Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 5 (1876)
- Issue
- Nr. 21. (1.11.1876)
- Date
- 1876-11-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdische Litmtlirblatl. Zur Befeuchtung aller Jude»- thum u. Juden betreffenden litrcarischen Erscheinungen auf dem Gebiete derPhilosvphie,Geschichte,Ethnographie,Theologie, Arientatia, Exegese, Homiletik, Liturgik, Pädagogik. ^_/ Herausgegeben von Rabbiner Di׳. Moritz lahmer Magdeburg, 1. November 1878. Bücher der einschtägigen Literatur, weiche der Red. de» ״Jüd. pteraturbiatt" in Magdeburg (oder der ״Israei. Wochenschr.^ in Stettin);»gesandt werden, finden in diesem Diatte eingehende Besprechung. Nr. 21. Erscheint am 1. u 15« des Monats. Preis pro Jahrgang 4 Mark. Für die Abonnenten der ״Israel. Wochenschrift" (tote jährl. 9 Mark kostet) gratis. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen; in Leipzig durch Robert Fries«. 5. Jahrgang. Das Wunder in seinerBeziehung zurReligio n Vortrag vom Rabbiner Or. A. Treuenfels. (Fortsetzung.) Nun, m. Geehrten, wie stehen wir zu dieser Frage? Wir?! Ich weiß es nicht von den einzelnen hier Versammelten, ich will auch weder das Gretchen spielen, welches die Herren Fauste katechisirt, noch den Faust, der die Gretchen beruhigt. Aber wenn ich fragen könnte, so würde die Antwort wohl nicht ganz gleich und hier und da etwas unbestimmt ausfallen. Selbst der rein naturwissenschaftlichen Seite nach. Denn es gibt am Gedankenhimmel der sonst hellsten, klarsten Köpfe dunkle Punkte, allerlei Glauben an — dieses und je׳ neS, der sich verschanzt und verschleiert hinter Göthe's ״Geheimnißvoll am lichten Tag" u. s. w. und Shakespeare's ״Es ^gibt mehr Dinge zwischen Erd' und Himmel" u. s. w. — Ich aber will nur das Eine hervorheben, daß das Judenthuiit ailf's allerentschiedenste das Alles abweist und mit seinem großen Satze*): ״Ganz sollst Du dem Ewigen Deinem Gotte angehören", sagen will: Du sollst nur an das Walten Gottes und an seine Leitung glauben und keinerlei Wähnen und Wahn von geheimnißvollen Wesen, Kräften, Erscheinungeil, An- und Vorzeichen, Mitteln, Heilungen in Dir aufkomnien lassen, möge man Dir noch soviel erzählen, beweisen und einwenden. Weiter will ich die Thatsache constatiren, daß zwar die Volksmenge der Juden bis in die neueste Zeit hinein ebenso von Wunderglauben erfüllt gewesen ist, wie alle Andern, daß dies aber heutzutage nur von den ins Heidenthum zurücktaumelnden Chassidim gilt, welche allerdings, wie der Prophet**) sagt: ״voll von altem Wahn sind und abergläubisch wie die Philister, und es wimmelt bei ihnen von fremdartigen Ausgeburten." In den Culturländern aber haden, man kann wohl sagen allgemein, auch die orthodoxen Juden den Glauben an Dämonen, Zauberei, Amulete, ExorziLmen u. dgl. befestigt, ausdrücklich oder stillschweigend, durch Stillschweigen. Wenn indessen diese Thatsache auch recht bemerkenswerth ist, so erledigt sich doch damit die Sache noch keineswegs. Dies Preisgeben des auch unter den Juden einst verbreitet gewesenen Glaubens an allerlei ״wunderliche" Dinge könnte *) 5. Buch Mose 18, 13. **) Jes- 2, 6. ja eine bloße Connivenz sein, es könnte ja bei Dem und Jenem nur die Furcht vor der Lächerlichkeit ihn hindern, sich dazu zu bekennen. Betrachten wir also ernstlich die Beziehung des Wunders zur Religion. Zur Religion; d. h. für mich natürlich der Religion nach den Lehren des Judenthums. Kann die Religion die moderne Weltanschauung — selbstredend abgesehen von den vorerwähnten Ausschreitungen in das Gebiet der Leugnung Gottes, des Geistes, der Vorsehung — kann die Religion den Satz, daß die Naturgesetze unabänderlich sind, und daß alles, was geschieht, nur auf natürlichem Wege geschieht, annehmen oder nicht? Anders ausgedrückt: setzt die Religion das Wunder, den Glauben an Wunder voraus oder nicht? Man könnte versucht sein, die Frage in der letzten Fassung zu bejahen. Religion, würde man sagen, kann nichl gedacht werden ohne Glauben, und ״das Wunder", sagt der Dichter, ״ist des Glaubens liebstes Kind." Also ist der Glaube der Vater des Wunders, und das, kann man sagen, ist auch wahr, geschichtlich bewahrheitet. Je gläubiger der Mensch, desto mehr und leichter glaubt er an Wunder; je gläubiger eine Zeit, desto mehr ereignen sich Wunder, desto mehr sieht und sucht man in allem und überall Wunder, desto mehr werden Wunder erzählt, nacherzählt, geglaubt; und so steigert eines das andere: je mehr Gläubigkeit, desto mehr Wunder, je mehr Wunder, desto mehr Gläubigkeit. Aber Sie haben bereits erkannt, daß man in diesem Raisonnement uns an Stelle des Glaubens die Gläubigkeit untergeschoben hat; das ist doch nicht ein und dasselbe! Leichtglänbigkeit, Aberglaube erzeugt Wunder; das Wunder ist des Aberglaubens liebstes Kind, so ist es richtig. Der Aberglaube besteht ja größtentheils darin, daß man Wunder nicht nur sieht, sondern auch sucht; niit dem Natürlichen, Erklärlichen, Einfachen ist dem Aberglauben nicht gedient, er will Dunkles, Unerklärliches, Geheininißvolles, sowie der romantische Schwärmer Abenteuer zu erleben wünscht, nicht das Alltägliche; sowie der Romanleser athemversetzende Berwickelungen und Schauerscenen will, bei der Erzählung vom Gewöhnlichen sich langweilt. Und nun liegt ein solcher Zug zun: Romantischen und Mystischen in uns Allen, denn wir haben nicht blos rechnenden Verstand, sondern auch Phantasie. Ebendarum erzeugt des Glaubens Gegensatz, der Unglaube, j ebenso Wunder- und Aberglauben, wie die Gläubigkeit. Keine