie und i n ihnen gebunven. Sintemal wir aber im Ebenbilde Goties ge schufen sind, und Göttliches in uns lebt, so haben wir auch eine Gewähr und eine Analogie dafür in uns selbst, in der Thatsache des Bewußtseins unsrer sittlichen Freiheit. Wir können uns den Naturgesetzen nicht entziehen und sind dennoch in unser»! Willen, in unsern Entschließungen frei. Das ist beidemal dasselbe Räthsel und Wunder. Und wer den Gott, den die Religion lehrt, läugnet, der läugnet erfahrungsmäßig auch die Freiheit des menschlichen Willens. Das Eine hängt mit dem Andern zusammen. Ich kam! natürlich auf eine Polemik gegen die alten und die modernen Läugner der menschlichen Freiheit hier nicht eingehen; inan ist uns jedoch, von Epikur und dessen Vorgängern an bis jetzt, jede Andeutung darüber schuldig geblieben, wie man ohne Willensfreiheit vernünftigerweise eine gesetzliche, bürgerliche Ordnung construiren wolle, ja nur eine häusliche, ivie man Kinder erziehen!volle, ohne ihnen zu sagen: ״Ihr seid nicht Thiere, die ma!l durch die Peitsche drejsirt, sondern Menschen, die mit Willensfreiheit und Vernunft begabt sind." Ter Religiös-Gläubige aber weiß sich frei und weiß sich zugleich unter Gottes Leitung; er glaubt an Beides, wenn es auch den Religionsphilosophcn von jeher gar schwierig erschienen ist, beides mit einander zu vereinigen und auszugleichen. Er glaubt ebenso, daß alles, was ihiu und Andern begegnet. Großes wie Kleines, von Gott bestimmt, vorgesehen, gefügt ist, oft wunderbarer Weise, er sieht in allem den Finger Gottes, aber an ein Durchbrechen und Aufheben der Naturgesetze zu seiuen oder Anderen Gunsten oder Ungunsten braucht er darum nicht zu denken. Das ist nun in der That, meine Geehrten, alles, was ich Ihnen über das Wunder in seiner Beziehung zur Religion zu sagen habe. Sie haben nur Allbekanntes und Altbekanntes gehört; von der Prätension, neue Neligionslehren aufstellen zu wollen oder zu können, bin ich wirklich weit entfernt. Ich könnte meinen Vortrag schließen; Sie aber würden dann sagen: ״das Alles bestreitet und bezweifelt ja in der Hauptsache wohl ׳Niemand, der überhaupt an Gott und Vorsehung glaubt: das ist es ja aber auch nicht, was man gewöhnlich unter Wunder versteht, und wir haben über die biblischen Wunder, die doch auch zur Religion gehören oder doch mit ihr in genauem Zusammenhänge stehen, zu hören