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Das jüdische Literaturblatt · 1875-11-15 · Nr. 22. (15.11.1875) · p. Seite 86

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
4 (1875)
Issue
Nr. 22. (15.11.1875)
Date
1875-11-15
Page
Seite 86 (sequence 2)
Language
German
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So bot die Frage, 011 noch dem mosaischen Verbote, am Sabbath Feuer anzuzünden, der Gebrauch eines Lichtes am Abend vorher gestaltet sei, nm* einer ihrer berühmtesten Schriftsteiler »ach dem Beispiele seines Urgroßvaters zu bejahen wagte, die jiaraiten in zwei Abtheilungen gctheill, deren eine die Benutzung eines Lichtes zulüßt, während die andere es für unerlaubt hält. In den minder zahlreichen karäitischen Gemeinden herrscht durchgehends eine große Armuth, und die Bevölkerung ernährt sich theils vom dürftigen Acker, theils vom Produkten- und Pserdehandel; in den größeren finden sich ansehnliche Kaufleute und Landwirthe. J»1 Aeußeren erscheinen sie den übrigen Eingeborenen etwas näher stehend, als die übrigen Juden, nur unterscheiden sich die Männer durch den Zuschnitt ihres Kaftans und ihren Bart von den aiidereii Einwohnern.ihrer'Gegend. Ueberall lebe» sie indeß sehr abgesondert und sind in der Beobachtung ihrer eigenthümlichen Gebräuche viel strenger, als die Rabbaniten, mit deuen sie auch nicht essen, weil sie die Speisen derselben nicht für rein halten; sür rein gilt ihnen nur das, was ihr Chacham geschlachtet hat. Dieser ist über- Haupt der unmittelbare Herr seiner Gemeinde; mit seiner Zustimmung werden Ehen geschlossen und getrennt, er ist der Schiedsrichter bei allen vorkommenden Familien- und Rechtsstreitigkeiten, und seinem Urtheile unterwerfen sich die Parleien willig. Er predigt bisweilen in tatarischer Sprache und hält auch Leichenreden. Die Genieinde wird durch ihre Gebräuche stark gefesselt und vor fremdem Einfluß, auch vor fremder Wissenschaft, bewahrt. Indeß sind die ttaraitcn nichts weniger als Feinde der Wissenschaften. Ihre Bücher betunden eine ganz und gar nicht unbedeutende Kenntniß der Astronomie, Grammatik und Hermeneutik, Alles nach der arabisch-maimonidischen Schule. In der neueren Zeit haben sie auch die von anderen Juden in hebräischer Sprache verfaßten wißenschaftlichen Werke gelesen und streben offenbar nach Fortschritten. Sie achten kein Geld, um in den Besitz guter Bücher zu gelange», und verwenden gern bedeutende Mittel ans den Druck ihrer mitunter sehr werthvolleu Manuskripte, den sie jedoch, bei der Absonderung, in welcher sie leben, nur selten zu bewertstelligen Gelegenheit finden. Die Mara'iten haben zahlreiche Gebete; täglich dauert das Gebet, schnell gesprochen, eine Stunde, am Sabbath und an den Feiertagen, die mit deiren der übrigen Juden in der Hauptbedeutung gleich sind, über vier Stunden. Ihre heutige Gebetordnung, in der selbst manches rabbinische Stück einen Platz gefunden, stammt aus den letzten Jahren des dreizehnten Jahr- Hunderts, und ihre meist aus Bibelverseu zusammengesetzten Gebete sind seil etwa sieben Jahrhunderten mit vielen poetischen Zuthateu genannter und ungenannter Autoren bereichert worden. Bei Familienseierlichkeiten, am Sabbath und sonst einige Male werden religiöse Borträge gehaste» und wie bei den übrigen Juden heißt der Redner auch hier: Darschan. Die Karäiten fasten sehr viel, Manche alle Montage und Donnerstage. Jeder Gläubige besucht mehrmals des Jahres den Begräbnißplatz und betet sür die Seelen der Dahingeschiedenen. Die Reicheren machen auch wohl Wallfahrten nach Palästina, um die Gräber der Erzväter bei Hebron zu