Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 5 (1876)
- Issue
- Nr. 21. (1.11.1876)
- Date
- 1876-11-01
- Page
- Seite 82 (sequence 2)
- Language
- German
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82 Zeit war mehr von Aberglauben, Mundersucht, MysticismuS jeder Art erfüllt, als die der niedergehenden antiken Welt, als der Glaube an die allen Götter erloschen war. Um nur eins zu erwähnen: Kaiser Vespasian, der nüchterne, trockene Rechner und geriebene Financier, glaubte sich durch Wuitderkuren legitimiren zu müssen; er hat ohne Zweifel selbst darüber gelacht und dann, ebenso sicher, selber daran geglaubt. Und daß dis Gegenwart wieder diese Vereinigung von Unglauben und Wahnglauben zeigt, das wißen Sie insgesammt. Wir finden beides vereint bei denselben Personen, bei Ungebildeten, Halbgebildeten, Feingcbildeten, ja bei Männern der Wissenschaft. Ich nenne nur Einen: Robert Wallace, der zugleich ein Apostel des Darwinismus und des Spiritismus, de, Geisterklopserei ist. Lassen Sie uns noch eine hierhergehörige Erscheinung in Betracht ziehen. Wir wissen von den bedeutendsten Männern aus verschiedenen Zeiten — ich nenne nur einige allgemein bekannte: Alexander d. Gr., Caesar, Wallenstein, Napoleon — daß sie geglaubt haben, unter besonder rem Schutze der Gottheit zu stehen, daß sie — jeder nach der Anschauung und dem Geiste seiner Zeit — gemeint haben, es walte über ihnen ein besonderer Stern, daß sie nicht gleich dem großen Haufen, den sie tief unter sich erblickten, das allgemeine und gemeine Loos dieses großen Haufens theilten- Ihre Starkgeistigkeit, das Bewußtsein ihrer geistigen Größe hat sie zum Aberglauben geführt. Das ist Dünkel gewesen, und er hat sich an ihnen gerächt, sie sind dennoch in eclatanler Weise der Nichtigkeit aller Sterblichen verfalle». Aber wir werden dennoch diesen Dünkel, dieses stolze Bewußtsein der eigenen geistigen Größe, mit dem ׳; B. auch ein Friedrich der Große ״müde war über Sklaven zu herrschen," nicht mit dem Dünkel etwa eines glücklichen Börsenspielers aus gleiche Linie stellen! Nun lasse» Sie uns von dieser Beobachtung weitere, allgemeine Anwendung machen. Der Mensch, die Menschheit überhaupt hat das Bewußtsein über den niederen Wesen der Schöpfung, über Thier und Wanze zu stehen, und solange der Mensch dieses fühlt und glaubt und nicht dahin gesunken ist oder sich verstiegen hat, daß er sich dem Liehe und dem Strauch gleich fühlt, so lange wird er auch glauben, daß er nicht das Loos der niederen Creatnr theilt, daß über ihm eine besondere Vorsehung, ein besonderes Geschick auch in zuweilen wunderbarer Weise walte, und daß er mit der höheren Weltordnung in einer engeren Verbindung und näheren Beziehung stehe, als Wanze und Thier. Ich brauche Ihnen nun nicht zu sagen, daß die Religion dasselbe lehrt; aber mit der Maßgabe, daß der Mensch sich darum nicht überheben dürfe. Die Religion nimmt diesen dem Menschen innewohnenden Glauben in ihre Eont r o l e und schützt dadurch vor Aberglauben und Wundersilcht. Die Religion lehrt und fordert Vertrauen auf Gott, Hingebung an seine väterliche, unergründlich weise Leitung aller Wesen, aller Kräfte, aller Geschicke, aller Menschen; aber die Welt geht (wie es Israels Weisen ausdrücken) ihren naturgemäßen Gang;*) der Mensch kann weder selbst eingreisen, noch soll er es versuchen durch die von