Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 5 (1876)
- Issue
- Nr. 10. (15.5.1876)
- Date
- 1876-05-15
- Page
- Seite 38 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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38 bescheidene Forscher und Förderer jüdischen Wissens, sie vorher genau copirt. Sie stammten aus den Jahren 1303—1343. Neun Tage hatlen im April 1346 etwa fünfzig 2rute gebraucht, um die Grabsteine an den neuen Ort ihrer Bestimmung zu befördern; zugleich ein Beweis, wie zahlreich damals die Juden in Breslau gewesen sein müssen. Die Gemeindeinstitute waren in jener Zeit ebenfalls in bester Ordnung. Die Gemeinde besaß zwei Synagogen, einen Rabbiner, der damals ״Bischof der Breslau'schen Juden" hieß, und mehrere Lehrer, ma^istri schdlae genannt. Jene eben erwähnte barbarische Gewalkthat war nur der Vorbote größerer Schrecken. Das Jahr 1349, ein Schreckens-׳ jahr für alle europäischen Juden, war auch für Breslau das Jahr des ersten Judenmordes. Bei einer neuen Feuersbrunst am Donnerstag vor Pfingsten wurden alle Juden ״ermordet und erschlagen", wie es in der von Oelsner (S. 54) mitgetheillen Urkunde heißt. Die Krone und der Magistrat theilten sich in die Erbschaft. Nichts desto weniger fanden sich schon im folgenden Jahre die Juden wieder ein. Von jetzt ab wurden ne jedoch nur noch auf beschränkte Zeit, meist nicht länger als 2—6 Jahre, geduldet. Ludwig Oelsner entwirft in treffenden Zügen ein lebenswahres Bild von dem Einzelleben eines Breslauer Juden der damaligen Zeit. Nachdem der Ankömmling einen SicherheitSbries des Nathes gelöst, trifft er am festgesetzten Tage mit den Seinen hier ein. Geschieht es am ersten Mai, so entrichtet er sogleich die Halste seines Jahrgeschosses, die andere Hälfte zahlt er am 1. October. Hiermit ist er aller Pflichten gegen die Stadt ledig, sein Schutzbries schirmt ihn ausdrücklich vor aller Beschatzung und Bede. Was kümmert ihn die Verwaltung, die Verschönerung, die Vertheidigung der Stadt? Er bezieht ein Haus, und zunächst war es das natürlichste, daß der neue Ankömmling in der fremden Stadt sich in der Nähe seiner Glaubensgenossen anzutausen oder einzumiethen wünschte. Nun ging er an sein unglückliches Gewerbe, den Zweck seiner ganzen Ausiedlung, das einzige Band zwischen ihm und der christlichen Bevölkerung. Er leiht Geld aus auf ZinS und mahnt es wieder ein ״nach jüdischen Sitten, seinem Frieden unbeschadet". Uebrigens hatten es die Juden schließlich gelernt, selbst unter den schwersten Leide» des Exils sich zu constituiren. 1353 schon finden wir wieder eine Gemeinde vor, deren Bischof oder geistliches Oberhaupt Isaak hieß. Wir erfahren ferner von den Scholaren Pessach und Smogil, vermuthlich Talmudschülern des Rabbiners, von Schul- und Hauslehrern, von Abra- Ham, dem Glöckner, d. h. Synagogendiener, von Smogil, dem Pergamentschreiber, und von Jacob, Mockey und Smogil, den Fleischern, ja sogar von Abraham, dem Augenarzt. Geldbesitz war das Ziel eines Jeden, nur der Arme machte aus dem Studium einen Lebenserwerb. In der That sind in einem erhaltenen Stcuerverzeichniß die Gelehrten am niedrigsten taxirte ״Der Augenarzt zahlt jährlich eine halbe Mark, ein Lehrer nur den vierten, ja selbst den achten Theil einer Mark. Der Bischof Isaak selber war 1357 mit 1'/, Mark oder 35 Thalern unseres Geldes besteuert." Freilich scheint das nun sehr hoch zu sein. Es war aber auch bloß der Voranschlag, 'der ihn so veranlagte. Denn am Rande findet sich wirklich die Notiz: hat nichts gezahlt. (Fortsetzung folgt.) Nochmals zum Ursprung der Sprache. Wie ein Vater sich seines Kindes erbarmt, so möchte auch ich mich eines in 'Nr. 4 d. Bl. angegriffenen Artikels aus der Grätz-Frankel'schen Monatsschrift