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Das jüdische Literaturblatt · 1876-10-15 · Nr. 20. (15.10.1876) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
5 (1876)
Issue
Nr. 20. (15.10.1876)
Date
1876-10-15
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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9 Das MW Litcritmblatt. Zur Beleuchtung aller Judenlhum u. Juden betreffenden titecarischen Erscheinungen auf dem Gebiete derPhiiasopi)ir,Geschichte, Sthnograpkie,Theologie, Arientatia, Exegese, Homiletik, Liturgik, Pädagogik. V_J HerauSgegeben von Rabbiner 1)1׳. Moritz Rahmer Magdeburg, IS. Oktober 1876. Bücher der einschlägigen Literatur, welche der Red. de» ״Jüd. Vteraturbiatt" in Magdeburg (oder der ״Israel. Wochenschr." in Stettin);«gesandt werden, finden in diesem Platte eingehende Besprechung. Nr. 20. Erscheint am 1» u 18. des Monats. Preis pro Jahrgang 4 Mark. Für die Abonnenten der ״Israel. Wochenschrist" (die jährl. 9 Mark kostet) g r a t i s. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen; in Leipzig durch Robert Friese. 5. Jahrgang Das Wunder in feinerBeziehung zurReligion. Bortrag vom Rabbiner vr. A. Treuenfels.* *) Hochgeehrte Versammlung! Wer einen einzelnen Vortragzu halten hat, zumal vor einem Kreise, dem er fremd und unbekannt gegenübertritt, der wird bei der Wahl seines Themas wohl darauf sehen dürfen, daß es von vornherein die Aufmerksamkeit der Zuhörer erregen könne, also daß es interessant sei, oder zeitgemäß, oder noch bester: beides zugleich. Da einem intelligenten Publikum in Berlin interestant nicht gleichbedeutend ist mit ainüsant, so ist das von mir gewählte Thema vielleicht ein inlerestantes. Das Urtheil darüber steht Jhiten zu, mcht mir. Aber ist es zeitgemäß? — Wäre in Israel noch Alles so wie vordem, da man z. B. keine andere Zeitgemäßheit kannte als die durch den jüdischen Kalender bestimmte, so würde ich nur mit einem Winke anzudeuten brauchen, daß mein Thema ganz zu dein diesmaligen Wochenabschnitt**) paßt. Heutzutage wäre aber eine solche Berufung auf den jüdischen Kalender (außerhalb der Synagoge) ebenso unzeitgemäß wie die Voraussetzung, daß sie ohne Weiteres Allen verständlich sein würde. — Ich glaube aber die Zeitgemäßheit meines Themas anderweitig begründen zu könne». Die religiösen Fragen, Bewegungen, Wirren stehen zur Zeit im Vordergründe aller geistigen Jnteresten. Vor fast vier Jahren, bald nach den! Beginne des Kanipfes, der seitdem als ״Culturkamps" bezeichnet wird, hat der Minister Falk gesagt: ״Der Erdball zittert von der kirchlichen Frage." Das war schon damals wohl eine rednerische aber keine sachliche Hyperbel; sie würde es heute noch weniger sein. Welche Wunder erleben wir! Gestern vor fünf Jahren ist in Versailles das deutsche Kaiserreich ausgerichtet worden; heute vor fünf Jahren wurden die letzten gewaltigen Schlachten vor Paris, im Cjien und Norden Frankreichs geschlagen; Großes war erreicht. Unvorhergesehenes, Ungeahntes; glänzende Ideale waren verwirklicht, über alle Erwartung weit hinaus. Aber ebenso unerwartet und ungeahnt sind seitdem religiöse Wirren über uns hereingebrochen. Wer hätte damals, als Katholiken, Protestanten, Juden, Dissidenten neben und für einander kämpften und sielen, als alle Unterschiede der Religion, des *) Gehalten in Berlin, zum Besten des ״Coiuitö sür Errichtung jüdischer Waisenhäuser in Palästina" (am 19. Januar 1876). *) Waera; 2. Mos. Cap. 6—9, Erzählung der egyptischen Plagen- Staiilines, Ranges und Standes vcrgestcn waren, wer hätte damals all das Hadern und Hetzen voraussehen, ja ahnen können, welches das kaum Geeinigte wieder zu zerreißen droht? Und wenn wir, statt nur um ein halbes Jahrzehnt, um ein halbes Jahrhundert zurückgehen, als Katholiken und Protestanten in Gegenden gemischter Bevölkerung so einträchtig bei einander wohnten, daß man kaum mehr nach dem Bekenntniß fragte, als freisinnige Theologen die Kanzeln, Lehrstühle, Bischofssitze innehatten; wenn wir noch weiter zurückblicken in die Zeit Friedrichs des Großen, Lejsings, GötheS, da man glauben konnte, daß ״die Fabel", von der Papst Leo X. sagte: ״sie hat uns vre^ genützt", bald endgültig unter die Fabeln verwiesen sein würde — wer hätte da ahnen können, daß heute, nach und neben und trotz gewaltigen Fort» schritten. Millionen dem Ultramontanismus mit Leib und Seele ergeben sein würden, und die Curie sich aufraffen könne, allen Errungenschaften der Cultur den Kamps auf Leben und Tod zu erklären! Von dem aber, was hierbei besonders augenfällig hervortritt, mag kaum Etwas mehr in Erstaunen versetzen, als der mit Erfolg unternommene Versuch, den Wunderglauden an den allbekannten Orten, Personen u. s. w. wieder zu erwecken. Geschichtskundige können darüber freilich ni cht erstaunt sein, denn diese wissen, daß solche Wiederbelebung mittelalterlichen Spuks zum Feldzugsplane, zur Mobilmachung gehört. Ich komme noch darauf zurück. — Genug, man hält es auf der Seite für zeitgemäß, das Wunder wieder spielen und wirken zu lasten. Nun ist es freilich nicht eigentlich dieser Umstand, der mir mein Thema an die Hand gegeben hat, denn ich werde ja nicht etwa über die Nichtigkeit der Wunder von Lourdes rc. reden wollen oder darüber, daß diese Wunder mit dem, was mir Religion nennen, in keiner Beziehung stehen. Was könnte überflüssiger sein?! Aber daß dies für uns und so Viele mit uns ganz überflüssig ist, davon gehe ich aus und komme so, von diesem Punkte aus, auf einem anderen Wege zu meinem Thema. Immer deutlicher tritt zu Tage, daß die in den Culturkamps verwickelte Menschheit in zwei Hauptgruppen auscinandergeht. Es eoaliren sich innerhalb dieser Gruppen wohl recht verschiedenartige, religiöse, politische, nationale und soziale Parteien, aber wenn wir diese fremdartigen MischungSbestandtheile ausjonder» — was in der Idee ebenso leicht,

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