Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 5 (1876)
- Issue
- Nr. 18. (15.9.1876)
- Date
- 1876-09-15
- Page
- Seite 70 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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70 stens als eine auffallende Lücke, wenn der Bericht, der die Erfindung für des Leibes Hülle der Erwähnung werth hielt, nicht gedenken sollte der Hülle des Gedankens? Der der Erfindung der Musikwerkzeuge einen Platz gönnt, sollte kein Wort haben für die nützlichste und unentbehrlichste aller Tonschöpsungen — der Sprache?" Da aber die Sprache keine menschliche ״Erfindung", so find solche Fragestellungeil von vornherein nicht anl Platze. Nt כראי Nt לא ראי. Die Bibel gebe über die ersten menschlichen Erfindungen wohl Rechenschaft — die Sprache aber gehöre nicht zu den Erfindungen. Allein auch von einer ersten menschlichen ״Sprachbildung" kann man im biblischen Sinne nicht reden. Sagt ja doch schon selbst Max Müller (Vorlesungen über die Wissenschaft der Sprache, Deutsch von Böttger zweite Auflage Seite 339): ״Der Mensch war in seinem vollkommenen Urzustände nicht, wie die Thiere, allein mit dem Vermögen begabt, seine Empfindungen durch Jnirjectionen und seine Wahrnehmungen durch Onomatopoejie auszudrücken; er besaß auch das Vermögen, seinen abstracteu Vorstellungen einen bester, feiner ar ticulirten Ausdruck zu geben. Dieses Vermögen hatte er nicht selbst herangebildet." Diesen Gedanken, nur noch etwas potencirt, wollte die heil. Schrift ausdrücken, wenn sie weder von einer Spracherfindung noch Sprachbildung des Menschen redet. Aus der bildenden Hand der Vorsehung ist der Mensch denkend hervorgegangen, Gedanken setzen aber Sprache und Worte voraus. Man kann, wie ich bereits hervorgehobeli, in Hinsicht von Sprache und Denken, Fähigkeit von Thätigkeit gar nicht trennen. Das noch nicht sprach- und denklhätige Wesen war so wenig Mensch, wie etwa jenes, welches noch nicht aufrecht ging. Derartige thierische Ent- Wickelungsperioden zum Menschen will eben die Bibel nicht gelte» lasten, und sie^schweigt deswegen über den Zeitpunkt, da der Mensch reden hat angefangen, wie sie von der Zeit schweigt, da er noch nicht ausrecht hatte 'gehen können, unr das Beispiel W.'s selber zu benutzen. Ueber einige Jrrthümer Ln den Midraschim. Es ist merkwürdig, mit welcher Unachtsamkeit und Gleichgiltigkeit die Abschreiber den ihnen überlieferten Stoff Handhabten. Als Beleg hierfür diene einer der bekanntesten Midraschim, dessen relativ sicherste Leseart wir in Wajikra rabba cap. 32, Abschn. Emor, gg. Ende, finden. Da heißt es: 'ר הונא אמר בשם בר קפרא בשביל ארבע דברים נגאלו ישר' ממצרים׳ שלא שנו את שמם ואת לשונם ולא אמרו לשון הרע ולא נמצא ביניהן אחר מהן פרוץ ערוד" לא שנו את שמן, ראובן ושמעון נחתין ראובן ושמעון סלקין׳ לא היו קורץ ליהודה רום׳ ולא לראבן ליליאני ולא ליוסף ליסטים ולא ״ לבנימין אלכסנדר׳Rabb Huna spricht int ׳Rainen Bar Kappara's: Wegen vier Dinge ist Israel aus Aegypten erlöst worden; es hat nicht Namen und nicht Sprache verändert. Als Rubeit und Simon zog es (in Aegypten) ein, als Rüben und Simon zog es aus. Man nannte Jehuda nicht Ruf (us) Rüben nicht Lilion, Joseph nicht Leftes, Benjamin nicht Alexander u. s. w." Es muß hier vor Allem bemerkt werden, daß*) der Sittenrichter R. Huna nicht so sehr gegen die Sitte, fremde Namen anzunehmen, geeifert hat, da diese Sitte von jeher in Israel üblich war, als daß er hier den Abfall im Allgemeinen, wozu dazu auch die allzugroße Sucht nach fremden 'Namen gehört, rügen wollte. Daß es nicht die fremden Namen allein *) Wie Zunz: ״Namen der Juden" nachgewiesen. waren, die ihn zum Tadel veranlaßten, beweist der Umstand am besten, daß sowohl der Sittenrichter selber, R. Huna, sowie sein Gewährsmann, B. Kappara, fremde Namen tragen. — Sehen wir uns nun die Namen, wie