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Das jüdische Literaturblatt · 1876-10-15 · Nr. 20. (15.10.1876) · p. Seite 78

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
5 (1876)
Issue
Nr. 20. (15.10.1876)
Date
1876-10-15
Page
Seite 78 (sequence 2)
Language
German
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- - 7?« — wie in der Wirklichkeit schwer ist — so gewinnen wir einen Einblick in die eigentliche Natur des Gegensatzes. Nicht die althergebrachten Gegensätze von Katholicismus und Protestantismus stehen einander gegenüber, sondern auf der einen Seite steht das im Syllabus ausgeprägte, in der Jnsallibikktät gipselnde, mit Wunderescheinungen operirende alte Neligionssystem — aus der andern die moderne religiöse, vielfach allerdings religionsseindliche, Weltanschauung. Wir haben schon in weiten Länderstrecken säst nur noch diesen Gegensatz von Ultramontanen und ״Freidenkern," d. h. alle Religion Verwerfenden. — Daß es zwischen diesen beide» großen Gruppen Raum für eine Mittelstellung gibt, und daß diese besonvers dem Judenthuni eignet und gebührt, das wird eben einen Angelpunkt meines Vortrags bilven. — Vorerst kehre ich zu den bezeichneten Hauptgruppen zurück. In ihrem Gegensätze spielt das Wunder, der Glaube an Wunder, nicht blos die Rolle eines Symptoms; er ist ein wesentliches Moment; das Wunder ist vielleicht das wes entliche Unterscheidungsmerkmal zwischen jener veralteten und der modernen Weltanschauung. Denn diese, welche vornehmlich von der Naturwisfenschast beherrscht wird, kann das Wunder in dem gewöhnlichen, groben Sinne nicht gelte» lassen. Wenn von Wnndererschcinungen berichtet wird, so fragt man gar nicht »ach der Richtigkeit des Erzählten, es bedarf keines Advocatu8 diaboli, der die Glaubwürdigkeit der Zeugen und des Bezeugten anftcht, es bedarf weder naturwisscnschcrsflicher noch sonstiger Prüfung; es steht der modeinen Anschaunng fest wie ein Axiom, vaß alles, was uns heutzutage von Wundern erzählt wird, entweder auf Lug, auf plumpem oder geschicktem Trug, oder, falls etwas subjeklive Wahrheit vorhanden, aus Sinnestäuschung, Illusion, oder aus Selbsttäuschung, Hallucinalion, beruht. Wissenschaftliche Besprechung und Erklärung der angeblichen Wunder wird mit dankbarenl Interesse entgegen genonimen, aber nöthig ist sie nicht. Es geschehen keine Wunder, ״es geht alles n>lr mit rechten Dinge» zu." Dem geradezn entgegen steht die alle Anschauung, nach der natürliche und übernatürliche Kräfte und Erscheinungen neben einander bestehe», unter einander laufen. Mir der rein naturwissenschaftlichen Seite dieser Fragen habe ich es nun hier nicht zu thun, wohl aber mit der religiösen, mit der Beziehung des Wunders zur Religion. Es ist ja klar, daß die Ansicht über Wunder von bedeutendenl Einfluß aus die religiösen Ansichten ist. Es kommt noch ein, ebenfalls bekanntes, Moment hinzu. Tie nioderne Weltanschauung bestreitet und läugnet nicht blos die modernen Wunder, auch nicht blos die Wunderberichtc der Vorzeit, sondern sie geht in vielen Vertretern einen bedeutenden Schritt — ich aber nenne das einen Sprung — weiter: sie leugnet auch das Walten eines überweltlichen und außerweltlichen Gottes, will nichts gelten lassen, als die sinnensällig erscheinenden Dinge, die materiell wirkenden Kräfte; sie läugnet auch den Geist in der Natur und in dem Menschen und dessen Freiheit; sie bekämpft keineswegs nur den Ultramontanismus, sondern die Religion überhaupt, gefährdet damit aber auch unleugbar, wenigstens in Betreff der Vollsmassen, alle Grundlagen der moralischen und sozialen Ordnung, und liefert, durch die Furcht und den Abscheu vor solcher Ausschreitung und Gefährdung, dem Ultramontanismus seine besten Waffen, seine Verbündeten und