besuchen. Einen Tobten rührt Keiner an; die Beschäftigung mit demselbeir überlaßen sie bestimmten Todtenpflegern bis er im Sarge liegt, wo sie denselben dann selbst zur Bestattung bringen. Ueberharrpt stehen die Reinigungsgesetze bei ihnen in besonderer Heiligkeit. I» Betreff vieler Gebräuche find die Kgräite» überaus ängstlich und bis auf die geringsten KleiufgUten sorgfältig; sie leiste» nur ungern Kriegsdienste und laßen sich, erlauben es irgend ihre Mittel, in der Regel davon auslöse». Ihre bürgerlichen Sitten sind in höchst seltener Weise unbescholten. Sie sind in dieser Beziehung die strengsten Richter, Helsen aber jedem sinkenden Genoßen so kräftig empor, daß nicht leicht einer aus Roth und Mangel zu einem Verbrechen kommen kann. Man weiß seil vier Jahrhunderten kein Beispiel einer Verurtheilung eines Karäiten wegen Verbrechens. Der karaltische Kaufmann steht überall in einem so hohen Ruse der Redlichkeit, daß in der ganzen Krim sei» Wort so viel gilt, als ein schriftliches Versprechen. Von Seiten der russischen Regierung erfreuen sie sich eines besonderen Schutzes und sind von den Beschränkungen der übrigen Juden ausgenommen. Der Centralpunkt und Hauptsitz der Krim'schen Karäiten ist die sogenannte Judenburg Tschusut Kale, eine der wenigen ausschließlich von Juden bewohnten Niederlaßungen, die es auf der Erde giebt, wenn nicht die einzige. Die Stadt liegt etiva eine halbe Stunde von der alten Tatarenhauptstadt Baklschisarai, auf dem Gipfel einer der höchsten Felsenklippen der Krim, am Ende einer Bergschlucht, die zwischen Felsenmaßen eingezwüngt ist, welche in den barockste», abenteuerlichsten Gestalten hervortreten und gegen die im Grunde liegenden blühenden und grünenden Gärten eine» herrlichen Aontraft bilden. Zu dieser Felsenstadt gelangt n>an auf einem sehr steilen Wege, der kurz vor dem Thore so steil wird, daß Pferde nur mit großer Mühe auf den äußersteil Spitzen der Füße hiir; au'zuklettern vermögen. Das starke Eisenthor hat Aeh alichkeit mit dem «. ■ nev mittelalterlichen Burg, nnd zahlreiche finstere, eyclopenartige Höhlen, die den Karäiten zur Bergung ihres Viehes bei;)!acht und bei Unwetter dienen, und die über und neben einander gebant sind, gähnen dem Aukommeadeu entgegen. Die Wohnhäuser sind sümmtlich aus große» Steinstücken ausgeführt, dabei klein, niedrig, nicht mit Fenstern, aber uad> orientalischer Weise mit flachen Dächern versehen und von Höfen ningeben, die mit hohen Mauern eingefaßt sind. In diese schlüpft man durch enge Steinthüren hinein, und ztvischen diesen höhlcnartigeil Steiiihäuserlr sind die Straßen, welchen der Felsen, aus dem sie erbaut sind, zugleich als Pflaster dient, ganz schmal eingeengt, lies, krumm, planlos sich verzweigend. Nirgends erblickt man in den Straßen oder Höfen einen Baum oder Strauch, ja keinen einzigen Grashalm, Alles trägt die graue Steinfarbe, den Typus eines wahren Felsenilestes. Von hier aus ziehen dann wandernde karaltische Händler in die Steppe, um den Tataren Lebens- und Unterhaltsbedürsniße zuzusühren, nach hierher kehren sie zur Feier ihrer religiösen Feste zurück. Ihre Tracht ist vollständig diejenige der »lohamedanischen Tataren und auch an Gewohnheit und Sprache haben sie viele tatarische Elemente mit übernommen. Diejenigen Karatten, welche handwerltreibend sind, sind vorzugsweise Schmiede, und es gewährt einen seltsamen Anblick, solche Wanderschmieden in der Steppe ausgeschlagen zu sehen, bald hier bald dorthin den Tatareil folgend mit ihren glühenden Offen und dem lauten Ton des schwingenden Hammers.

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