Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 5 (1876)
- Issue
- Nr. 19. (1.10.1876)
- Date
- 1876-10-01
- Page
- Seite 74 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/5367336-5990818-5990989--0621-5367647- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
74 Aber wie wir bereits') andeutungsweise nachzuweisen versucht haben: Der Begriff des höchsten Wesens in noch von keinem philosophischen Werke in solcher E7)abenheit aufgefaßt worden, als von der Bibel. Die Einheit Gottes, der Jrrthuin, außer ihm noch eine Gottheit, eine Kraft, anzuerkennen, ist so deutlich ausgesprochen, daß nicht der reine Monotheismus des alten Juden bestritten, sondern nur eine Erklärung für die Bezeichnung ״Elohim" gefordert werden kann. Das ewige Wesen erschien Moses (II 3 14.) als das, ״das sein wird," mithin als unveränderlich, nicht an Zeit und Raum gebunden; als solches (.1• Gebot), das durch kein irdisches Bild aufgesaßt, mithin unseren Sinnen nicht zugänglich, nur negativ, als über die Grenze der menschlichen Erkenntniß stehend, erfaßbar erscheint. (Ihme.) Elohim ist dasselbe, wie ausdrücklich 5 B. V. 39 (u. A. auch Psalm IVO P. 3. ״Jhwe das ist Elohim") Warum aber zwei Bezeichnngen für diese Gottheit? Warum die in ihrer Bedeutung noch nicht erkannte Bezeichnung Gottes bald als Elohim, bald als Jhwe? Wie lohnend es ist, dem Sinne jedes Wortes der Bibel nachzusorschen, zeigt das Studium der großen Lehrer, z. B. Raschi's, Maimonidcs. Ueberall besteht ein sehr bestimmter Gedanke, wenn der Text einmal dieses Wort braucht, ein andermal ein anscheinend homonymes setzt. Aber eben den Original-T e x t muß man Nachsehen und nicht durch Uebersetzungen verleitet Urtheile über den Sinn von Bibelstellen fällen, die ganz anders lauten würde», wenn sie richtig übersetzt werden könnten. Setzen wir für Gott einmal immer die bestimmten Bezeichnungen Jhwe und Elohim, da wo sie im Hebräischen stehen und ein durchgreifender Unterschied im Sinn wird bald klar werden. ') Die Bibel ist, wie die Alten sagten, in der Sprache der Menschheit geschrieben. Auch Weiber und Kinder sollten sie lesen und die Wahrheiten derselben in einer ihnen verständlichen Weise auffasien. Da nun aber Alle die Gesetze, die den Menschen zu einem Menschen machen, die göttlichen Gesetze, die wie Moses lehrt, im Herze» eines Jeden geschrieben stehen, sind von Jehovah selbst gegeben. Bon ihm kann man sich aber kein Bild machen. Die Welt zeigt eine Entwickelung, läßt eine Schöpfung annehmen. Das Unveränderliche kann aber niemals etwas hinzugesügt oder hinweggenommen haben. Das Böse ist in der Welt, nach menschlichen Begriffen. Alle Religionen sonst haben ein gutes und böses Princip angenommen, ja unter uns hat sich Stewart Mill öffentlich als Anhänger des alten persischen Glaubens zu erkennen gegeben. Wie läßt sich eine Annahme voi« verschiedenen Principien aber mit der Eiitheit Gottes vereinigen? Deshalb mußte die Bibel eine pluralische Bezeichnung Jhwe's ausnehmen. Elohim sind die Kräfte, die sich anscheinend bekämpfen. Recht und llnrecht, Gut und Böse. Sie sind die Regierenden, wie sie noch gradezu für ״Richter" (insofern sie die göttliche Gerechtigkeit erfüllen) gesetzt werden. Prüfen mir von diesem Gesichtspunkte aus die einzelnen Stellen des Pentateuch, so fällt uns gleich derAnsang auf. Nur >) Jsr. Literaturblart Nr. 7 und 9. 