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Das jüdische Literaturblatt · 1875-12-15 · Nr. 24. (15.12.1875) · p. Seite 94

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
4 (1875)
Issue
Nr. 24. (15.12.1875)
Date
1875-12-15
Page
Seite 94 (sequence 2)
Language
German
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94 a»S eifern Schneeflöckchen angewachsene Lüge von der christlichen Barncherzigkei: kennzeichnet': ״Das Lamm in den Tatzen Von Liebe schwatzen" (Abraham b. Jsaac bei Zunz 321). Und auch Lege»..eine, andere Aenßerung des Vorworts kann man nichts ernstlich einwenden: ״Diese» Zeugenninth möchte ich dem heutigen Israel als Spiegel Vorhalten. Freilich — diejenigen aus Israel, die den Golt ihrer Vater für daS goldene Kalb falscher Aufklärung oder schnöden Mainmonsdiensies dahingegeben haben, werden den Muth ihrer Väter nicht verstehen. Aber noch sind in Israel die siebentausend, die ihre Kniee nicht vor Baal geberrgt haben." Ja. es gibt noch eine große Zahl solcher, die für die Größe ihres Volkes nicht alles Verstärrdniß eingebüßt haben, besonders —״wennsie von Nichtjuden ihnen dargetezt wird. Und vor Allem der Jugend gehöpt diese Erzählung. Sie vermag ein unsichtbares Samenkörn mächtiger Liebe für den eigenen Stamm in ein empsängliches Herz einzusenken, unter den Schauern, die sie einem jungen Gemüthe einflößt, keiint die köstliche Pflanze treuer Anhäuglichkeit an den leidgeprüften Glauben. Und so kann für das nahe Ehanukasesl, die Feier unserer Blutzcugenschajt, kein geeigneteres Geschenk für jüdische minder empfohlen werde», als dieses herrliche Zeugniß unseres auch in späteren Jahr- Hunderten immer von?lenem siegreich bewährten Märlyrerthums. In den Thränen, die sie den! Auge der verschiedenartigften Menschen entlockt, bewährt sich das Allgemeinmenschliche der Poesie. Die Thränen, die ob dieser Erzählung ans jüdischen und christlichen Augen perlen, werden aber mehr fein als ein bloßer Sold für der Dichtung reinigende, heilige Gewalt, in ihnen wird etwas von dem Lieh׳e der Versöhnung glänzen, in der Bedrücker und Bedrückte, Wolf und Lamm dereinst in Frieden zusammen wohnen sollen. l)r. I). K. Aus dem mittelalterlichen Berlin. 11. Das zweite Bild, welches wir unfern Lesern auszurollen haben, ist noch siusterer, noch reicher an Grausamkeit und Ungerechtigkeit. Der Jude Lippold, ein gewandter, geschäjtskundiger, vielseitig unterrichteter Mann, war bei dem Kurfürsten Joachim H. (1535—1571), der mit Mulh und Tapferkeit, mit klarem Verstände und einem weichen Herzen reichlich gesegnet war, Kammerdiener. Am Hose dieses Fürsten, der ein heiterer und gemüthlicher, bei seinem Volke beliebter Herr war, ging es ost i» dulci jubilo her. Glänzende Turnire und Ringelstechen wechselten mit großen Jagden, mit dem Hetzen milder Thiere, mit köstlichen Wettrennen, Banketten. Bällen, Mumnlereien und Feuerwerken. Das Geld aber suchte Joachim sich dadurch zu verschaffen, daß er den 151» rertriedenen Juden gegen ein Schutzgeld von jährlich 42,000 Thlr. den Rückzug in die Mark gestattete und daß er von Lippold, der als Kammerdiener gute Geschäfte gemacht und inzwischen Kämmerer, schließlich aber Münzmeister geworden war, auf Pfand lieh. Beiden! verschwenderischen Hoshaushalt konnteein so gewandter Manit, wie Lippold, der das Vertrauen seines Fürsten, weil er stets Rath wußte, in sollen. Mäße besaßt