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Das jüdische Literaturblatt · 1876-03-15 · Nr. 6. (15.3.1876) · p. Seite 23

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
5 (1876)
Issue
Nr. 6. (15.3.1876)
Date
1876-03-15
Page
Seite 23 (sequence 3)
Language
German
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23 muß geradezu als hinkend bezeichnet werden, wenn anders Rabenu Tam z. St. nicht ganz unberücksichtigt bleiben soll, der ja die Boraita: למה היו קורץ בכית הכנסת in ganz anderem Sinne und zwar in einer Weise auslegt, daß hierdurch der Zeitpunkt, wann zur Zeit der Tanaim das Maaribgebet in den Synagogen verrichtet wurde, auch nicht im Entferntesten angedeutet ist. Aus all dem ergiebt sich aber zur Evidenz, daß nur die Erklärung, welche Raschi z. St. giebt, die in Wahrheit zutreffende ist. Auch sehe ich nicht den geringsten Zwang, um dieselbe in der Antwort durchzuführen. Zur ferneren Bestätigung verweise ich übrigens noch auf die erste Mischna in Thaanit und die daraus bezügliche Gemara eine Stelle, die zu der hier besprochenen ein recht pragmatisches Analogon bietet. Auch dort lesen wir zu Anfang der Mischna מאימתי מוכירץ und in der Gemara, ganz so wie hier die Frage ׳תנא היכא קאי welche doch aber offenbar durch nichts anderes, als durch die scheinbare systematische Unzulänglichkeit der Mischna begründet ist. Eine einschlägige Betrachtung stellen Tosaphot zu Berachot 35» an, indem sie die Quelle der Berachot als notorisch voraussetzen, um so ein Berständuiß dafür zu gewinnen, warum dort die Geniara nicht ebenso wie hier, hinsichtlich des כיצד מברכץ, womit die Mischna ansängt, die Frage stellt: תנא היכא האי? Aus unsere Gemara zurückkommend, sei zum Schluffe noch Eins bemerkt. Um mit der Frage ת״ה״ק ganz im Reineu zu sein, bedarf es noch einer Erläuterung. Denn, streng genommen, ist das bisher gekannte Motiv nicht einleuchtend genug, da es doch keineswegs als eine Lückenhaftigkeit anzusehen ist, wenn die Mischna in ihre Verordnungen in Bezug ׳aus das Sch'ma nicht ein Gebot incorporirt, das ausdrücklich in der Torah verzeichnet ist. Es erst zu citiren, iväre überslüssig und ist auch sonst bekanntlich nicht die Weise der Mischna. Die Frage hat aber wohl darin ihre Begründung, daß die Gemara zunächst constatiren will, wie die Mischna die Schriftstelle ודברת בם ובשכבך versteht, da hierüber Meinungsverschiedenheiten obwalteten, und es wie pag. 21a ersichtlich, Amoräer gab, welche sie als aus דברי תורה bezogen und קריאת שמע als דרבנן erklärten. Tosaphot zu Sota 32 k. führen daher nebst vielen anderen Stellen auch biese als Beleg dafür an, daß דאורייתא ק״ש sei. Hamburg. Alexander Fischer. Literaturbericht. Recenfionen. Aosevjweig, Dr. A., Rabbiner der Synagogen-Gemeinde zu Pasewalk. Zur Einleitung in die Bücher ״Esra und Nehemia". Berlin, Ed. Götz'sche Buchhandlung (A. Pickert und Winkler) 1876. — 54 S. Fürwitziger Referent, sei auf deiner Hut! - denn Proseffor Fleischer hat diese Arbeit als ״druckwürdig" bezeichnet. Nun ein Proseffor, zumal wenn er Dekan ist — und in dieser Eigenschaft hat doch wohl Prof. F. sein Urtheil abgegeben? — geht dabei von ganz besonderen Gesichtspunkten aus. Uebrigens hat er auch vollkommen Recht. Nach allen Regeln der Kunst ist die Arbeit gefertigt, ganz nach der Schablone. Etwas Morgengrauen wird freilich schon sichtbar. Wir meinen die Stellen, in welchen der Vers, die Anschauungen des einfachen Menschenverstandes gegen die Schablone vertritt. Z. B. S. 10, 11, wo sehr weitläustg auseinandergesctzt wird, daß nur wenige Schriftsteller frühere Zeiten anders, als durch die Brille ihrer Zeit gesehen haben, und S. 26, 27, wo gegen den Schluß, 1>aß das Vorkommen derselben Wortsormen gleiche Zeit oder gar denselben Versaffcr bedingt, proteslirt wird. Freilich Handelt Herr R. nicht nach seinen Worten. Denn S. 15 führt 1 er eine Fülle von Ausdrücken an, welche angeblich in Esra und Nehemia den Ueberarbeiter — den Chronisten — erkennen