1876. ״ ףEngel" findet sich nirgends in der Bibel. Nur ״Bote" oder ״Sendüng", durch Menschen oder Erscheinungen bewirkt, die an sich nichts Naturwidriges haben. Elohim konnte die Entwickelung der Welt vermitteln. Sie schufen den Menschen nach ihrem Bilde') (eigentlich vielleicht ״Schalten" wie im 39 Psalm B. 7), und so daß also dem Menschen die göttliche Eigenschaft zugesprochen würde, sich nur aus sich selbst, aus dem eigenen Gefühle sür Recht und Unrecht bestimmen zu können.') Wie er so eine sterbliche ״Gottheit" sür sich würde, ist durch die Erzählung vom Sündensall dahin erklärt, daß er durch die erste Abweichung von der ihm innerlich vorgeschriebeneil Norm zum Bewußtsein seiner Natur kam, der dann freilich nichts mehr fehlte, wie die Ewigkeit, uni in! philosophischen Sinne ein ״Gott" zu sein. Auch der gebräuchliche Zusatz bei Moses, der ״Knecht Jhwel/s" und der ״Mann Elohim's" ist in unserem Sinne zu deuten. Wir wollen die Beispiele nicht vermehren. Es ergiebt sich aus dem Borhcrgehendeil in welcher Weise die Bibel dem ungelösten Welträthsel näher getreten ist. Menschliches Gehirn und Sinn köilnen nur Theile der Materie und der Kräfte auffaffen. Aber der Geist, der über den Urftoffen webte, hat, wie die Schöpfung es darstellt, den Menschen direct erfüllt, Nicht, wie Darwin') will, aus Ent- Wickelung von niederen Thierklaffen aus, sondern ganz eigenthümlich geschaffen und außerdem noch durch dem göttlichen Odem direci belebt, hat das ״Bild Gottes" den unbezähmbaren Drang, sich ein ״Bild Gottes" zu schaffen, sich das Uebersinnliche zu erklären. Wozu ist das Böse? Warum sind Zeit, Raum, über- Haupt Beschränkungen, sür den Menschen vorhanden? Warum ist nicht alles, was denkbar ist, gleichzeitig und an demselben Orte vorhanden? Diesen unlogischen Fragen nachzudenken, verbietet das Gebot: Du sollst Dir kein Bild machen. Unr aber Gott in der Welt zu verstehen, spricht sie von' Elohim, dem richtenden und strafenden (מדת הדין) , von dem gütigen, langmüthigen El, von dem barmherzigen Jhwe (מדת הרחמים), von dem allmächtigen, dem eifervollen Gotte, neben dem es keine Elohim giebt. Man könnte glauben, daß der Standpunkt der Bibel ein alter, überwundener wäre. Im Pentateuch sinden sich ja sogar anscheinend Fortschritte der Anschauungsweise. Jndeß wenn nach Zöllner eine Wahrheit um so gewiffer ist, je größer ihr Alter, wenn der Gedanke des Genie's allen nachfolgenden Generationen zu denken giebt, so brauchen mir bloß anzunehmen, daß die Bibel solche geniale Ausfaffungen, soche sich blitzartig dem Einzelnen ausdringende Wahrheiten enthält. Dann werden wir das Studium der Bibel über Homer, Shakespeare rc. nicht vernachlässigen. Das Alter gewiffer Wahrheiten z. B. der zehn Gebote, der Speisegesetze') spricht für die Wahrheit צלם (י daher irrthümlich von Maimonides als ״Wesen" ausgcsaßt (Guide des egares II.) J) Die Herrschaft über die Thiere ist ein Fol ge, nicht dos Wesen der Gottühnlichkeit. Wer das Gefühl sür Recht und Unrecht, sür Gut und Böse, da» Wahre und Falsche in seiner Brust trügt, der herrscht eben über das Lhierijche, namentlich das Thier in ihm selbst und auch über die Menschen, weiche sich nicht allein bestimmen können, wie man das z. B. noch vielfach von allen Negern »c. behauptet. ') Die Bibel steht direct im Gegensatz zu Darwin. Sie nimmt an, daß cs keine Anpassung giebt, sondern ״Jedes nach seiner Art" bleiben muß, jede Abart aber untergeht, wie denn auch alle Mischungen von Moses direct verboten sind ') cf. Virchow't Archiv 52 Bd. Zur Fleischschau.