daß er u>rf$renb ei^es Deceitninms vom einfachen Kammerdiener zum Geheimen KLmmerier, vom Kämmerier zuin Münzmei:er.', nnd endlich zutn sürsiliHen Leibarzt u1(i' Balpuier avancDe? «ist‘ GM^ verdienen." Leider war Lippold, der überall im verä^tilcheii Sinne nur ״der Jude Lippold" hieß, am 3. Januar 1571 auf einer Wolfsjagd in Cöpenik zugegen, wo der Kurfürst plötzlich erkrankte und starb. In seiner Stellung als Leibarzt, und da der eigentliche Leibarzt, der I)r. Lutlier, Sohn des Resorinators, in Berlin war. reichte Lippold dem Fürsten in Gegenwart des J.igdgesotgeS und des Löpnicker Arztes zur Stärkung gegen die Schwäche ein GlaS Malaga. Da nun Lippold durch seinen jüdischen Hochmuth bei Hofe sehr verhaßt war, weil er Vielen durch denselben webe gethan, durch seine Wucher- Zinsen geschädigt, so hieß. eS allgemein: ״er habe den Fürsteil vergiftet." Insbesondere aber war Johann Georg (1571—1503), ein ordnungsliebender, sparsamer, strenger Herr, dem der Vater 2,600,010 Gulde» an Schulden hinterlassen, auf den Juden Lippold. den er für den Verführer des Fürsten, für einen Wucherer und Zauberer hielt, sehr böse. Mit Begierde ging daher der neue Kurfürst aus das widersinnige Gerücht ein, welches das Volk toll machte, daß der Jude Lippold den guten, gnädigen Herrn vergiftet, ließ ihn bereits anl 6. Januar in ein Harles Gefängniß werfen uub einen Pro eß auf Tod und Leben wider ihn anstrengen. Aber trotz der peinlichsten Untersuchung konnte dem Juden, der seinen Richtern Anfangs Alles eingestand, keine Veruntreuuug kein Betrug, keine Unterschlagung nachgewieseu werden. Seine Bücher waren in bester Ordnung, und die Anklage, daß er die kurfürstlichen Kassen, die kurfürstliche Münze bestohlen, inußte, weil Alles stimmte, fallen gelassen werden. Lippold hatte nur gegen die Kleinigkeit von 54 pCt. auf sichere Pfänder, davon man noch für 11,000 Thaler in seinem Hause vorfand, geliehen und sich dadurch sei» Vermögen erworben. Derartige Geschäfte waren aber den Juden erlaubt und kamen in allen Ländern, vornämlich in Sachse», Württemberg nnd Polen vor. Ans der Tortur, wo der gemarterte Mensch mit der Zeit, unter geschickter Anwendung des Henkers, Alles bekennt, bekannte sich denn auch Lippold der Untreue, der Zauberei, ja, des Mordes seines Fürsten schuldig. Wie konnte es aber von besonnenen Richtern geglaubt werden, daß ein Mann, der nur durch die Gunst seines Herrn exislirie, nur durch diese in Amt und Würden erhalten wurde, der demselben in seiner Art stets treu und ergeben war, dem alle Welt feind, seinen einzigen Wohlthäter ohne allen Grund vergiften sollte? Genug, Lippold, gegen den alle Grade der Folter: die spanischen Stiesel, die Daumenschrauben, die eiserne Jungfrau, die Leiter in Anwendung gebracht wurden, gestand endlich, was immer man wünschte und haben wollte, schließlich sogar die Vergiftung seines Herrn, obwohl die berühmtesten Aerzte bei der Obduction des Leichnams auch nicht ein Atom von Gift vorgefunde». Durch Zauberei aber hatte Lippold des Kurfürsten Zu- Neigung gewonnen. Aber wie? Er nahm den Zahn eines schwarzen Hundes, einige Menschenknochen, die Eingeweide einer Schwalbe, einen Faden Zwirn, die Zunge eines Huhns, einen Zipfel von dem Rock, ein Stückchen von der Hose, eine Locke des Kurfürsten, beschrieb dies mit seinen Zaubersprüchen und

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