lasten Solche Beweise dürsten nach des Verf.'S Ansicht gar nicht gebracht werden. Wir vermeinen, daß durch sie höchstens eine Gleichzeitigkeit, nie aber die Abfaffung von denselben Autoren gefolgert werden kann. Dazu giebt Herr R. bei einzelnen Beispielen selbst zu, daß sie auch anderwärts Vorkommen — darunter התנדב im Deborahliede, einem gewiß sehr alten Schriftdenkmale —; bei andern ist dies ohne seine Angabe der Fall, wie beispielsweise העיר ה' את רוח Jeremia 51, 11 — (ויער Chaggai 1, 14 — 11 ויעבירו קול. B. M. 36, 6. Im I. Ehr. 29, 2 steht nicht בבהם, sondern ובבל בהי, was schon I. B. M. 31, 6 vorkommt, dagegen בבהם Josua 14,11. Wenn nun Herr R. (S. 27) ein viel zuv ^lässigeres Erkennungsmittel für den Ursprung zweier Bücher in der ״Feststellung der Grundsätze, der leitenden Ideen — der Ermittelung der Tendenz" des Verfassers sieht, so hat er ein anderes schwankeudes und zerbrechliches Rohr als Stütze sich erwählt. Denn denselben Grundsätzen. Ideen und Tendenzen können zwei Menscheu auch in verschiedenen Zeiten huldigen. Ja ein und derselbe Mensch mag zu verschiedenen Zeiten — selbst während er ein Buch schreibt — nach verschiedenen Seilen sich Hinneigen. Diese Jdenlisicirungssucht mahnt lebhast an die Weise des Midrasch, der z. B. alle Schandthaten Dathan und Abiram aufbürdet, weil ihm diese als schlechte Menschen bekannt waren. Den Chronisten möchten wir nebenher vor der Art des ״theokratische» Pragmallsmus", wie sie Herr R. darstellt (I. 19. 23), in Schutz nehinen. Man kann zugeben, daß der Chronist gern Priester, Leviten, Opferdienst heroorhebt — aber muß er darum schon zum Lügner, zum Geschichtsfälscher werden? Vier Verfasser und vier Zeiten erkennt Herr R. in Esra und Nehemia. Esra: K. 7, 27. 28; 8,1—34; 9,1-15; Nehemia 1. 6—7; 5; 11, 1—2; 12, 27— etwa 46; 10; 43, 6, 31, möglicher Weise auch 13, 1—5. Der Chronist 1, 1—6, 22: 7; 10, 6—10 (möglicher Weise auch 11—26). Das Andere hat ein nach der Zeit Alexander des Großen lebender Verfaffer. etwa 300 v. geschrieben. Der Beweis von ״Jaddua" steht, gelinde gesagt, aus sehr schwachen Füßen. Der Chaffidäer, der dieser letzte Bearbeiter sein soll, daß heißt doch nichts Anderes, als daß in den ihin zugeschriebenen Stücken die Lehr- und Lebensansicht hervortritt, welche durch Esra begründet, durch die Soserim und die Pharisäer weiter entwickelt worden ist. — Wo aber in aller Welt wurden oder werden Bücher in solcher Weise geschrieben? Nach dieser Schablone soll es .ms ein Leichtes sein, nachzuweisen. daß Herr R. eine mythische Person, und daß sein Bn hlein von 15 verschiedenen Versaffern und Ueberarbeiter» vor der Drucklegung tractirt worden ist. - In Z 3 wird die Historicität des I. Theils Esra gegen Schräder eingehend und gut vertheidigt. Einen eigenthümlichen Eindruck macht die dem Büchlein vorangeschickte Widmung und Vorrede (S. 3—6). Der schwülstige Styl, die falschen Bilder (״mein Haupt hob sich hin zur düstern Stunde des Scheidens" u. dgl.) erschweren die Theilnah>ne an dem Schinerze des Vers, über das Hiiischeiden seines Vaters. Auch ist diese Vorrede nicht die passende Stelle, da ״es einmal Zeit ist, daß Klarheit über das Wesen und den Zweck dieser Anstalt (der Hochschule f. d. W. d I.) verbreitet werde." Wir haben dahin zielende Ausführungeil besser geiormt, überzeugender und begründeter gehalten, an andern Orten gelesen, von welchen aus sie ins Publikum dringen können. Auch Herr llr. Lewy dürste über die gewiß ehrlich gemeinte, aber so seltsam bekundete Liebe und Verehrung, die der Verfaffer ihm bezeigt, gar bedächtig sein Haupt geschüttelt haben. Uebrigens wollen wir auch nicht unerwähnt lasten, daß der Vers, in der Vorrede ausdrücklich erklärt, daß die veröffentlichte Arbeit kein Ganzes, sondern nur einen Theil eines im Manuscript bereits fertigen Commentars zu den BB. Esra und Nehentia bilde, besten Veröffentlichung jedensalls zu wünschm ist. Dr. Lewin.

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