Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 5 (1876)
- Issue
- Nr. 11. (1.6.1876)
- Date
- 1876-06-01
- Page
- Seite 42 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 42 berührt, ihr Interesse für das städtische Gemeinwesen ab, desto mehr steigerte sich aber auch das Verlangen, die kurze Zeit möglichst auszunützen. Was Wunder, wenn der Judenhaß dadurch gesteigert wurde? WaS Wunder, daß der Klerus, der in den Gemüthcrn immer mehr an Boden gewann, die unglückselige Lage der Heimathlosen »nd nur durch besondere widerrufliche Gnade Geduldeten dazu benutzte, die niedrigsten Volksleidenschaften gegen sie auszusiacheln? Ist es auch wahr, daß die Juden sich hohe Zinsen geben ließen, die sich, falls im Laufe des Jahres keine Zahlung erfolgte, aus mehr als fünfzig Procent erhöhten, so darf man nicht vergesien, daß dieser Zinsfuß der ausdrücklich gesetzlich normirte war, so muß man auch das Risico in Erwägung ziehen, dem sie sich insofern beim GeldauSleihen aussetzten, als sie die Schuld nach Ablauf der ihnen gewährten Aufenthaltsfrist nur mit großen Mühen und Opfern wieder eintreiben konnten. Und um die Hauptsache nochmals zu betonen: Nach den ihnen ausgestellten Privilegien war ihnen nur gestattet, in der Stadt zu ״wohnen, stehen, gehen, sitzen, esien, trinken, schlafen, wachen, ihr Geld auszuleihen und wieder einzufordern." Von allen andern bürgerlichen Erwerbszweigen schloß sie der Neid der Zünfte und der Kauf:, annschaft völlig aus. So fehlte es in Breslau im 14. und 15. Jahrhundert wenigstens nie an Belästigungen und kleineren Unannehmlichketten. Verderblich wurden die Reibereien erst in der Mitte des 15. Jahrhunderts durch den Franciscanermönch Johann von Capistrano, den der Fanatismus gegen die Ketzer, christliche und andersgläubige, bei dem päpstlichen Stuhl in so hohes Vertrauen gesetzt hatte, daß ihm der ehrende Auftrag wurde, alle Ketzereien in Deutschland gründlich ausz>»ro««-n Er war ein Mann, der in erschreckender Weise durch seine Beredtsamkeit und feinen Feuereifer auf die Massen zu wirken verstand, und Christoph von Varisio berichtet bezeichnend genug, daß die Juden bei der bloßen Nennung des Namens Capistrana vor Furcht erbebten. Was er hierorts angerichtet, ist bekannt genug. Die Juden wurden in üblicher Weise der Hostienschändung bezichtigt, sämmtlich ins Gefängniß geworfen, ihr Hab und Gut consiscirt, 41 auf dein Salzring (jetzt Blücherplatz) verbrannt, die übrigen vertrieben. Der fanatische Priester sah aus dem Fenster des Hauses Blücherplatz 9 auf die schauerliche Execution herab. Bis vor wenigen Jahren war das Haus durch ein schwarzes eisernes Kreuz gekennzeichnet. Als die Jude!! im Begriff waren, Breslau zu verlassen, wurden den Eltern alle Kinder unter sieben Jayren gewaltsam entrisien und der Taufe zugeführt. Das Judengut wurde theils für Klöster nnd Kirchen verwendet, theils für König Ladislaus eingezogen. Der letztere gab der Stadt am 2. Febr. 1454 das Privileg, daß die Juden auf ewige Zeiten aus Breslau verbannt sein sollten. Der Judenmord und der augenblickliche Vortheil, die drückenden Judenschulden los zu sein, brachten der Stadt keinen dauernden Gewinn. Eine traurige Zeit brach über die Stadt herein. Die erwachte Bürgerkraft und das felbstbewußte Gefühl der Unabhängigkeit überschritt bei den Kaufleuten und Innungen gar zu bald die Grenzen der vernünftigen Mäßigung. Mit dem Tode des Ladislaus Posthumus