sein gewaltiges Maffenaufgebot. Und das ist leider die bedenkliche und beängstigende Seite des Culturkampfes. Diese Bemerkungen genügen wohl um den Satz zu er- Härten, daß der Wunderglaube :inen sehr wesentlichen Frage- und Streitpunkt bei den heutigen religiösen Kämpfen bildet. (Fortsetzung folgt.) Arsinoö (Arnebetb). Die mehr denn 2000-jährige Entstehungsgeschichte der griech. Bibelübersetzung — Septuaginta — liegt noch immer im Dunkel; sie wird zwar von den ältesten jüd., christl. und heidnischen Autoren, aber je in weitauseinandergehenden Verflonen erzählt. Wer das große Ereigniß nach Aufzeichnung in Megilla, Tanit, Sofrim, M. Rabba, Aristeas, Josephus, Philo, Justin, Epiphanius rc. rc. zusammenfassen will, der geräth in ein wahres Wespennest, so daß Ludwig Vives im 16. Jahrh. die ganze Tradition als Mythe darstellte. Wir wollen uns hier ausschließlich mit der talmudischen Relation beschäftigen; aber selbst in dieser stoßen wir ans einen Widerspruch des Babli gegen Jeruschalini. Ptolemäus Philadelphus*) erbat sich vom Hohenpriester Eleaser in Jerusalem 72 jüd. Weiseil, zum Zwecke einer griech. Uebersetzung der Bibel, welche unter großem Aufwands nach Alexandrien kamen, und unter mehreren Abweichungen vom Origii'.ale das ארנבת nicht, wie richtig mit ״Hase", sondern du׳ch Umschreibung, mit ״Jungsühler" (d. h. Schnelllällfer, dessen Füße ewig jung und leicht) Wiedergaben, weil die Köliigin ארנבת hieß, und ver König zürnen könnte, den Namen seiner Gemahlin dem Spotte auszusetzen. Soviel als Lollekt. ans Megilla 9b und andern histor. Schriften, während Jeruschalmi Megilla 1, 11 lautet: weil die Mutter des Königs ארנבת hieß rc. rc. ׳Nun ist es!licht selten, daß die beiden Talmuds halachisch contrastiren. Gesetze sind Ausflüsse der Nothwendigkeit, die nach Zeit und Oertlichkeit ihre Anschauungen wechseln können; anders Geschichte, sie hat keinen Januskops, und ihre Blicke sind nur nach einem Punkte, nach dem der Wahrheit, gerichtet. Ueberdies wissen wir, daß die Mutter des Philadelphus: Berenike, sowie seine Frau: Arsinoö, und keine von beiden ״Arnebet" hieß. Wir nehmen gern Notiz von Landau's Aruch Art. ׳לגא nach welchem man eben nicht beitragen wollte, die befleckte Genealogie des Lagus (Soter) — seine Mutter Arsinotz war nehmlich Maitresse des Königs Philipp, unv Lagus dessen natürlicher Sohn — durch die getreue Ueberietzung ארנבת: Hase (griech. Lagos) in der Bibel zu verewigen, daher die Umschreibung, und es mochte, unsres Erachtens, der neue Name ״Zoter" willkommen gewesen sein, um den ehrenrührigen Namen Lagus zu verdrängen. Mir gehen noch weiter, indem wir die griech. Uebersetzung in jene Zeit verlegen, in welcher Lagus (Soter) und Philadelphlls zusammen regierten — wie auch Eichhorn annimmt — ü. z. um das Jahr 260 v. d. g. Z. zur Zeit als Eleasar zu Jerusalem pontifizirte, und lassen beide Regenten zusammen die Uebersetzung befördern. Wir halten uns zu dieser Annähme um so 'berechtigter, als Plutarch den Lagus (Soter), und nicht den Philadelphus, zur Sammlung aller Bücher der Welt durch Demetrius ermahnen läßt. Auch der Talmud spricht weislich von Ptolemäus תלמי ohne Beinamen, worunter sowohl der Eine als der Ändere verstanden werden kann. — Einen lebenden Zeugen ihrer Gemeinregentschaft gibt noch die Goldmünze, auf deren Avers der Kops Lagus (Soter) mit seiner Gemahlin Berenike, aus dem Revers der *) Meor«Enaji׳n א״ב Cap. 7 wundert es, wie Ptolomäus nach Rom lam? sBr. Rabba cap. 1׳.) Er vergaß, daß auch Cäsarion Mitregent seiner schwelgerischen Mutter Kleopatra, in deren Begleitung er öfter Rom besuchte, ein Ptolomäer war. Fragte ja Kleopatra selber den R. Melr, (Synhedr. 90b), welcher in Rom lebte.

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