Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 5 (1876)
- Issue
- Nr. 18. (15.9.1876)
- Date
- 1876-09-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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V- Das - MW ätcratiirtilnlt. 3ur Dtlruchtung adtr Judenthum u. Juden betreffenden titerartschen Erscheinungen auf dem Gebiete der Philosophie,Geschichte,Ethnographie,Sheoiogir, -rientati», Exegese, Homiletik, Liturgik, Pidagogik. _/ Herausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Rahmer Magdeburg, IS. September!87«. Bücher der einschtogigen Literatur, welche der Ned de» ״Jüb. ffiteraturblatt" in Magdeburg (oder der,Israel. Wochrnschr." in Stettin) ,ugesandt werden, finden in diesem Hlatte eingehende Besprechung. Nr. 18. Erscheint am 1. u 18. de» Monats. Preis pro Jahrgang 4 Mark. Für die Abonnenten der ״Israel. Wochenschrift" (die jährl. 9 Markkostet) gratis. Zu beziehen durch all« Buchhandlungen: in Leipzig durch RobertFries«. l»l-1 ״ ■ 1 ■ י ״» 5. Jahrgang. Zum Ursprung der Sprache. Von Rabbiner 0r. I. S. Bloch. Gegen meinen in Nr. 4 d. Bl. unter gleicher Ueberschrift veröffentlichten Artikel ließ der inzwischen leider verstorbene College vr. Wallerstein eine Erwiderung, resp. Rechtfertigung seiner im Januarhefte der Grütz'schen Monatschrift dargelegten Ansicht in Nr. 15 d. Bl. erscheinen. Lediglich in wiffenschaftlichem Jntereffe will ich in möglichster Objectivität die Frage nochmals einer Erörterung unterziehen. Zunächst die formelle Richtigstellung, daß der selige Wallerstein im Jrrthum war mit der Annahme, meine Auseinandersetzung in jenem Arliket kehre sich bl öS gegen die kleine unbedeutende Notiz in der Monatsschr. Es gilt vielmehr eine Beantwortung der von Jacob Grimm und Max Müller aufgeworfenen Frage: warnm die Bibel das Problem vom Ursprunge der menschlichen Sprache nicht zu lösen suchte? Mir erschien eine richtige Beantwortung dieser Frage nicht unwerth eines großen Artikels, namentlich daun nicht unwerth, wenn wir Gelegenheit haben zu bemerken, welch hoher echt biblischer Gedanke in diesem auffälligen absichtlichen Schweigen sich birgt. Hat nun die heilige Schrift damit sagen und lehren wollen: ״Sprache und Denken haben für den Menschen keinen zeitlich bestimmbaren Ursprung, sie bilden Bestandtheile seines mensch-׳ lichen Seins und sind so alt wie er selber", so ist das die schönste, die am tiefsten durchdachte Lösung und Erklärung jenes räthselhaften Schweigens, der gegenüber jeder andere, namentlich aber die von Wallerstein versuchte, zurückstchen muß. Die Behauptung des seligen Wallerstein: ״Man kann ganz und gar der Ansicht sein, daß die Denkthätigkeit und Sprache ein nothwendiges menschliches Attribut sei, und doch die Frage aufwerfen und zu lösen suchen, wie aber bildete sich nun dieses denkfähige und zur Sprache veranlagte Geschöpf seine Sprache?" — scheint niir nicht gut durchdacht und überlegt. Mit gleicher Berechtigung hätte man die Frage aufstellen können: Wie bildete der denkfähige und zum Denken verantagte Mensch sein Denken? Zwischen Sprach sä hi gkeit und Sprachthätigkeit ist ebensowenig ein sachlicher oder zeitlicher Unterschied anzunehmen, wie zwischen Denkfähigkeit und Denkthätigkeit. Der denkfähige Mensch denkt auch — ein denkfähiger aber nicht denkender Mensch ist undenk^r — und der sprachsähige spricht immerdar, gleichwohl oveeise oder laut, ob zu Anderen oder zu sich selber. Denn, wie ich in dem früher» Aufsatze deutlich sagte, ״das Denken besteht überhaupt aus Worten, es ist ein leises, unhörbares Reden." Die in etwas zu leichtem Tone hingeworsene Frage ״Mit wem hat denn Adam gesprochen vor der Schöpfung des Weides?" — hatte schon in meinem ersten Artikel seine gebührende Antwort: ist das Denken Nichts als ein leichtes Reden so hat Adam zu derselben Person gesprochen, zu der er gedacht: zu sich selber! Sollte wirklich erst Eva seine Gedanken und seine Zunge vom Banne der Unbeweglichkeit gelöst haben? War die Namengebung, wie Wallerstein in Verkennung der secundären Bedeutung des Nomen im ganzen SprachorganismuS annimmt, die erste menschliche Sprachthätigkeit, so hat ja guch Adam allein, nach Gen. 2, 19. 20, noch bevor ihm das Weib geschaffen, allen Thieren des Feldes uild allen Vögeln des Himmels Namen gegeben, und W. hätte eigentlich auch sich selber die Frage zu beantworten: mit wem hat Adam gesprochen vor der Schöpfung des Weibes? Mein Einwurf, warum der Bericht über den Ursprung der Sprache nicht erst nach der Schöpfung des Weibes gegeben sei, um auch sie an diesem Verdienste participiren zu lasten, hat ebenfalls keine durchgreifende Widerlegung gefunden. Denn, selbst angenommen Gen. 1, 27—28 setzte wirklich den II, 18—23 gegebenen Bericht voraus — welche Ansicht ich übrigens schon seit lange auf Grund eingehender bibelkritischer Erwägungen nicht mehr hege — ich sage, selbst angenommen, der Bericht des 1. Ka׳ pitels setzt den des 2. Kapitels wirklich voraus, so wird ja in II, 18—23 ausdrücklich die Namengebung auf den noch alleinstehenden Adam zurückgeführt. Man müßte denn auch hier, in dem Berichte selber, mit den Versen experimentiren, einige heruntersetzen und andere hinaufschieben, uitb das Alles, um in der heil. Schrift eine Lösung zu finden für Etwas, was ungelöst und ungesagt noch schöner ist. Gefreut hat mich, in dem Artikel auf folgenden Satz zu stoßen: ״Ich halte dafür, daß von ״Erfindung" der Sprache ebensowenig kann geredet werden, wie von Ersindung des Gehens oder Lachens." Das ist schon ein bedeutendes Zugeständniß, der Artikel im Januarhefte der Grätzschen Msch. zeigt noch nicht diese Anschauung. An dieses Moment hatte er überhaupt nicht gedacht, Wallerstein will allerdings dort blos von ״Sprachbildung" geredet haben, es wird jedoch noch in jenem Aufsatze als auffällig gefunden, wenig.