begannen endlose Streitigkeiten um die böhmisch-schlesische Krone. Georg Podiebrad, durch den Willen des verstordenen Ladislaus zum König designirts, wurde von Breslau nicht anerkannt; seine Zuneigung zur hussitischen Ketzerei war der Vorwand der Weigerung, der wahre Grund die Furcht vor Podiebrad's Thatkrast. Die Curie unterstützte schließlich das aberwitzige Unternehnien der Stadt. Fortwährende äußere Kriege und häufige Pöbelaufstände im Innern zerrütteten schnell ihre Kraft und ihr Vermögen. Nach Podiebrad's Tode wurde es nicht bester. Als 1474 ein zehnjähriger Fried« mit Polen geschlosten wurde, war die Umgebung von Breslau aus zehn Meilen in die Runde ein einziger Trümmerhaufen. "Nachdem endlich nach dem Tode von Podiebrad's Nachfolger Matthias Corvinus, der böhmische König Ladislaus, der Sohn Kasimir's von Polen, auch von den schlesischen Ständen und dem Breslauer Rath anerkannt war, wurde die Lage nach Außen einen Augenblick ruhiger. Aber bald traf ein anderer nicht minder harter Schlag die schwer geprüfte Stadt. Johann Albert von Polen verbot seinen Unterthanen jeden Handel nach Breslau, er errichtete Waarenniederlagen in Posen, Kalisch und Krakau und verbot, mit Breslauern in seinem Lande zu handeln. Die finanziellen Verhältniste der Stadt, deren Gedeihen und Fortschreiten auf den: Handel mit den aus Polen eingeführten Produkten beruhte, wurden dadurch dem Untergange nahe gebracht. Vergeblich waren alle Bemühungen, Decrete und Verhandlungen; erst 1515 gelang es dem Rathe, die alten Verhältniste, freilich unter manchen drückenden Bedingungen, wieder herzustelle». Es ist nicht auffallend, daß bei solchen! Sachverhalt die Juden nicht gerade eifrig darauf bedacht waren, in der schwer heimgesuchten Stadt ein neues gefahrvolles Heini zu suchen. Was sollten die selbst überall Verfolgten und Friedlosen in einer Stadt, die mit aller Welt in fcfitfiQov Fohdn» 11nS m («M«? (U)«(4«n konnten sie auch von der Niederlastung an einem Handelsplatz erwarten, der durch die polnische Handelssperre dem sicheren finanziellen Ruin entgegenging? Anders wurde es, als auf Grund der net--״ Verträge die Bürgerschaft von "Neuen! erstarkte, als unter r^dislaus' und Ludwigs schwachen Regierungen der in seinem A.sxhen befestigte und durch den Schaden gewitzigte Rath die Vor«- leidenschast richtig zu zügeln, aber auch nach den Zeitbedürfnisten richtig zu benutzen verstand, als durch den glücklich bewirkten Anschluß an die Reformation der Bürgersinn und der Genieingeist neu belebt und genährt wurde. Die letzteren Vorgänge sielen in die zwanziger Jahre des 16. Jahrhunderts, und schon 1532 begehrt König Ferdinand von den Rathmannen der Stadt Breslau, ״den Abraham juden, des Emerichen sun, vor iemandts unrecht hanndthabe zu schürzen und schurmen." Fünf Jahre später stellte Ferdinand an den Rath bereits das Ansinnen, in Zukunft von jedem zu den Jahrmärkten herbeikommenden Juden eine Steuer von einem ungarischen Gulden für die kaiserliche Kaste zu erheben. Daß der Rath die Zumuthung im Hinblick auf die Handelsverhältniste der Stadt, die der fremden jüdischen Handelsleute nicht entbehren könne, zurückwies, ist ebenso interessant, wie die sich aus jenem Ansinnen ergebende Thatsache, daß die Zahl der zeitweise anrsesenden Juden eine immerhin bedeutende gewesen sein muß. (Fortsetzung folgt.) Mt Dir »tter»rtsch«r ftetiten von Lewysohn werden in nächster Rümmer fortgesetzt.