Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Literaturblatt · 1876-05-15 · Nr. 10. (15.5.1876) · p. Seite 39

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
5 (1876)
Issue
Nr. 10. (15.5.1876)
Date
1876-05-15
Page
Seite 39 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/5367336-5990818-5990979--0577-5367611
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

39 Exegetische Bemerkung. Die Peßach-Nummer der ״Jsr. Wochenschrift" regte wieder die judenfeindliche Erklärung von 6yob, 12, 35 u. 36 an, wonach die Israeliten bei ihrem Auszuge aus Aegypten silberne und goldeneGeräthe entliehen (so übersetzen zuerst die Septuaginta) und dann unredlicher Weise fremdes Gut mitgenommen, die Äegypter also listiger Weise betrogen und das Land ausgeleert haben sollen. Diese Deutung ist sachlich und sprachlich salsch. Wann sollen die Israeliten die Kostbarkeiten entliehen haben? Als sie im Sclavendienste waren und von den Aegyptern gewaltsam darin festgehalten wurden? Da hatten Sclaven wohl solche Bedürsnisie nicht, und die Israeliten standen unmöglich in solcher Gunst beiihren Frohn- Herren, um solche Forderungen haben wagen und auf deren Befriedigung haben hoffen zu können. Oder als das Sclavenverhältniß aufgelöst war, und die Israeliten sich zur Abreise anschickten? So stellt die Bibel das Geschehnis; dar. (Exod. 3, 21 u. 22. 11, 1 u. 2). Da konnte wohl in der Gewißheit des Nimmerwiedersehens von einem Entleihen solcher Gegenstände nicht die Rede sein. Also sachlich ist die erwähnte Auslegung undenkbar. Sprachlich ist sie eben so falsch. Denn וישאלם heißt nur ״leihen", wenn es mit dem Dativ der Person (—1ל) verbunden ist, welcher hier fehlt; nicht mit dem Accusativ der Person, der man leiht, wie hier (ם—). Man vergleiche: 1. Sam. 1, 28: השאלתיהו לך׳• Unsere Stelle besagt einfach: Die Israeliten forderten — und fanden mit ihren Forderungen bei den Aegyptern eine so wohlwollende Aufnahme, daß diese nicht blos gaben, sondern zum Fordern drängten und veranlaßten (Eausative Bedeutung der Hiphilform). Die Israeliten forderten, vielleicht weil sie glaubten, für ihre langjährigen, erzwungenen und nicht bezahlten Dienstleistungen ei» Recht dazu zu haben, vielleicht aber auch, weil die Gegenstände ihr Eigenthum waren, dessen die Gemaltherren die Sclaven wohl früher beraubt hatten. Letzteres ist das Wahrscheinlichste, da die Israeliten die Forderung, also eigentlich Zurückforderung der Gegenstände, auf Moses Veranlassung, machten, der ein zweifelhaftes Anrecht ivohl nicht unterstützt haben würde. Jedenfalls forderten die Israeliten die Gegenstände als Eigenthum, nicht als Darlehn. Bon Betrug und List kann also dabei nicht die Rede sein, denn die Aegypter waren sich der Entäußerung des Eigenthums bewußt; ebenso wenig kann von Gewalt gesprochen werden, da die Jsraeliten eine solche nicht zu üben vermochten. Die Äegypter gaden aber nicht blos, was gefordert wurde, sondern veranlaßten die Israeliten zu fordern, was ihnen rechtmäßig zukam, oder gaben ihnen auch wohl von dem Eigenen, theils zum reichlichen Ersatz für die vielleicht abhanden gekommeneil, ursprünglichen Gegenstände, oder uin die Israeliten zum eiligen Abzüge zu drängen, und sie vom mühseligen und zeitraubenden Zusammensuchen und -holen ihrer eigenen Habseligkeilen zurückzuhalten, da für die Äegypter Gefahr im Verzüge war. Die Äegypter überhäuften die Israeliten derart mit Werthgegenständen, daß sie vollbeladen gleichsam Aegypten ausleerten. Es ist also nach keiner Seite hin von betrügerischen Absichten und Vorgängen die Rede, weder die Israeliten, noch die Aegypter dachten an ein Entleihen und Zurückfordern der Gegenstände. 