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Das jüdische Literaturblatt · 1875-12-15 · Nr. 24. (15.12.1875) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
4 (1875)
Issue
Nr. 24. (15.12.1875)
Date
1875-12-15
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Wischt Mtcraliitlilall. Zur Jeleuchlnng aller Juden- Ihum u. Juden delressenden lilerarischen Erscheinungen auf km Gedirle der Philosophie,Geschichte,Elhnographik.Lheoiogir, prirntali«, Exegese, Homiletik, Liturgik, Pädagogik. Hercrusgegebcn von Rabbiner vr. Moritz lahmer Magdeburg, IS. Deeember 187S. Bücher der einschlägigen Literalur, weiche der iied de» ״Iük. tkileralurdlali" in Magdeburg (oder der,Lsrael. Wachenschr." in Stettin) zugesandt werden, finden in diesem Platte ringehende Besprechung. My Erscheint zweimal monatlich. *11 - schrist" (bic jährl. 9 Mark toflet) g Preis pro Jahrgang 4 Mark. Für di« Abonnenten der ״Israelitischen Wochenr a t i s. Zu beziehen durch alle Buchhandlungen; in Leipzig durch Robert Fries« 4. Jahrgang Der Tanz zum Tode. Ein Nachtstiick ans dem vierzehnten Jahrhundert. *) ״Ihr wollet euch an Schrecken weiden? Gehet, leset ihre Leiden!" (Mose den Esra bei Zunz, Syn. Poesie 21). ״Wenn es eine Stufenleiter von Leiden gibt, jo hat Isra el die höchste Staffel erstiegen; wenn die Dauer der Schmerzen und die Geduld, mit welcher sie ertragen werden, adeln, so nehmen es die Juden mit den Hochgeborenen aller Länder auf; wenn eine Literatur reich genannt wird, die wenige klassische Trauerspiele besitzt, welcher Platz gebührt dann einer Tragödie, die anderthalb Jahrtausende währt, gedichtet und dargestellt von den Helden selber?" So spricht der Mann, der die Schmerzensausbrüche des mittelalterlichen Israel durchgeforscht und durchgesühlt hat wie Keiner vor ihm und hinabgetaucht ist in den Thränenstrom, der in der Fülle von Butz- und Leidensgebeten durch unser Schriftthum sich ergossen, der unvergleichliche Geschichtsschreiber der synagogalen Poesie, Leopold Zunz. Aber nicht dadurch wird jenen Leiden ihr Recht und ihre Sühne, wenn Denker und Forscher in Bewunderung sie hervorholen aus dem Schachte der Vergesienheit, dann erst erfahren sie, was sie verdienen, wenn Dichters-׳ und Künstler's- Hand de» Glorienschein der Erhabenheit und Verehrung um sie webt. Dann sind aber auch jene Leiden nicht blos Geschichte, sondern auch für die Gegenwart gelitten, der sie Ver׳- söhnlichkeit ins Herz flößen und durch Furcht und Mitleid jene Erschütterung und Reinigung der Leidenschaften bereiten, in der der Weise von Stagira die heilsame Wirkung des Trauerspiels entdeckte. In diesem Sinne verdient ein Büchlein Beachtung, das sich mit Recht ein Nachtstück nennt. Es erzählt uns die Geschichte von dem Untergang der Judengemeinde zu Nordhausen im Thüringerland. Nicht was es erzählt, soll hier berichtet werden, denn das soll man aus ihm selber erlesen und unverkürzt genießen; ich will nur zeigen, wie es erzählt. Und da ist vor Allem zu sagen, daß der Erzähler nicht zum Stamme der Gepeinigten gehört, er ist sogar, wie er in seinem kurzen Vorwort zeigt, nicht frei von dem Wunsche, daß Israel mit ihm bald den erkenne, ״der Israels Trost und ihr Nothhelser ist", aber das hat seine Erzählung nicht beeinträchtigt. Sie *) Nach urkundlichen Miltheilungen des Professor Franz Delitzsch erzählt von Richard Reinhard. Leipzig, Otto Giiilei.;Preis: 1 Mark.) verdient schon darum alles Lob, weil ln ihr all die Worte und Wörtlein sehle», mit denen ״die Frommen im Lande" so gerne von den Juden sprechen, weil sie frei ist von aller Bekehrungssucht und jedem Allcinseligkeitsdünkel, weil die reinste Bewunderung und eine Art von andächtiger Liebe für die Blutzeugen unserer Geschichte wohlthuend aus ihr entgegenathmen Aber auch dichterisch muß man an ihr seine Freude haben, sind doch auch die Schmerzen und Erschütterungen, die ein echtes Gedicht uns bereitet, Befreiungen »nd Freuden für das empfängliche Gemüth. Es ist eine herzumschnürende Handlung, die da vorgeführt wird. Darum muß man das Feingefühl und den Zartsinn anerkennen, der sich darin bekundet, daß nicht allzuviel im Schmerze gewühlt und vielmehr der Macht der Thatsachen ihre eigene Sprache belasten wird, die immer tiefer wirkt und mehr zu Herzen dringt als alle rührselige Schwatzhaftigkeit und plumpe Vordringlichkeit des Erzählers. Es ist kein Kleines, auf so engnnirisseneni Raume eine solche Fülle von Leben und Bewegung sestzuhalten, als hier geschieht. So wenig von den Gestalten uns gesagt wird, es reicht hin, uns als Menschen für sie zu erwärmen und sie leibhaftig mit warmen Blut und starken Leidenschaften auf uns wirken zu lasten. Licht und Schatten, Ton und Farbe sind vortrefflich vertheilt und der geschilverte Vorgang theilt sich mit einer Lebhaftigkeit uns mit, die aus lange der Vergestenheit entgegenwirkt. Dem Kenner wird es besonders eigen zu Muthe, wenn er hier aus Stiften und Steinche» ein färbenprächtiges Bild zusammengesetzt sieht und aus spärlichen geschichtlichen Angabe», deren Dürftigkeit ihn stets schmerzlich berühren mußte, in der Hand des Dichters ein lebensvolles, durchaus klares Stück Geschichte gestaltet findet. Man darf es Pros. Delitzsch Dank misten, daß er die Bausteinchen zu diesem Gedichte geliefert. Und selbst seine Aeußerung am Schluste des Ganzen wird die Dankbarlcit nicht schmälern, wenn man bei ihr nur bedenkt, daß mit anderen Worten sie jeder von uns zugeben möchte. Er schreibt: ״Ich gedachte jener alten Märtyrer, deren Seelen für glühende Liebe nach dem Vorbilde Christi empfänglich gewesen wären -- sie werden einst im letztentscheidenden Gericht diejenigen anklagen, die sie mit Haß gegen das Chrisienthnni erfüllten und ihnen unmöglich machten, den Heiland zu erkennen und zu lieben." Ja, sie erfährt eine grausame Beleuchtung, diese Aeußerung, durch die ihr vorhergehende Geschichte. Das uralte Verslcin will nicht aus dem Sinn, das so wunderbar die lawinenartig

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