Irr- und Wahnglauben ersonnenen Mittel, noch soll er glauben, daß uin seinetwillen diese Ordnung der Natur gebrochen werden *)עולם כמנהגו נוהג Abod. 3at. 54, b, u. an vielen anderen Stellen. könnte. Ich brauche Ihnen ferner nicht zu sagen, daß es damit nicht in Widerspruch steht, wenn die Religion lehrt, daß Gott zuweilen auf wunderbare Weise rette, helfe, lenke; denn Sie wißen ja, wie in diesem Zusammenhänge das Wort ״wunderbar" zu verstehen ist. Damit stimmt dann der gewöhnliche Sprachgebrauch und sozusagen die tägliche Erfahrung überein. Wenn ein vom Arzt Aufgegebener genest, wenn bei einem Schiffbruch, bei einem Eisenbahnunglück Einzelne dem allgeineinen Verderben entrinnen, wenn ein Kind, aus der Höhe stürzend, unverletzt bleibt — dann sagen wir: es ist ein wahres Wunder geschehen; und die Religion, der Glaube an Gott lehrt, daß nicht Zufall, blindes Ungefähr gewaltet hat, sondern die Vorsehung, der Schutz Gottes; wir werden weiter von den Lehrern Israels aufmerksam gemacht, deß derjenige, dem solch Wunder geschehen, es oft selbst nicht wisse.*) Es ist da also Wunderbares, aber doch durchaus Naturgemäßes: wir hatten es nur nicht erwartet, hätten es nicht so zu fügen vermocht; ״von Gott ist es gethan, wunderbar ist es in unfern Augen!"**) Jeder Schritt von hierab nach rechts oder links führt aus dem von der Religion umschriebenen Gedankreise heraus Nehmen wir an, daß Gott in solchen Fällen gewaltsam ein-, gegriffen und die Naturgesetze durchbrochen habe, so verfallen wir in Aberglauben, in falsche Vorstellungen von Gott; nehmen wir dagegen an, daß nur ein blindes Ungefähr walte, daß zufällig auch das Gegentheil von dem Geschehenen hätte eintreten können, so geben ivir den Gedanken an einen lebendigen Gott auf. Vielleicht fällt Ihnen nun Göthe's Spruch ein: ״Was wär' ein Gott, der nur von außen stieße? —" Gut! ich nehme den Satz an; ich möchte ihn jedoch, der Form nach, umkehren: was wäre das für eine Welt, die nur der Marionette gliche, die man an Fäden und Drähten zieht, einer Maschine, die von außen gedreht und geschoben werden muß; uitd was wäre das für eia Gott, der nur ein solch armseliges Werk zu schaffen vermocht hätte! Aber auch wiederum: was wäre das für ein Gott, der nur die Feder, die Danipf- oder sonstige Triebkraft wäre, die die Weltmaschine in Thätigkeit setzt, ohne Bewußtsein, ohne Wille, ohne Absicht und ohne Ueberlegung?! Wer hat denn die Feder selbst eingesetzt, wer hat die Maschine zweckgemäß nach wohlerwogenem Plane gebaut? (Forts, f.) Literaturberichl. Recensionen. Jokl, D1-. M. Religiös-philosophische Zeitfragen in zusammenhängenden Aufsätzen besprochen. Breslau, 1876. Schletter'sche Buchhandlung, E. Frank. 89 S. gr. 8. Gleiche Waffen in der Hand der Kämpfenden, eine rechte Vertheilung von Licht und Schatten adeln den Zweikampf. Würdig seiner Gegner wie der Sache, die er verficht, tritt Iotzl gewappnet und gerüstet in die Arena. Geist und Wißen, Scharfsinn und Belesenheit, Klarheit und Kraft der Darstellung, ebenso wie vollendete Formgewandtheit zeigen in ihm den echten Schüler Kants zugleich uud der großen Lehrer Jsraels, wie den gleichgerüsteten Gegner Schopenhauers, Strauß's und Hartmann's. Uebcrraschend wirkt die Leichtigkeit, mit welcher häufig wiederholte, sich des Sieges sicher meinende *) אפילו בעל הנם אינו מכיר בנסו Nidda 32, **) Psalm 118, 23.