1ישאלום heißt: Sie (die Äegypter) machten sie (die Israeliten) fordern, veranlaßten, drängten sie dazu. Das Susfixunl (Object) des fraglichen Zeitworts bezieht sich nicht aus die Gegenstände (silberne und goldene Geräthe), sondern die Person, aber in dieser Cvnstruction heißt das Wort ״sordein machen" nicht ״leihen" (Kinder Israel); Raschi deutet das richtige Verständniß an; 2אף מה שלא היו שואלים ה ״ היו נותנים להם אתה אומר אחד טיל שנים ולךAuch was die Israeliten nicht forderten, gaben ihnen die Äegypter; forderte Jemand ein Stück, so sprach man: ״Nimm doch zwei, und mach Dich fort." ür. Rothschild (Alzey). LileratArbericht. Rereufiouen. Aast«, vr. David. Die Etyik des Maimonides. Iahresbericht des jüd. theol. -Seminars zu Breslau. Es war ein glücklicher Griff, den der Vers, gethan, da er sich das überschriftlich angezeigte Thema zum Vorwurf einer gründlichen Abhandlung für das nach dem Tode des allverehrten ersten — der Zeit sowohl wie der Bedeutung nach — Direktors des jüd. theol. Seminars zu Breslau veröffentlichte erste Programm wählte. Schon in dem Titel: ״Die Ethik des Maimonides" spiegelt sich gleichsam der Geist ab, der im Seminar bisher gewaltet, der Geist der Forschung und der Pietät; unter diesem Doppelgestirn geht das Seminar segenverheißend aus der vergangenen Epoche in die neue über. Aber dieser äußere, wohlthuende Eindruck verwandelt sich für den in den Inhalt dieser Programmarbeit tiefer eingehenden Leser allniählich in eine innere Zufriedenheit und, je weiter man vordringt, in ein erhebendes Bewundern, wie wenn man in einen schönen, sorgsam gepflegten Garten, den man vorher schon von außen mit Wohlgefallen überblickt hat, eintritt und die Reize und anmuthenden Lieblichkeiten erst genau in Augenschein ninimt. Ganz so ist es uns mit der vorliegenden Arbeit ergangen. Auch in ihr nehmen wir die Entfaltung eines umfangreichen Wissens auf dem einschlägigen Gebiete, einer Fülle emsigen Sammelns und geistigen Verarbeitens bis in die feinsten Verzweigungen wahr, bewundernswürdige Belesenheit und ausdauernden Untersuchnngsgeist, der den reichlich vorhandenen Stoff erschöpfend verwerthet und in geeigneter Darstellung geordnet hat. Wir bewegen uns darin auf geebneten Pfaden, begegnen weder schwindelerregenden Höhen, noch steil abfallenden Senkungen, die den Fuß des beschaulichen Wanderers zum Wanken oder Straucheln bringen können; wir sinden in dem Buche keine kühnen Hypothesen, keine gewagten Conjecturen, dagegen, durch Vergleiche verschiedener Ausgaben der maimonidischen Schriften und ihrer Ueberlragungen herbeigesührt, wohlgelungene und einleuchtende Verbesserungen und Vervollständigungen fehler- Mangel- und zweifelhafter Stellen. Und dennoch wirkt es auf den Geist durch Erweiterung und Vertiefung der Kenntniß des mainronidischen Schriftthums. In gleicher Weise wird das Gemüth des Lesers berührt und ergriffen, wie z. B. in der Einleitung, wo von der vorwiegenden Aufgabe der jüdischen Ethik z. Z. des Maimonides abgehandelt wird, und worin so manches Beherzigenswerthe auch für die heutigen maßgebenden Gelehrten in Israel enthalten ist, so daß das Werk sich an den ganzen Menschen wendet, für den fachmännisch gebildeten Israeliten ebenso werthvoll ist, wie für denjenigen, der -in diesem Wiffenszweige nicht heimisch ist. Ja, selbst der Nichtisraelit muß es mit großem Interesse lesen; und schon die Form ist derart, daß die intereffante Aufklärungen, welche es zu geben hat, eS in weitere Kreise tragen werden, und dadurch der ethische Gehalt des Judenthums sich verbreiten wird, was in unteren Tagen, da die Urtheilc über jüdische Sittlichkeit meist absprechend lauten, um so höher anzuschlagen ist. Auch konnte es nicht fehlen, daß die Untersuchung der Ethik des Maimonides den; gelehrten Verfaffer nach kurzer Abfertigung der nichtjüdiichen Quellen zu einer verhältliißmäßig längeren Besprechung der ethischen Literatur des vormaimonidischen Judenthums Anlaß gegeben, und so giebt das Werk eigentlich eine Geschichte der jüdischen Ethik bis auf Maimonides oder der jüdischen Ethik überhaupt, da die späteren Religionsphilosophen hierin mehr oder weniger Mainionides gefolgt sind. — Was aber dem Gelehrten diese Abhandlung noch werthvoller und anziehender macht, das ist die stetige Rücksichtnahme auf Griechen und Araber, die Vergleichungen der Änschauungen und Lehren des Maimonides mit den bald wörtlich übereinstimmenden bald sich widersprechenden und ausschließenden des Aristoteles, des Königs im Reiche der mittelalterlichen Philosophie, und mit denen seines zahlreichen Gefolges, der ara-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.