sie uns in diesem Midrasch vorliegen, an. Offenbar kann es dem Zufalle nicht überlasten bleiben, daß im Allgemeinen sich der so. Jener anders nannte, und sich und seinem Kinde einen Namen gab, der ihm zufällig gefiel, auch scheint es nicht wahrscheinlich, daß Rabbi Huna oder sein Gewährsmann Namen nannte, die ihm im Eifer der Rede i» den Mund gerietheu. Es scheint vielmehr die Annahme gerechtfertigt, daß bei Veränderung der jüdischen Namen in fremdländische (griechische, röm., pers. rc) irgend ein Princip und nicht Willkür geherrscht haben muß. Ist dem so, wie kommt Juda zu Ruf (us), Rüben zu Lilian, oder gar Jofef zu Lestes, Benjamin zu Alexander? Man wird um nicht viel klüger, wenn man die Parallelstellen vergleicht*) Die wichtigste Parallelstelle ist die in Schir-Hajchirim rabba, welche sowohl dem Inhalte wie der Form nach unserer Stelle vollkommen entspricht. Nur zwei Worte sind da geändert. Da heißt es: ,״ ולא היו קורץ לראובן רופוםRüben nannte man nicht Rufus ולשמעון לא היו קורץ ליליאנו Simon nicht Lilian." Obwohl diese Verschiedenheit hier nicht viel besagt, da es hier wiederum fraglich ist, wie Simon zu dem ׳)kamen Lilian kommt, gibt sie uns doch das Drittel zur leichten Löfuug der Jrrthümer an die Hand. Es scheinen nämlich dem Autor Bar Kappara 3 Arten, wie Namen modernisirt wurden, vorgeschwebt zu haben. 1) Der ungefähre Gleichklang des alteil jüdischen Namens mit dem neue». 2) Anspielungen auf die in der Bibel den Söhnen Jakobs beigelegten Epitheta. 3) Die Rücksicht auf Rang und Stellung, die der Nainensträger bekleidete. — Die erste Art findet Anwendung bei Rüben; ihn hatte man nicht RufuS genannt. Hier sind die zwei ersten Buchstaben Ru, theilweise auch der dritte (die Lippenlaute פ-ב) gleich. Die Leseart in Schir-Haschirim ist ' darum richtig und inuß auch demgemäß in unserer Stelle Wajik. rab. יהודה in ראובן umgewandelt werden. Die zweite Art/ der ')!amenmodernisirung findet bei dem zweiten und dritten der angeführten Namen Anwendung. Daß Jehuda: Lilian — Leon genannt wurde und noch wird, ist bekannt und findet in der Bibel נור אריה יהודה hinreichenden Erklärungsgrund. In unserer Stelle Waj. rabb. scheinen nun offenbar die Namen vertauscht zu sein. Setzt man statt ראובן den Namen יהודה und umgekehrt dann hat die Namensänderung guten Sinn. Rüben — Rufus, Jehuda — Leon.**) Schwieriger ist die dritte Namensänderung Josef sollte Lestes heißen.***) Was wir oben mit dem ersten und zweiten )Kamen, ohne Zweisel mit Recht thaten, dürfen wir auch hier thun. Wir miisten auch hier בנימין an Stelle יוסף und umgekehrt setzen. — Es heißt dann לא לבנימין לסטים ולא ליוסף אלכסנדר׳ Benjamin heißt nicht Lestes — )0׳i3t׳K als Anspielung auf בנימין זאב יטרף• Man kann freilich dagegen sagen, daß ״Räuber" doch kein Ehrenname sei und daß, wenn ihn Einer einmal gehabt, er ihn eher vergesten machen als hervorsuchen wird. Man m>lß aber dabei bedenken, daß es den! Sittenrichter hier nicht um die Wirklichkeit zu thun war, ob wirklich Einer einmal die Abgeschmacktheit haben werde, sich Lestes zu nennen, ihm war es darum zu thun, die allzugroße Sucht nach fremden ')iamei» durch Spot! zu geißeln und lächerlich zu machen. Der Anhaltspunkt, daß sich Benjamin ״Lestes" nennen könne, war ja in der Bibel gegeben — das diente seinem *) Parallelstellen sind: Scheinst rabba c. 1, Bamidbar rabba c 20 Schir-Haschirim rabba zu St. 4 SJ. 12 Andere Parallelstellen, die Zunz das. sltzcsammelte Schriften 2. 18) ansührt, sind mit nicht zugänglich. — Ausfallend ist, dah Zunz die auch für seinen Zweck wichtige Stelle in Schir-Haschirim nicht angiebt. י") In, Schir - haschirim rabba muß natürlich anstatt שמעון Juda gesetzt werden. ***) Zunz das. Seit« 10 führt unter den ihm unverständlichen Namen auch לסטיס an׳ weih damit aber gar nichts anzufangen. —