annehmen; — denn ich bin der Vater jenes in Form einer Notiz austretenden, harmlosen, bescheidenen Kindes. Daß demselben ein so gewalliger und gewichtiger Angriff zu Theil werdeil würde, daß es mit so schwerem Geschütz, wie in der Nr. 4 dieses friedlichen Literaturblattes aufgefahren ist, angegriffen werden sollte, hätte ich kaum ahnen können. Nun hätte ich allerdings den durch Zufall jener Notiz in der genannten Monatsschrift umgebängten Mantel der Anonymität benutzen können, um abzuwarten, ob aus dem freundlichen Lesepublikum vielleicht eine mitleidige Seele sich meines namenlosen Kindes annehmen würde — allein, da dies bisher nicht geschah, so mögen meine Worte zur Vertheidigung ans Tageslicht treten. Der Herr Vers, kämpft, wie mir scheint, gegen Wind- Mühlen: er spricht von ״Erfindung" der Sprache, während in meinem Artikel von ״Sprachbildung" die Rede ist. Man kann ganz und gar der Ansicht sein, daß die Denkthätigkeit und Sprache um die Worte aus Nr. 4 zu gebrauchen, ״ein nothwendiges menschliches Attribut, unentbehrlich zu seiner (wessen?) ״Definition" sei, — und doch die Frage aufwerfen und zu lösen sucheil: wie aber bildete sich;um dieses denksähige und zur Sprache veranlagte Geschöpf seine Sprache? Und auf diese Frage giebt die Genesis in der besprochenen Stelle eine schöne Lösung, indem sie lehrt, daß der von seiner Sprachfähigkeit thatsächlich Gebrauch machende Mensch, welcher also sein Sprachbilden-Können durch Sprachbjldung zur Sprache überführte, dieß nicht durch willkürlich angegriffene, vem Wesen der umgebenden Dinge fremdartige Zeichen, sondern nach denjenigen Eindrücken gethan, welche die Eigenartigkeit der Dinge aus ihn gemacht Wenn also in Nr. 4 gesagt und ausgeführt wird: ״die Erfindung der Sprache — und das scheinen sowohl Grimm und Max Müller als auch der Versaffer jenes Artikels in der Grätz'schen Monatsschrift nicht beachtet zu haben — die Erfindung der Sprache gehört nicht mehr in den Entwickelungsgang der Menschen, sondern in den Entwickelungsprozcß zum Menschen," so halte ich dafür, daß von ״Erfindüng" der Sprache ebensowenig kann geredet werden, wie von Erfindung des Gehens oder Lachens. Das in sstr. 4 ausgesprochene Bedenken, warum der Bericht über den Ursprung der Sprache nicht erst nach der Schöpfung des WeibeS gegeben sei, um auch sie an diesem Verdienste participiren zu lasten, ist wohl nicht ernst gemeint. Das sieht man sowohl an dem billigen Witz über die Redseligkeit der Frauen, sowie auch an der angeführten Stelle Genesis I, 17, wo von Tag und Nacht, Licht und Finsterniß, aber nicht vom Menschen die Rede ist. *) Will man auf dieses Gebiet sich begeben, dann würde der Herr Berf. des Artikels in Nr. 4 zunächst die Frage z» beantworten haben: Mit wem hat denn Adam gesprochen vor der Schöpfung.des Weibes? etwa mit den lieben Engelein? Nun sagt der Herr Vers, wohl: ״In der That finden wir auch den Menschen schon vor dieser Episode (in Genesis II, 19—23) in hochwichtiger Unterredung, Nämlich im ersten Capitel Vers 27 (nicht 28, wie angegeben) heißt es: g,-6 ויאמר und auch auf Vers 29 ist hingewiejen (während V. 28 gemeint ist) und bemerkt ganz unzweifelhaft richtig: ״wer aber eine Sprache hören und verstehen kann, der braucht sich nicht mehr mit den ersten Sprachversuchcn zu beschäftigen." Allein, zeigt dieser Einwand nicht von Flüchtigkeit und Eilsertigkeit? Wer kann den Pluralis 76ם lesen, ohne daran zu denken, daß die folgende Rede Gottes sich sowohl an Adam als auch an Eva richtete? Dieser Vers setzt eben wie der vorhergehende den in Genesis II, 19 bis 23 gegebenen Bericht voraus. Danzig. vr. I. Wall er st ein. *) Soll ja offenbar I. 27 heißen l Für Druckfehler ist Verfasser nicht verantisortlich zu machen. Red.